Holländer scheitern an Arroganz

Die Euphorie ist riesig in Deutschland. Die Nationalelf geht nach dem Gewinn der Europameisterschaft 1972 vor heimischer Kulisse als Favorit in das WM-Turnier. "Diese Mannschaft ist nur mit einer Maschinenpistole aufzuhalten", schreibt die "Gazetta dello Sport" nach dem deutschen EM-Triumph. Die Niederlande, zum ersten Mal nach 36 Jahren überhaupt wieder für eine WM-Endrunde qualifiziert, könnten die Deutschen im Finale zwar auch ohne Waffengewalt bezwingen. Doch sie scheitern an ihrer Überheblichkeit.

Galerie Dieter Bierbaum 2006. Bild: ARD/Menke Dieter Bierbaum in seinem Büro 1974. Bild: Horstmüller Bierbaum mit einer Delegation der Mannschaft der DDR. Bild: Horstmüller

Kartenmangel, Sonderlack und Bombendrohung

Dieter Bierbaum war 1974 WM-Organisationschef für den Spielort Düsseldorf und erinnert sich an Pannen und Kuriositäten. [Vertonte Galerie]

Schock in der ersten Minute

7. Juli in München, Anpfiff zum WM-Traumfinale Deutschland - Niederlande. Sekunden nach Spielbeginn drängt Cruyff in den Strafraum, wird von Hoeneß gefoult. Elfmeter - 1:0 durch Neeskens. Das Chaos regiert die deutsche Hintermannschaft. Cruyff & Co. sehen sich schon auf der Siegerstraße. Wim van Hanegem sagt nach dem Finale: "Es störte uns nicht, wenn wir nur 1:0 gewannen, so lange wir sie demütigen konnten." Es war der Anfang vom niederländischen Ende.

Krönung für den "Mann mit der Mütze"

Nach Hölzenbeins vermeintlicher "Schwalbe" verwandelt Breitner den Strafstoß zum 1:1. Zwei Minuten vor der Pause die Entscheidung: Flanke Bonhof, Müller stoppt den Ball mit dem Rücken zum Tor, dreht sich um sich selbst und jagt die Kugel an Torhüter Jongbloed vorbei in die Maschen. Es ist die Entscheidung, an der auch der Sturmlauf der Niederländer in der zweiten Hälfte nichts ändert. Deutschlands zweiter WM-Titel nach 1954 ist perfekt. Für Bundestrainer Helmut Schön, den "Mann mit der Mütze", ist es die Krönung seiner Karriere.

DDR schockt BRD

Dabei glaubt zuvor kaum noch jemand an den WM-Titel, als die bundesdeutsche Mannschaft im ersten Länderspiel überhaupt gegen die DDR 0:1 verliert. Millionen stockt der Atem, als Jürgen Sparwasser Sepp Maier überwindet. Der Treffer des Magdeburgers hebt die bundesdeutsche Fußballwelt aus den Angeln. Die DDR wird statt der Bundesrepublik Gruppenerster. Trainer Schön ist ratlos, Kapitän Beckenbauer übernimmt das Kommando, beruft eine nächtliche Krisensitzung ein und rüttelt seine Mitspieler auf. Mit Erfolg.

Polen begeistern

Es folgen das 2:0 gegen Jugoslawien, das 4:2 gegen Schweden und das 1:0 gegen Polen in der "Wasserschlacht" von Frankfurt. Die DDR dagegen hat ihr Pulver verschossen, holt aus der zweiten Finalrunde nur noch einen Punkt. Dagegen begeistern die Polen. Die Mannschaft um Torjäger Lato zeigt frischen Offensiv-Fußball, siegt fünf Mal hintereinander, bis sie gegen Deutschland vergeblich um den Einzug ins Finale kämpft. Immerhin sichern sich die Osteuropäer Platz drei vor den enttäuschenden Brasilianern.

Porträt Johan Cruyff. Foto: dpa

Star des Turniers

Johan Cruyff

Cruyff war der überragende Spieler der WM 1974. Die Vizeweltmeisterschaft war sein größter Erfolg und seine bitterste Niederlage zugleich. Mit Ajax Amsterdam revolutionierte "König Johan" den Fußball. [mehr]

Galerie Johan Cruyff

Porträt Grzegorz Lato. Foto: dpa

Torschützenkönig

Grzegorz Lato

Lato kam als Ersatzmann nach Deutschland und rückte erst durch die Verletzung eines Mitspielers ins Team. Für Polen erzielte er sieben Treffer hatte entscheidenden Anteil am dritten Platz seiner Mannschaft. [mehr]

Galerie Grzegorz Lato

Immer Ärger mit den Frauen ...

Zu einem Eklat im deutschen Lager kam es nach dem Gewinn des WM-Titels 1974. Zum Festbankett hatte der DFB um Präsident Hermann Neuberger die Spielerfrauen ausgeschlossen und bestand auf dieser Entscheidung. Einige Spieler, darunter Gerd Müller, erklärten daraufhin empört ihren Rücktritt von der Nationalelf.

:: Die Finalrunde 1974 im Überblick ::

Finale
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Quelle: sport.ard.de
Flagge DeutschlandDeutschland gegen Flagge NiederlandeNiederlande 2 : 1
Spiel um Platz 3
Flagge PolenPolen gegen Flagge BrasilienBrasilien 1 : 0
2. Runde Gruppe B
Flagge PolenPolen gegen Flagge JugoslawienJugoslawien 2 : 1
Flagge DeutschlandDeutschland gegen Flagge SchwedenSchweden 4 : 2
Flagge SchwedenSchweden gegen Flagge JugoslawienJugoslawien 2 : 1
Flagge DeutschlandDeutschland gegen Flagge PolenPolen 1 : 0
Flagge PolenPolen gegen Flagge SchwedenSchweden 1 : 0
Flagge DeutschlandDeutschland gegen Flagge JugoslawienJugoslawien 2 : 0
2. Runde Gruppe A
Flagge NiederlandeNiederlande gegen Flagge DDRDDR 2 : 0
Flagge BrasilienBrasilien gegen Flagge ArgentinienArgentinien 2 : 1
Flagge NiederlandeNiederlande gegen Flagge BrasilienBrasilien 2 : 0
Flagge ArgentinienArgentinien gegen Flagge DDRDDR 1 : 1
Flagge BrasilienBrasilien gegen Flagge DDRDDR 1 : 0
Flagge NiederlandeNiederlande gegen Flagge ArgentinienArgentinien 4 : 0

Den ganzen Turnierverlauf zeigen

Die WM 1974 in Zahlen
Spiele38
Tore gesamt97
Toreschnitt2,55
Platzverweise5
Zuschauer gesamt1.774.022
Zuschauerschnitt46.685
Stadien9
Tip und Tap, die offiziellen Maskottchen der WM 1974. Bild: Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz Speyer

"Tip und Tap", die Maskottchen der WM

Fotos: dpa, Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz Speyer