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Aus dem Archiv von sportschau.de
07.02.2012 | 05:24 Uhr
Mit anderen "Augen"
Von Julia Schneider
In Marburg schreibt ein 13-jähriger Junge WM-Spielberichte für Taubblinde. Er ist selbst von Geburt an blind und möchte gerne Sportreporter werden.
Im Radio zaubert sich Brasilien gerade ins Viertelfinale. "Wo ist Ronaldo", schreit der Kommentator, und Ronaldo macht einen letzten Angriff aufs Tor. Neben dem Radio auf dem Nachttisch sitzt Kevin Barth und fiebert mit. Kevin ist für Ghana aber er bleibt realistisch. "Ich glaube, das wird heute nichts mehr", sagt er.
Das ganze Spiel hat Kevin im Kopf. 90 Minuten lang hat er sich gemerkt, in welchen Minuten die Tore fallen, wer eine gelbe Karte bekommt und welche Mannschaft die besseren Chancen hatte. Dazu braucht er keine Notizen, denn der 13-jährige Junge ist von Geburt an blind. Drei zu Null für Brasilien da pfeift der Schiedsrichter ab. Die Brasilianer feiern und für Kevin beginnt die Arbeit.
Er setzt sich an einen Computer und tippt aus dem Gedächtnis einen Spielbericht in die Tastatur. Der Computer hat eine Sprachausgabe, eine Stimme liest Kevin Wort für Wort oder Buchstabe für Buchstabe vor, was er gerade geschrieben hat. Kevin schreibt die Zeilen zügig runter, seine Finger wuseln über die Tastatur. Wenn er sich vertippt hat und der Computer ihm den Fehler vorliest, meckert Kevin die elektronische Stimme an. "Ach, halt doch die Klappe, schreib doch mal, was ich will!".
Kevins fertiger Text wird von Rudi Ulrich von der Blindenstudienanstalt redigiert und als E-Mail nach Berlin geschickt. Dort setzt ihn eine blinde Frau in Blindenschrift um, und dann wird der Text per Brief an 150 taubblinde Menschen in ganz Deutschland verschickt. Mit anderthalb Tagen Verspätung können auch diese Fußballfans dann aus Kevins Text erfahren, dass Brasilien am Ende nur auf Ergebnis gespielt hat und die Ghanaer sich gut geschlagen haben.
Rudi Ulrich von der Deutschen Blindenstudienanstalt hat den WM-Informationsdienst für Taubblinde ins Leben gerufen. "Denn wer nichts sieht und auch nicht hört, ist normalerweise komplett von der Außenwelt abgeschnitten", sagt er. Deshalb hat Rudi Ulrich Kevin dazu ermuntert, die frühen WM-Spiele zusammenzufassen. Die Spiele, die erst um 21 Uhr beginnen, schreibt er selbst. "Ich wusste, dass Kevin ein absoluter Fußballfan ist. Und er hatte ja auch schon mal ein paar Bundesligaspiele für seine Freunde zusammengefasst," sagt Rudi Ulrich. "Kevin macht das super. Wie er sich die Namen merkt und welche Bilder er aufgreift, obwohl er ja von Geburt an blind ist, das ist fantastisch."
Kevin ist sehr stolz darauf, WM-Reporter zu sein. Denn er lebt für den Fußball. Und er würde später gerne auch mal als Sportreporter arbeiten. Die Wände in seinem Teil des Zimmers in der Wohngruppe der Blindenstudienanstalt sind voll mit Fußballpostern. Kevin weiß selbst schon nicht mehr, wie viele da eigentlich hängen.
Sein Lieblingsclub sind die Bayern. "Wenn die in der Bundesligasaison mal hinten liegen, dann stehe ich im Zimmer und schrei die wieder nach vorne", sagt er. Und wenn er zu Hause ist, bei seinen Eltern in Baden-Württemberg geht er mit seinem Vater auf den Fußballplatz den TSV Heubach anfeuern.
Zwei WM-Spiele hat Kevin sogar live im Stadion erleben können. Da hatte er Kopfhörer auf und hörte einen speziellen Spielbericht für Blinde. "Das war absolut klasse", sagt er. Und für den Ausgang der WM hat er auch schon einen guten Tipp: "Wenn wir Argentinien besiegen können, dann werden wir Weltmeister!"
hr | Stand: 01.07.2006, 15:30 Uhr
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