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Aus dem Archiv von sportschau.de
08.02.2012 | 11:42 Uhr
Von stillgelegten Reisebussen und deutschen Schäferhunden
Von Jochen Lohmann
In den vier WM-Wochen befand sich die offizielle Fan-Botschaft in Berlin-Charlottenburg in einem schmucklosen Gewerbekomplex an der Budapester Straße gegenüber der Gedächtniskirche. Hier versuchten die freiwilligen Helfer täglich von elf bis 24 Uhr in- und ausländischen Fans in allen Fragen rund um die WM und Berlin zu helfen. Ralf Busch (44), der oberste Fan-Betreuer Berlin, sitzt an einem Schreibtisch in einer Ecke des siebziger Jahre Großraumbüros und beantwortet eMails. Die Anstrengungen der letzten Wochen sind ihm ins Gesicht geschrieben, er sieht müde aus.
Ralf Busch und sein Team haben viele Fans sehr glücklich gemacht.
Der große schlanke Mann mit dem sanften schwäbischen Dialekt, den er in über 20 Jahren in Berlin nicht verloren hat, blickt zufrieden auf die WM und den Einsatz der vielen ehramtlichen Helfer zurück. "Dass die Weltmeisterschaft ein so friedliches und fröhliches Fest geworden ist, dazu hat auch das phantastische Wetter und das gute Abscheiden der deutschen Mannschaft beigetragen. Aber darauf sollte man es nicht reduzieren." Er lobt ausdrücklich die Polizei. "Selten habe ich bei Fußballspielen die Polizei so entspannt und zurückhaltend erlebt. Kurzärmlige Hemden statt volle Kampfmontur, das macht doch gleich eine ganz andere Stimmung."
Busch weist daraufhin, dass gerade die Fan-Projekte mit ihrer Lobbyarbeit im Vorfeld der WM entscheidend auf die maßvolle Polizei-Taktik eingewirkt haben: "Gebetsmühlenartig haben wir immer wieder darauf hingewiesen, dass das Gerede von den gefährlichen Hooliganscharen viel von Panikmache hatte. Hoffentlich wird das Polizei-Konzept in die kommende Bundesliga-Saison rübergerettet," so Busch.
Ralf Busch weiß, wovon er spricht. Er ist Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Fan-Projekte und arbeitet seit 16 Jahren in Berlin mit den Fans von Hertha BSC, 1. FC Union und dem BFC Dynamo. Dazu gehören auch so genannte Problemfans und Hooligans. "Aber die sind bei der WM kaum in Erscheinung getreten," erzählt Busch. Sozial-pädagogische Fähigkeiten waren weniger gefragt als organisatorisch-beratende Hilfestellungen.
Nur beim Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien hätte es Schwierigkeiten zwischen Fans und Sicherheitskräften gegeben: "Die argentinischen Ultras wollten ein nicht genehmigtes 55 mal 20 Meter großes Riesentransparent mit ins Stadion nehmen. Doch damit kamen sie nicht rein." Beim vorherigen Spiel der Argentinier habe es bereits Ärger gegeben, erzählt Busch in seiner unaufgeregten Art: "Die haben Sitze rausgerissen und so." Am Olympiastadion versuchte er im vorgeschriebenen Business-Outfit vergeblich zwischen Fans und der Security zu vermitteln: "Dabei hätte ich mich in Jeans und T-Shirts wohler gefühlt. Im Anzug sehen die Fans in mir eher einen Vertreter der FIFA. Aber die FIFA wollte es halt so."
Mehr Erfolg hatten die freiwilligen Helfer im Fall zweier Franzosen. "Die kamen in die Fan-Botschaft und wollten wissen, ob sie noch Tickets für das Spiel der Franzosen am selben Abend in Leipzig bekommen könnten." Eigentlich ein unmögliches Unterfangen, doch nach einem Telefonat mit der Leipziger Fan-Botschaft machte ein Gerücht Hoffnung. In einem Leipziger Grand Hotel säße ein Mann, der Tickets verkaufe. Die Frau an der Rezeption des Leipziger Nobelhotels konnte helfen.
Sie vermittelte die Handynummer des Kartenhändlers an die zwei Franzosen in Berlin. Es stellte sich heraus, dass der französische Fußballverband in dem Hotel abgestiegen war und dort ein Funktionär die restlichen Karten des Verbandskontingentes zum regulären Preis an französische Staatsbürger verkaufte. Die beiden Franzosen, die ihren Junggesellenabschied mit einem Abstecher nach Berlin feiern wollten, konnten dank der Volunteers so live an einem WM-Spiel teilnehmen.
Nicht nur der Weg ins Stadion, sondern auch der Weg nach Hause konnte zum Problem werden. So legte die Berliner Polizei den Bus einer ukrainischen Reisegruppe wegen verkehrsgefährdender Mängel und fehlender grüner Versicherungskarte still. Dabei waren die Ukrainer vorher mit ihrem Bus bei den Spielen in Leipzig und in Hamburg gewesen.
Zu ihrem eigenen Glück wandten sich die ukrainischen Fans an die Fan-Botschaft: Die Volunteers suchten nach einer neuen Rückreisemöglichkeit für die Liegengebliebenen. Die regulären Busverbindungen von Berlin aus waren alle ausgebucht. Dann erklärte sich ein Busunternehmer, der planmäßig die Route Köln Kiew fährt, zu einem Umweg über Potsdam bereit.
Doch nicht jede Anfrage konnten die freundlichen Volunteers beantworten. Besonders kurios und hoffentlich nicht ernst gemeint war die Frage eines südkoreanischen Fans, wo man deutschen Schäferhund essen könne. Dieser Mann musste leider hungrig bleiben, aber ein Blick in das Gästebuch der Fan-Botschaft zeigt: Ralf Busch und sein Team haben viele Fans sehr glücklich gemacht.
Stand: 11.07.2006, 12:45 Uhr
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