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Aus dem Archiv von sportschau.de
09.09.2010 | 19:02 Uhr
Was von dieser WM bleiben wird
Fußballerisch hat diese WM kaum Spuren hinterlassen. Es gab kein neues System, keine neue Philosophie. Trotzdem glaubt sport.ARD.de, dass dieser Monat voller Freude und Begeisterung die Fan-Kultur in Deutschland nachhaltig verändern wird. Ein Ausblick.
Public Viewing beim Berliner Fanfest - ein Millionen-Magnet
Den 16. August dieses Jahres werden sich viele Kneipen-Wirte, Biergarten-Betreiber und Leinwand-Verleiher schon rot im Kalender angestrichen haben. Ebenso den 2. und 6. September sowie den 7. und 11. Oktober. Es sind die nächsten Auftritt der deutschen Nationalmannschaft nach der WM. Ein Test gegen Schweden bildet den Auftakt, dann folgen schon die Qualifikationsspiele zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Es könnten wieder Feiertage werden, auf dem Platz, aber vor allem auf den Plätzen. In der Altstadt, auf dem Markt, im Festzelt, im Biergarten: So viele Fans haben den Spaß an den öffentlichen Fußball-Partys entdeckt, dass das Phänomen des "Public Viewing" erhalten bleiben wird. Vielleicht sogar nicht nur bei Länderspielen, sondern auch bei Top-Spielen im Europapokal oder bei Formel-1-Rennen, wenn Michael Schumacher doch noch einmal zur WM-Krone greift.
Autokorso nach Länderspielen - auch zelebriert von deutschen Fans
Zu diesen Anlässen werden wir auch die vielen XXL-Deutschland-Trikots wiedersehen. Und die Fahnen an den Autos und Häuserwänden oder geschminkt auf Wangen, Bäuche und Oberarme. Dass man sich für die fröhlich in Szene gesetzte Farbenkombination Schwarz, Rot und Gold nicht mehr schämen muss, ist auch eine Erkenntnis dieser Fußball-Festspiele. Ebenso, dass auch deutsche und nicht nur begeisterte südeuropäische Fans mit einem stimmungsvollen Autokorso den Berliner Kudamm oder die Kölner Ringe lahmlegen können. Bundespräsident Horst Köhler freute sich schon aufrichtig, "dass mein Dienstwagen endlich nicht mehr der einzige mit Landesflagge ist".
Sturm und Drang wollen die Fans auch in Zukunft sehen.
So sehr sich das Verhältnis der Deutschen zu ihren Symbolen entspannt, so stark vom Aussterben bedroht ist der stets als "typisch deutsch" apostrophierte Fußball. Jürgen Klinsmann und sein Team haben mit ihrem Mut zum Risiko, dem ständigen Drang nach vorn, der Lust am Vollgas-Fußball Maßstäbe gesetzt, die inzwischen sogar eine schwungvolle Niederlage sympathischer erscheinen lassen als ein errumpeltes 1:0. So eine Einstellung gab es bisher nur in Holland.
Kaum zu glauben, dass ein Experte wie Paul Breitner den Libero Jens Nowotny hinter zwei Manndeckern forderte. Nicht in grauer Vorzeit, sondern während dieser WM, einen Tag nach dem 4:2 über Costa Rica. Inzwischen lobte Breitner Klinsmann für den "kompletten Fußball", den er spielen lässt. In diesem System sind Innenverteidiger vom Schlage Christian Wörns schlicht nicht mehr vorstellbar. Auch Mittelstürmer wie Kevin Kuranyi, die Probleme mit Ballannahme und schnellem Kombinationsspiel haben, passen nicht in diese Philosophie, es sei denn, sie arbeiten an ihren Schwächen und wachsen über sich hinaus. Auch das bleibt von dieser WM und kann durchaus Vorbildcharakter für Außenseiter-Teams in der Bundesliga entfalten: Mit Wille, Teamgeist, Motivation und überragender Fitness sind auch die größten Defizite auszugleichen.
Stand: 11.07.2006, 08:24 Uhr
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