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Aus dem Archiv von sportschau.de
08.02.2012 | 11:37 Uhr
Feiermeilenfrei
Von Max Ruppert
"Willst Du Ruhe Dir vor'm Fußball suchen, musst Du eine Kahnfahrt buchen!" - So werben die Kahnfährmänner im Spreewald während der WM für sich. Dort, im Südosten des Landes, herrscht Ruhe vorm WM-Rummel. Und das gilt für fast ganz Brandenburg. Bis auf einige Ausnahmen wie bei den quakenden Fröschen im ukrainischen Mannschaftsquartier in Potsdam oder tief im Land, wo das Thema Weltmeisterschaft auf eher skurrile Art umgesetzt wird.
Die Kähne im Spreewald tragen keine Deutschland-Trikots.
Die erhoffte Busladung mit Spielerfrauen, die saure Gurken vom Kahn kosten, ist bis jetzt nicht gekommen. "Von WM-Boom kann man nicht sprechen", sagt Steffen Franke, Chef der Kahnfährgenossensschaft Lübbenau. Sein Motto einer "fußballfreien Kahnfährhafens" hat er durchgehalten. Bis vor kurzem.
Menschen in Trikots der Teilnehmerländer werden natürlich befördert, schließlich zählt jeder zahlende Gast. Nur zögerlich sind die Spreewälder jetzt noch auf den WM-Zug aufgesprungen. Der in diesen Tagen unvermeidliche Fußball hängt an einem Aufsteller und wirbt für eine "WM-Kahn-Fahrt": Vier Stunden Spreewald-Ruhe für den Preis einer Drei-Stunden-Fahrt zum Preis von neun Euro.
Die Skipper hoffen beispielsweise auf den Ersatztorhüter der Deutschen, der hier seine Magen-Darm-Verstimmung optimal auf dem Wasser auskurieren könnte. Seegang gibt es hier ja nicht. Und da der Name verpflichtet, bekäme er vielleicht sogar seinen eigenen "Olli-Kahn".
Cottbus zeigt sich von seiner umgekickten Seite: WM-freies Cafe mit regem Besucherbetrieb
Dreißig Kilometer weiter südlich, in Cottbus: Hier hat ein Café auf der Haupteinkaufsstraße tatsächlich die "fußballfreie Zone" ausgerufen. Zur besten Fernseh-Zeit, ab 18.30 Uhr, gibt es zehn Prozent Rabatt auf Kuchen, Kaffee, Bier und Cocktails. Und das Café ist voll. Ob das an den Lausitzer Fußball-Muffeln oder einfach nur an den schwül-warmen Temperaturen liegt, ist nicht ganz klar.
Allerdings geht die WM an der Sportstadt Cottbus nicht vorbei. Das beliebte "Public Viewing" lockt an der Technischen Uni etwa 200 Menschen pro Spiel in den Hörsaal. Auch in der Oberkirche und sogar in der Theaterscheune des ehrwürdigen Staatstheaters werden seit dem Achtelfinale alle Spiele gezeigt.
Die verrückteste Idee hatte in Cottbus wohl ein Restaurant mitten auf dem Altmarkt. Das Haus war bis zum Ausscheiden der Mannschaft - die offizielle Trinidad und Tobago-Fankneipe. Über der Altstadt-Fassade hing bis vor kurzem eine überdimensionale rot-schwarze Fahne. Die Bedienungen liefen mit Stulpen und Trikots an die Tische der Gäste. "Uns hat es auf jeden Fall 'was gebracht. Wir sind näher zusammengerückt durch diese Aktion", sagt Daniel Recknagel, Barchef im "Mosquito". Viele Bedienungen kommen aus Cottbus und Umgebung und wussten vorher gar nicht, dass es Trinidad und Tobago gibt. Dem Umsatz hat die Aktion auch gut getan.
Manchmal wird "WM" in Brandenburg auch einfach nur anders interpretiert: "WM das heißt Waldmeisterschaft für uns", sagt Oberförster Holger Galonska. Und er meint das ernst. Ganz im Norden, in der Prignitz, hat der umtriebige Waldmann zehn Mannschaften aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern für die erste offizielle "Waldmeisterschaft" zusammengetrommelt. Die wagemutigen Kicker spielen hier auf einer Lichtung bei Gadow. "Das besondere ist, dass die Bäume mitspielen", sagt Oberschiedsrichter Walter Waldvogel aus dem Austragungsort in der Prignitz. Und auf die Frage, ob die Bäume auch foulen können, sagt er: "Naja ... wenn einer seine Wurzeln ein bisschen rausstreckt, dann kann das schon 'mal passieren, dass ein Baum foult. Aber wir greifen dann hart durch: gelbe Karte, rote Karte, absägen!"
Für die Kicker ein Turnier mit Handicap: Jeder dritte Pass wird von einem Baum abgeblockt. Aber die Teams von "Eisenfuß Dargun" bis "Ackerfurche Elbtalaue" nehmen es gelassen. Am Ende wird Traktor Lenzen, ein Team aus der Prignitz, Wald-Meister. Herzlichen Glückwunsch!
Die Campingplätze in Brandenburg hatten eigentlich auf mehr WM gehofft. Auf dem Eurocamping Spreewaldtor in Groß-Leuthen sind Holländer momentan die exotischsten Ausländer. Die kommen aber jedes Jahr und sind keine WM-Touristen. " Wir hatten schon ein paar Amerikaner hier und Italiener. Die sind zu den Spielen nach Berlin gefahren und kamen zum Ausspannen wieder hier runter", sagt Geschäftsführer Roland Exler. Die Antennenschüsseln der Camper jedenfalls sind auf Empfang gerichtet. Die meisten schauen ganz entspannt in ihren Camping-Mobilen.
I nternationale Spieler hat das Land Brandenburg indes kaum abbekommen. Außer der ukrainischen Mannschaft im Potsdamer See-Hotel Seminaris blieben die Stars von Ballack bis Zidane der Mark fern. Allerdings: Seeluft und quakende Potsdamer Frösche schienen die Ukrainer zeitweise beflügelt zu haben: immerhin schafften sie es ins Viertelfinale!
Stand: 03.07.2006, 12:30 Uhr
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