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Aus dem Archiv von sportschau.de
09.09.2010 | 19:01 Uhr
Die WM 2006 wurde im Elfmeterschießen entschieden
Von Christian Hornung
Der Weltmeister 2006 heißt Italien. Mit 6:4 nach Elfmeterschießen gewann die Squadra Azzurra gegen Frankreich. Es war auch ein Sieg der Fairness, denn kurz vor Schluss hatte sich Zinedine Zidane mit einer schlimmen Tätlichkeit verabschiedet.
Kaum Platz für Zinedine Zidane: Es ging von Beginn an hart zur Sache.
Diese wunderschöne WM wollte einfach nicht zu Ende gehen. Das Finale ging nach dem 1:1 in die Verlängerung, dann sogar ins Elfmeterschießen. Dort hatten dann die Italiener die besseren Nerven: Andrea Pirlo, Marco Materazzi, Daniele De Rossi, Alessandro Del Piero und Fabio Grosso verwandelten, bei den Franzosen versagte David Trezeguet - er schoss an die Lattenunterkante.
Nur ein einziges Mal war Italiens Torhüter Gianluigi Buffon zuvor im gesamten Turnier bezwungen worden, und das auch noch durch ein Eigentor von Cristiano Zaccardo. Auch der Erfolg der Franzosen basierte bislang zumeist auf der überragenden Innenverteidigung mit Lilian Thuram und William Gallas, und so dürften die 69.000 Fans in Berlin wohl kaum auf eine offene Feldschlacht gehofft haben. Es kam ganz anders.
Magischer Moment: Zinedine Zidane zaubert den Elfmeter ins Tor.
Die bisher so unterkühlten Italiener gingen vom Anpfiff weg vollkommen übermotiviert in die Zweikämpfe. Schon nach 46 Sekunden rannte Thierry Henry in die Schulter von Fabio Cannavaro und musste minutenlang behandelt werden. In der fünften Minute fing sich Gianluca Zambrotta für ein rüdes Foul an Florent Malouda die erste Verwarnung, doch auch die kühlte die Gemüter der Azzurri nicht. Sekunden später holte Marco Materazzi im Strafraum Malouda von den Beinen - und der Großmeister persönlich schritt zum Elfmeterpunkt. Es wurde kein normaler Strafstoß. Es wurde ein Kunstwerk. Zinedine Zidane löffelte, lupfte, streichelte den Ball an die Lattenunterkante, von dort tropfte er kurz hinter die Torlinie, hüpfte noch einmal an die Latte und dann ins Feld zurück - als wolle er schnellstmöglich selbst an der folgenden Jubelarie teilnehmen.
Nach dieser Demütigung brauchten die Italiener geraume Zeit, um die Augenhöhe wiederzugewinnen. Doch sie kamen zurück, und das ausgerechnet durch Materazzi. Der Mann, der mit seiner Unbeholfenheit den Elfmeter verursacht hatte, hielt nach einer Ecke von Andrea Pirlo den Kopf hin, übersprang sogar Patrick Vieira und durfte nach 22 Minuten die Glückwünsche zum Ausgleich entgegennehmen. Die Befürchtung, dass beide Teams nun wieder einen Gang runterschalten und ihren disziplinierten Systemfußball vorführen würden, zerschlug sich schnell - es ging weiter munter hin und her.
Bange Minuten mussten die italienischen Fans nach der Pause überstehen.
Torchancen hatten aber nur noch die Italiener: Lilian Thuram musste in der 35. Minute gegen Luca Toni retten, die darauf folgende Pirlo-Ecke köpfte Toni aus acht Metern an die Latte. Erst im zweiten Durchgang fanden die Franzosen zu Dominanz und Ausstrahlung zurück, Trainer Raymond Domenech muss in der Halbzeit weise Worte gesprochen haben. Vor allem Henry drehte nun mächtig auf und stellte selbst den bisher alles überragenden Cannavaro vor große Probleme. Doch Buffon war ja auch noch da. Der Juve-Keeper musste mehrfach gegen den Ex-Juve-Stürmer retten, und als er einmal nicht zur Stelle war, klärte Zambrotta kurz vor der Torlinie. Der italienische Keeper wurde von der FIFA übrigens als bester Schlussmann dieser WM ausgezeichnet.
Die Offensive der Italiener lahmte, was auch daran lag, dass Claude Makelele den Römer Francesco Totti komplett neutralisierte. Marcello Lippi, der schon das Halbfinale gegen Deutschland mit genialen Wechseln zum Sieg gecoacht hatte, sah das und reagierte nach exakt einer Stunde: Totti musste den Platz verlassen - einer der Protagonisten, dem für diesen Abend eine tragende Rolle zugedacht war. Die hätte dann 13 Minuten vor dem Ende beinahe sein Kollege Pirlo übernommen, doch sein Freistoß aus 22 Metern strich knapp am linken Pfosten vorbei. Dass diese Gelegenheit einem ruhenden Ball entsprang, war typisch: Inzwischen war die Partie derart von Taktik und Defensive geprägt, wie das von Beginn an zu befürchten gewesen war.
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Während Lippi aber zumindest versuchte, den Dingen eine entscheidende Wende zu geben und mit Alessandro Del Piero nach Toni und Vincenzo Iaquinta auch noch den dritten Stürmer brachte, blieb Domenech passiv: Henry musste sich bis zur Verlängerung als einzige Spitze abmühen, obwohl die Franzosen im Mittelfeld ein klares Übergewicht hatten. Erst nach genau 100 Minuten entschloss sich Domenech dann doch zum Handeln: Er brachte mit David Trezeguet den Mann, der vor sechs Jahren das Europameisterschafts-Finale mit einem "Golden Goal" entschied - gegen Italien. Ein ähnlich magischer Moment wäre diesmal beinahe Zidane vorbehalten gewesen - doch mit einem grandiosen Reflex kratzte Buffon den Kopfball des Meisters in der 105. Minute von der Linie.
Beschämender Abschied: Zinedine Zidane geht am WM-Pokal vorbei.
Es waren solche Szenen, die Zidane zum vielleicht besten Fußballer der vergangenen beiden Jahrzehnte gemacht hatten. Doch seine große Karriere wurde auch immer wieder von schlimmen Aussetzern begleitet. An diesem Abend deutete nichts daraufhin, dass es eine Neuauflage geben sollte - bis dem Superstar zehn Minuten vor dem Ende seiner Laufbahn komplett die Sicherungen durchknallten. Selbst wenn Materazzi ihn verbal ein wenig provoziert hatte - Zidanes Reaktion war eine Schande: Mit einem knallharten und eiskalt kalkulierten Kopfstoß gegen die Brust streckte er den Italiener zu Boden. Auf Intervention des vierten Schiedsrichters sah Zidane die Rote Karte - was für ein katastrophaler Abgang.
Stand: 10.07.2006, 00:59 Uhr
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