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WM 2006

08.02.2012 | 12:09 Uhr

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Nachrichten - Andere Teams

Rooney sieht Rot, Portugal siegt im Elfmeterschießen

Englands Albtraum kehrt zurück

Von Christian Hornung

Sie können es einfach nicht. England und das Elfmeterschießen: Auch in diesem WM-Viertelfinale passte nicht zusammen, was schon seit Jahrzehnten nicht zusammengehörte. Portugal steht nach dem 3:1 im "Shootout" im Halbfinale. Cristiano Ronaldo versenkte den letzten Elfmeter, Ricardo wehrte drei Schüsse ab.

Die Elfmeter waren nicht das einzige Trauma, gegen das die traditionell abergläubischen Engländer antreten mussten. Es ging auch gegen ihre schmerzhaften Erinnerungen aus der jüngeren Turnier-Vergangenheit. Bei der WM vor vier Jahren scheiterten sie an Brasilien, bei der EURO 2004 war Portugal Endstation - beide Male hieß der Trainer des Siegerteams Luis Felipe Scolari. Der als Taktikfuchs bekannte Fußballlehrer hatte sich pikanterweise genau vor diesem Wiedersehen in Gelsenkirchen als Coach des Gegners ins Gespräch gebracht, obwohl er ein solches Angebot vor dem Turnier noch abgelehnt hatte. Dass er die "Three Lions" mit seinen Spielchen verunsichert hätte, dokumentierte sich zunächst auf dem Rasen nicht.

Erste Warnschüsse

Frank Lampard verpasst, Ricardo hält; Rechte: dpa Die größte Chance im ersten Durchgang: Frank Lampard verpasst, Ricardo hält.

Die Engländer begannen schwungvoll und voller Enthusiasmus, als wollten sie ihre bisher so armseligen Vorstellungen bei diesem Turnier binnen einer Halbzeit vergessen machen. Schon nach acht Minuten gab Wayne Rooney den ersten Warnschuss ab. Doch Ricardo, den die Engländer aus dem Elfmeterschießen bei der EURO noch in schlechter Erinnerung haben, parierte mühelos. Eine Viertelstunde später brauchte der Torhüter schon etwas mehr Glück, als Frank Lampard völlig freistehend eine präzise Hereingabe von Steven Gerrard verpasste.

Beckham spart Kräfte

Da aber auch die Portugiesen munter mitspielten, entwickelte sich eine recht lebhafte Partie, der jedoch die klaren Torchancen abgingen. Das Fehlen des nach der Holland-Schlacht gesperrten Deco machte sich deutlich bemerkbar, weder der etwas zentraler spielende Figo noch der überforderte Tiago waren in der Lage, Sturmführer Pauleta entscheidend in Szene zu setzen. Konsequenterweise probierte es Figo sechs Minuten vor der Pause dann einmal selbst, doch sein Schlenzer landete knapp neben dem rechten Pfosten. Während Portugals Kapitän aber immerhin das Bemühen zeigte, hielt sich sein englisches Pendant dezent zurück. Wahrscheinlich wollte sich David Beckham die Kräfte diesmal besser einteilen als beim Achtelfinale gegen Ecuador, wo er sich völlig entkräftet sogar übergeben musste. Ein Freistoß in die Mauer in der 44. Minute - das war sein persönlicher Beitrag zur ersten Hälfte.

Lennon für den Superstar

Tiago und Owen Hargreaves (r.) im Duell; Rechte: dpa Tiago und Owen Hargreaves (r.) im Duell - das Spiel war lange Zeit fair.

Die Idee, es in einem WM-Viertelfinale derart gemächlich angehen zu lassen, fand Sven-Göran Eriksson aber offenbar nicht sonderlich gelungen. Nur sechs Minuten nach Wiederbeginn winkte er den Superstar vom Feld und brachte für ihn den erst 19-jährigen Aaron Lennon. Während Beckham auf der Bank mit schmerzverzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen einen recht jämmerlichen Eindruck machte, sorgte der Youngster gleich für Betrieb. Nach Lennons Solo durch den halben Strafraum verpassten erst Rooney und dann Joe Cole die Riesenchance zur Führung (59.).

Rot für Rooney

Für Wayne Rooney war es die letzte Chance, und das hatte er sich ganz allein selbst zuzuschreiben. In einem völlig harmlosen Gerangel um den Ball trat der Angreifer seinem Gegenspieler Ricardo Carvalho mit den Stollen in den Unterleib - dem brillanten Schiedsrichter Horacio Elizondo blieb keine andere Wahl, als dem Hoffnungsträger einer ganzen Nation die Rote Karte zu zeigen. Der "Pitbull" aus Manchester erlebte damit gegen die Portugiesen sein zweites Trauma: Vor zwei Jahren hatte er sich gegen den gleichen Gegner den Fuß gebrochen, was viele Beobachter als wahren Grund für das Viertelfinal-Aus bei der Europameisterschaft bezeichneten.

Lennons Rückgabe

Audio

Die Portugiesen konnten mit der personellen Überlegenheit jedoch herzlich wenig anfangen. Einen als Vorlage gedachten Schlenzer von Figo machte erst Paul Robinson so richtig gefährlich, als er den Ball knapp am linken Eck vorbeischaufelte (77.). Schon besser sah der Keeper kurz danach beim Fernschuss von Hugo Viana aus, doch auch dies war keine herausgespielte Gelegenheit. Die Ideenlosigkeit des Scolari-Teams wäre beinahe acht Minuten vor dem Ende bestraft worden, doch Lampards Freistoß wehrte Ricardo mit Mühe ab, und Lennons Nachschuss aus bester Position mutierte zur unfreiwilligen Rückgabe. Gefährlicher wurde es in der Nachspielzeit nach einer Hereingabe des starken Owen Hargreaves, doch John Terry schoss knapp am rechten Winkel vorbei.

Ronaldos Einzelaktion

Kurioserweise war es eher die vollzählige Mannschaft, die sich in die Verlängerung rettete, und auch da konnte sich Portugal kaum einmal entscheidend durchsetzen. Ein Solo - was auch sonst - von Cristiano Ronaldo war im ersten Durchgang die einzige gelungene Offensivaktion, doch der Linksschuss strich knapp über die Latte. Auch in der zweiten Halbzeit tat sich vor beiden Toren kaum noch etwas, beide Teams schienen sich mit einem Elfmeterschießen abgefunden zu haben. Aus Englands Sicht war das definitiv die falsche Entscheidung. Frank Lampard und Steven Gerrard verschossen kläglich gegen Ricardo, und auch Jamie Carragher versagten die Nerven. Wahrscheinlich kann England doch nur gewinnen, wenn sie Scolari zu sich holen und das Spiel in der regulären Zeit entscheiden.

"Hundertfach geübt"

Völlig resigniert kommentierte denn auch Sven-Göran Eriksson das Drama: "Ich weiß nicht, was wir noch machen sollen. Wir haben die Elfmeter hundertfach geübt. Es tut mir unglaublich leid für meine Jungs, sie haben in Unterzahl grandios gekämpft. So ein Ende haben sie nicht verdient." Sein persönliches Déjà-vu hatte Ricardo erlebt: "Es war wie letztes Mal bei der EURO, nur dass ich diesmal Handschuhe anhatte", jubelte der Keeper. "Wir sollten und wir wollten einfach gewinnen. Und das haben wir uns verdient." Ein paar tröstende Worte für den Verlierer hatte Luis Felipe Scolari parat: "Ich muss England gratulieren, das Team hat fantastisch gespielt mit zehn Mann. Wir haben daraus keinen Vorteil gezogen, weil wir es nur mit Distanzschüssen versucht haben." Dafür klappte es ja dann aus elf Metern.

Stand: 01.07.2006, 21:30 Uhr

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