Selbst für Diego Maradona ist Mario Kempes der Mann, "der dem argentinischen Fußball zu Weltgeltung verhalf". Mit sechs Treffern, davon zwei im Finale gegen die Niederlande, schoss der gut aussehende Frauenschwarm sich zum Torschützenkönig und sein unter der Militärdiktatur ächzendes Land zum ersehnten Weltmeisterschaftstitel.
"Der Gewinn des FIFA-Weltpokals war genau das, was das schwer geprüfte argentinische Volk nötig hatte. Er brachte Freude in sein Leben", sagte Mario Kempes einmal über den größten Erfolg seines Lebens. Mit dem WM-Pokal in der Hand stand der 24-Jährige 1978 auf seinem Karrieregipfel. Sechs Treffer, je ein Doppelpack in drei Spielen, steuerte er zum Titelgewinn bei. Dabei hatte er bis zur Zwischenrunde nicht getroffen. Das Geheimnis des Umschwungs lüftete Coach César Luis Menotti: "Ich sagte ihm, er solle sich seinen Schnurrbart abrasieren."
Mal ganz abgesehen von seinen fußballerischen Qualitäten konnte "El Matador", so sein Spitzname, auch dank seiner optischen Erscheinung punkten, vor allem unter den fußballbegeisterten Damen. Egal, ob mit oder ohne Bart. Der Mann mit den wehenden langen Haaren wurde beim Turnier in seiner Heimat auch zum "Spieler mit dem meisten Sex-Appeal" gekürt. Anders ausgedrückt: Nie war Tore schießen erotischer als zu Kempes’ Zeiten.
Nach Guillermo Stábile 1930 war Kempes der zweite Argentinier, der sich bei einem WM-Turnier die Torjägerkrone aufsetzte. 1976 verließ er für umgerechnet 1,1 Millionen Mark seinen Verein Rosario Central gen Valencia - als bester Goalgetter aller Zeiten. 100 Tore hatte er in zwei Spielzeiten erzielt. Rosario erteilte ihm die Freigabe erst, nachdem die 40.000 Vereinsmitglieder per Abstimmung ihren Segen gegeben hatten. Einer anderen Version zufolge hatte Kempes mit der Beendigung seiner Laufbahn gedroht, sollte man ihn nicht gehen lassen.
Seine Karriere in der Nationalelf beendete Kempes nach der WM 1982. Er spielte eine Zeit lang in Spanien, bevor er noch einmal in Österreich für ein besonderes "Alpenglühen" sorgte. Seinen Wechsel zum Wiener Traditionsklub Vienna kommentierte die "Kronenzeitung" mit den Worten: "Das ist ungefähr so, als wäre der Papst ab Frühjahr Pfarrer von Grinzing." Doch mehr, als knapp den Abstieg zu verhindern, konnte auch Mario Kempes nicht mehr ausrichten.
Als Spielertrainer in Indonesien beendete er 1996 mit 42 Jahren seine aktive Karriere. Er versuchte sich mit wechselhaftem Erfolg als Trainer. Auch privat lief beim Matador vieles nicht so rund wie einst der Ball. Etliche seiner im Fußball verdienten Millionen verschwanden in Anlagegeschäften. Was übrig blieb, verlor er bei der Scheidung von seiner spanischen Ehefrau. Finanziell am Ende, suchte er sogar Unterschlupf in seinem Elternhaus. Doch trotz dieser Nackenschläge grämte er sich nicht: "Die wunderbaren Dinge, die ich erlebt habe, bewahre ich in meinem Gedächtnis auf. Keine Angst, hier wird sie mir niemand klauen."
Frank Menke
Dass Mario Kempes beim Turnier 1978 zum "Spieler mit dem meisten Sex-Appeal" gekürt wurde, verwundert nicht. Dass er am Ende dank überragender fußballerischer Leistungen den Titel für den Gastgeber erringen konnte, hat ihn persönlich vermutlich aber noch mehr gefreut.