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Aus dem Archiv von sportschau.de
09.02.2012 | 08:30 Uhr
Sexuelle Ausbeutung als Schattenseite der WM
Von Stefanie Hallberg
Die Vorbereitungen für die Fußball-WM laufen auf vollen Touren. Hoteliers und Kneipenwirte rechnen mit dem großen Geschäft - genauso wie Zuhälter und Bordellbesitzer. Mit Blick auf hunderttausende von Männern, die das Mega-Event besuchen werden, geht das Milieu auf die Suche nach Prostituierten.
"Anfragen im großen Stil"
"In der Ukraine und Litauen geht bei der Suche nach Prostituierten gerade die Post ab", sagt Schwester Leonie Beving von der Hilfsorganisation Solwodi in Duisburg. Ähnlich ist die Situation in Tschechien. ARD -Korrespondent Peter Hornung berichtet von Anfragen deutscher Nachtclubbesitzer bei Etablissements vor Ort.
"Diese Anfragen kommen nicht punktuell, sondern im großen Stil, zum Beispiel von einem großen Bordell in Köln" sagt Hornung. Auch in einschlägigen Rubriken von Zeitungen erscheinen immer wieder Anzeigen, in denen das deutsche Rotlicht-Milieu nach Frauen für Sex-Dienste in Deutschland sucht.
Hornung rechnet damit, dass allein aus Tschechien mehrere Hundert Frauen nach Deutschland einreisen könnten, um dort anzuschaffen. Wie viele Frauen freiwillig oder unter Zwang kommen werden, weiß keiner genau, weder das Innenministerium in Düsseldorf noch Polizei oder Hilfsorganisationen. "Es werden sicher mehr sein als zu den normalen Messen wie 'Jagd und Hund'", schätzt Regina Uysal von der Mitternachtsmission in Dortmund.
Und wie zu anderen Zeiten auch, komme eine Teil der Frauen legal, während andere mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt würden. "In Osteuropa zum Beispiel werden Anzeigen geschaltet, in denen nach Messehostessen oder Haushaltshilfen gesucht wird", erzählt Schwester Leoni. Einmal in den Händen des Schleusers oder Zuhälters werde den Frauen meist Pass und Geld abgenommen. Dann zwinge man sie brutal dazu, im Bordell oder auf dem Strich ihren Körper zu verkaufen. Solwodi rechnet damit, dass selbst Frauen, die freiwillig einreisen, um mit Prostitution das versprochene gute Geld zu machen, Opfer von Zwangsprostitution werden könnten.
Die offiziellen Stellen in NRW bleiben aber ruhig. "Wir sind gut darauf vorbereitet, die Kriminalität in diesem Bereich wirksam zu bekämpfen", heißt es im Düsseldorfer Innenministerium. In den drei nordrhein-westfälischen WM-Städten betont man, dass Prostitution legal sei und Zwangsprostitution eher ein Randthema. Und das werde derzeit ziemlich "aufgeblasen", so eine Sprecherin der Stadt Köln. Man habe bewährte Strukturen, um das Milieu zu überwachen, auf die man während der WM zurückgreifen werde.
Auch die Dortmunder Polizei fühlt sich bezüglich Zwangsprostitution gut gewappnet. Sie will die "Szene", zu der sie nach eigenen Angaben gute Kontakte hat und die "ohnehin transparent" sei, während der WM fast rund um die Uhr kontrollieren. Die Gelsenkirchener Polizei weist darauf in, dass sie im Jahr 2005 lediglich drei Fälle von Menschenhandel zu bearbeiten hatte. Die Stadt geht davon aus, dass sich WM-Gäste bei Bedarf in Richtung Bochum und Essen orientieren.
Kampagne 'Stoppt Zwangsprostitution'
Für die Hilfsorganisationen ist jede Zwangsprostituierte eine zu viel. Für sie ist die WM eine willkommene Gelegenheit, um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Der Deutsche Frauenrat hat die Kampagne "Abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution" gestartet. Unterstützt wird sie unter anderem vom Bund Deutscher Kriminalbeamter und, nach scharfer öffentlicher Kritik, auch vom DFB. Neben T-Shirts sollen Broschüren und Trillerpfeifen die Aktion bekannt machen. "Stoppt Zwangsprostitution" ist eine weitere Kampagne, mit der unterer anderem die Gewerkschaft der Polizei potenzielle Freier dafür sensibilisieren will, dass in Deutschland Frauen und Mädchen zu sexuellen Diensten gezwungen werden.
Mit Blick auf die WM wurden auch Hilfsangebote aufgestockt. Mehrere Notrufe und Hotlines für betroffene Frauen und besorgte Freier wurden eingerichtet und Broschüren zur Aufklärung gedruckt. Regina Uysal von der Mitternachtsmission: "Die wenigsten Freier haben ein Interesse daran, zu einem gequälten Opfer von Menschenhandel zu gehen."
Stand: 28.05.2006, 09:53 Uhr
Links in der ARD
Links im WWW
Aktionen von Solwodi zur Fußball-WM
Abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution