Der brasilianische Stürmer Romário hat zwei Gesichter. Galavorstellungen auf dem Spielfeld waren bei ihm stets gepaart mit einem geradezu divenhaften Auftreten abseits des grünen Rasens. Bei der WM 1994 zeigte er sich von seiner Schokoladenseite. "Romário, den hat uns der liebe Gott geschickt", jubilierte nicht nur Trainer Carlos Alberto Parreira.
"An guten Tagen bringt er jeden Gegner zur Verzweiflung. An schlechten seinen Trainer." Treffender als der "kicker" kann man das Phänomen Romário kaum beschreiben. Training nannte er "Kalorienverschwendung". Der Gewinn des WM-Titels 1994 wurde für ihn zum Auftakt einer Monate währenden Dauerparty. Sein Klub Flamengo schmiss ihn nach Alkoholeskapaden raus. Gerüchte um Drogenmissbrauch und Steuerhinterziehung machten die Runde. Wegen ausstehender Unterhaltszahlungen für Frau und Kinder landete er 2004 kurzzeitig sogar hinter Gittern.
Doch Romário hatte noch ein anderes Gesicht. "Aus fünf Chancen macht er drei Tore", behauptete Johan Cruyff. Im Mai 2007 erzielte er mit 41 Jahren im Trikot von Vasco da Gama sein 1000. Tor. Das Jubiläum wird aber von der FIFA nicht anerkannt, weil Romário auch 71 Treffer mitrechnet, die er als Amateur und in der Jugend schoss. Fünf Treffer und drei Vorlagen steuerte er zum WM-Titel Brasiliens 1994 bei. In der WM-Qualifikation gelang ihm 2000 gegen Venezuela das Kunststück, in acht Minuten einen Hattrick zu erzielen. Genie und Wahnsinn gingen bei ihm stets Hand in Hand.
Der internationale Durchbruch gelang ihm bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Romário wurde mit sieben Treffern Torschützenkönig, die Selecao holte Silber. Nicht schlecht für einen, dessen internationale Karriere schon als 19-Jähriger zu kippen drohte. Nur wenige Monate nach seinem Debüt im Februar 1985 strich ihn Trainer Jair Pereira aus dem Kader für die Junioren-WM - weil Romário im Mannschaftshotel den Mädchen nachstellte. Die Teilnahme an der Copa America sagte er 1991 ab mit der Begründung, er mache lieber Urlaub. Dazu passte, dass er im Verlauf seiner Karriere mehr Probleme mit dem Gewicht als mit seinen Gegnern hatte.
Zuweilen schwebte der Exzentriker per Hubschrauber zum Training ein, ließ sich von Clan und Leibwächtern jeden Wunsch von den Augen ablesen. Doch trotz aller Eskapaden ist Romário wohl doch der verrückteste von allen Fußballverrückten. Anders kann man sich dann doch nicht erklären, dass er 1988 vor seinem Wechsel nach Eindhoven auf einem Fußballplatz einen Altar errichten ließ, um sich von einem Priester mit seiner Braut Monica vermählen zu lassen!
Frank Menke
Oben: Aus dem Fußball-Lehrbuch: Romario verlädt Mexikos Torwart Perez.
Unten: Romario mit dem WM-Pokal 1994 und als »Beute« junger Autogrammjäger bei einem Benefiz-Auftritt der Selecao in den Slums von Rio de Janeiro 1997.