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Aus dem Archiv von sportschau.de
08.02.2012 | 12:21 Uhr
Der "Kaiser" im Porträt
Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland ist Geschichte. Sie war ein triumphaler Erfolg. Wer hätte je daran gezweifelt? Schließlich hieß der Präsident des Organisationskomitees Franz Beckenbauer.
Der Mann aus München-Giesing ist ein Phänomen. Ihm kann man blind vertrauen. Ihm gelingt alles. Mit seinen Füßen, mit seinem Charme, mit seinen Händen, mit seinem Zorn wird alles gut und alles zu Gold.
Neun Jahre seines Lebens hat Beckenbauer dem gewidmet, was am Sonntag (09.07.06) zu Ende ging. Gewidmet - nicht geopfert. Auf diese Nuance legt er Wert. Dabei rückte Beckenbauer sogar formal ins Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf, um Deutschland im Ausland repräsentieren zu dürfen. Beckenbauer wollte Deutschland helfen, er hatte die Vision, die sich jetzt erfüllt hat, und er sah die Chance, die Vision Realität werden zu lassen.
Denn in die Verbandsarbeit hat der DFB-Vize Beckenbauer sich nie einbinden lassen. Er war und bleibt der Libero, der er als Spieler schon war. Er liebt die freie Rolle, er interpretiert sie mit einzigartiger Eleganz und mit Erfolg. Der stürm(er)ische Klinsmann hätte mit ihm gleichziehen können: Weltmeister als Spieler und als Trainer. Aber gegen spielerische Leichtigkeit kommt Sturm und Drang nicht an. Damit kein Missverständnis aufkommt: Beckenbauer ist nichts in den Schoß gefallen. Er hat sich alles hart, gewissenhaft und diszipliniert erarbeitet. Gewiss, er hat einen sehr kompetenten Stab von Mitarbeitern um sich. Aber der Mittelpunkt ist er.
Diplomat Beckenbauer suchte Allianzen, Verbündete. Er hat nie gefordert - allerdings viel von dem genommen, was ihm angetragen wurde. Dabei hat er nie im Stile eines Sonnenkönigs gesagt: Ich bin der Fußball. Auch wenn er bei der WM im Hubschrauber über Deutschland flog, hob er nie vom Boden ab, im Gegenteil: Er teilte seine Impressionen mit den Fans und erzählte ihnen, wie schön Deutschland sei. Zugegeben, jedem zu empfehlen, mal mit dem Hubschrauber über Deutschland zu fliegen, war daneben. Nicht jeder hat einen Sponsor oder Mäzen, der Hubschrauberflüge finanziert. Der normale Fan muss sich damit zufrieden geben, ein Deutschland-Gefühl auf den Fan-Meilen zu entwickeln - und das fasziniert wiederum Beckenbauer.
Der 60-Jährige hält viel von Konfuzius und glaubt an die Wiedergeburt er denkt also in Zeiträumen weit jenseits eines Menschenlebens. Auf einer internationalen Pressekonferenz zum WM-Abschluss in Berlin ist ihm in seinem typisch bayerischen Plauderton ein Satz herausgerutscht, der das Wesen des Franz Beckenbauer entlarvt. Er verrät, was ihn, den Harmoniker, im Innersten bewegt und was ihn im Grunde auch verzweifeln lässt. Zunächst nahm er Anlauf, näherte sich seinem Thema mit einem Lob für ausverkaufte Stadien, für Freude, für Kommunikation, ausgebliebene Aggression und die Fan-Meilen. Und dann: "So stellt sich der liebe Gott die Welt vor. Aber davon ist die Menschheit noch 100.000 Jahre weit entfernt. Der Fußball, diese Weltmeisterschaft, hat einen Monat lang bewiesen, dass Menschen aus den verschiedensten Kulturen friedlich zusammenleben können." Wohlwollend lässt sich formulieren: Beckenbauers Einlassungen könnten ein ums andere Mal visionären Ursprungs sein. Manchmal muss wohl aber auch festgehalten werden: Wer viel gefragt wird, sondert als Antwort auch manchmal Unsinn ab. Aber wer will ihm, dem Kaiser, das schon krumm nehmen?
FIFA-Präsident Blatter hat bei der WM das Bundesverdienstkreuz erhalten. Beckenbauer hatte es schon, trägt es nur selten. Aber was bekommt er? Das "Bundesverdienstkreuz mit/am Ball" wäre das Mindeste. Bundespräsident Horst Köhler ist zwar Schirmherr der Initiative "Deutschland - Land der Ideen", aber wie man Beckenbauer zu danken gedenkt, ist noch nicht durchgesickert.
Beckenbauer bedauert nichts: "Alles geht einmal zu Ende. Alles hat seine Zeit." Er redet über neun Jahre WM-Vorbereitung, über seine Werbeverträge, die ihn zum reichsten Fußballer Deutschlands machen - weit vor Michael Ballack oder Oliver Kahn. Er redet nicht über seine Frauen. Oder doch auch? Es passt ins Bild, dass Beckenbauer während der WM noch Zeit fand, Heidi, die Mutter seiner jüngsten Kinder, zu heiraten. Damit hätten die Paparazzi im Traum nicht gerechnet. So konnte der WM-OK-Chef zumindest ein paar ruhige Stunden im Familienkreis genießen.
Er gesteht aber mittlerweile auch Fehler ein. Um seine Söhne aus frühen Jahren hat er sich zu wenig gekümmert. Jetzt, im reifen Alter, versucht er, das Heranreifen der später Geborenen bewusst zu erleben. Jetzt wäre die Zeit, zu privatisieren. Jetzt ist er auf dem Gipfel, danach gibt es nur den Abstieg in ein Tal. Aber Robert Schwan, der passionierte Bergsteiger, der ihm näher stand als sein eigener Vater, der seinen Manager-Vertrag beim FC Bayern hinwarf, um dieses Genie in die Einzelvermarktung zu nehmen, brachte ihm bei: "Der Abstieg dient nur dazu, den Elan für einen neuen Aufstieg zu nehmen." FIFA, UEFA? Exekutiv-Mitgliedschaft im Weltverband oder Präsident des europäischen Kontinentalverbandes? Verloren geht der ewig Wiedergeborene dem Fußball nie und nimmermehr. Denn der ist seine Mitte, um die sich bei ihm alles dreht. Nur muss er sich nach neun Jahren noch seine neue Mitte suchen.
sid/dpa/herold | Stand: 11.07.2006, 11:04 Uhr
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