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Aus dem Archiv von sportschau.de
08.02.2012 | 11:32 Uhr
Blick zurück
Von Stanley Schmidt
Hat diese Weltmeisterschaft Berlin verändert? Zumindest für die Dauer des Turniers kann man das uneingeschränkt bejahen. Es begann mit einer stimmungsvollen Eröffnungsparty am Brandenburger Tor, die mehr war als ein lahmer Ersatz für die ausgefallene offizielle FIFA-Feier. Und was sich dann anschloss war eine Dauerparty: Fröhliche Menschen in zum Teil ausgefallener Fankleidung, Gelassenheit auch in Stresssituationen, kein Gemecker über Staus der Berliner war kaum wieder zu erkennen.
Die Straße des 17. Juni wenige Tage bevor sie zur Fanmeile wurde.
Natürlich trug neben dem guten Abschneiden der deutschen Mannschaft auch das fast tropische Klima zur südlich-mediterranen Grundstimmung bei. Das Leben spielte sich draußen ab und in großer Gemeinschaft. Gemeinsames Fernsehen unter freiem Himmel, Public Viewing genannt, wurde zur Erfolgsnummer. Trotz reichlichen Alkoholkonsums waren aggressive Töne eher selten. Hooligans sah man nicht. Unsere Polizei trat freundlich und locker auf, übernahm aber souverän das Kommando, wenn Ärger drohte.
Die Teilnehmer-Zahlen auf der Fanmeile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor reichten mitunter fast an die Millionengrenze. Der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, zeigte sich jedenfalls hocherfreut über die Berlin-Werbebilder, die um die Welt gingen. Und selbst das mit der Auslastung weniger zufrieden gestellte Hotelgewerbe hofft auf die Langzeitwirkung dieser Weltmeisterschaft. Ein großer Teil der rund 50.000 Schweden, die den hiesigen Kneipen und Brauerein einen beachtlichen Umsatz verschafft hatten, wird sicher über einen späteren Urlaub in Berlin nachdenken.
Die meisten Besucher strömten zum Halbfinale zur Fanmeile: über eine Million Zuschauer
Was sonst auffiel? Die große Zahl junger Frauen, die sonst eher selten bei Fußballereignissen gesichtet werden. Es war eben doch mehr als ein Fußballfest, teilweise erinnerte es an die Loveparade. Und natürlich fielen die zahlreichen Deutschland-Fahnen ins Auge, an Häuserwänden, Autos und als Kleidungsschmuck. Ein fröhlich-unverkrampfter Patriotismus, besonders bei jungen Menschen, war zu bemerken. Und die meisten Ausländer, die dazu befragt wurden, fanden es eher angenehm, dass die Deutschen ihre Verkrampfung in Bezug auf nationale Symbole offenbar abgelegt hatten.
Schwarz-rot-gold dominierte zwar das Bild, doch schwenkten auch die anderen munter ihre Flaggen. Und an nicht wenigen Balkonen fanden sich höchst unterschiedliche Landesfahnen. Insgesamt entwickelte sich diese WM fast wie von selbst zu einem Multikulti-Hochfest.
Besonders auffallend aber war die Tatsache, dass bei den Jubelfeiern unmittelbar nach den Siegen der Klinsmann-Truppe viele junge Leute türkischer oder arabischer Herkunft die deutsche Fahne schwangen. "Wir haben gewonnen," hörte man sie oft schreien. Zumindest bei dieser Weltmeisterschaft schienen etliche Berliner mit "Migrations-Hintergrund" hierzulande angekommen zu sein.
Ob diese Stimmung nach dem WM-Fest überdauern wird, das gehört zu den offenen Fragen, die bleiben. Wir wissen nur, wie es war. Ob bald wieder der graue Alltag kommt? Zu hoffen ist, dass die Berliner durch diese Weltmeisterschaft Seiten an sich entdeckt haben, die sie als bereichernd empfinden.
Stand: 09.07.2006, 23:59 Uhr
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