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Aus dem Archiv von sportschau.de
08.02.2012 | 12:10 Uhr
Nach dem verdienten 1:0 stehen vier Europäer im Halbfinale
Von Christian Hornung
Brasilien ist bislang fünfmal Weltmeister geworden, das sechste Mal lässt aber auf sich warten: Frankreich schaltete den Turnierfavoriten mit einem hoch verdienten 1:0-Erfolg aus, die Europäer sind damit im Halbfinale unter sich. Thierry Henry schoss das entscheidende Tor, Zinedine Zidane war der überragende Mann auf dem Platz.
Kein Durchkommen: Ronaldinho wird "gedoppelt".
"1998? War da etwas? Ach ja, die Geburt meiner Tochter." So wie Roberto Carlos versuchten viele Brasilianer vor der Partie die Erinnerung an das 0:3-Endspieldebakel gegen Frankreich zu verdrängen. Nach vier Minuten hatten die Südamerikaner auf dem Platz die erste Gelegenheit zur Vergangenheitsbewältigung, und die dürfte ziemlich exakt dem Plan von Carlos Alberto Parreira entsprochen haben. Der Ball lag 20 Meter vor dem französischen Tor zum Freistoß bereit, und dafür hatte der Trainer extra die vor dem Turnier fest zementierte Aufstellung geändert: Der Standard-Experte Juninho spielte überraschend für Adriano, doch sein erster Versuch landete in der Mauer.
Zinedine Zidane spielte noch einmal groß auf.
Die vermutlich schlimmsten Erinnerungen an das Finale vor acht Jahren hat aber wahrscheinlich Ronaldo, der seinerzeit trotz eines Krampfanfalls unter bis heute ungeklärten Umständen in die Startaufstellung gedrückt wurde und eine katastrophale Vorstellung ablieferte. Er hatte nun bereits nach elf Minuten die Möglichkeit, sich zu rehabilitieren, doch sein Kopfball strich knapp über das Tor. Erst nach dieser Aktion waren auch die Franzosen in der Gegenwart angekommen, vor allem Zinedine Zidane verdeutlichte seine Absicht, hier noch nicht den letzten Fußballabend seiner großen Karriere zu erleben.
Klare Chancen entsprangen der optischen Überlegenheit aber zunächst nicht, und so hatten einmal mehr nur die Freunde von Taktik und Defensivkünsten Spaß an dieser Partie. Erst in der 38. Minute musste Brasiliens Torhüter Dida seine Aufmerksamkeit kurzfristig erhöhen, doch der Kopfball von Florent Malouda ging knapp über die Latte. Der "Selecao" war deutlich anzumerken, dass sie große Mühe mit ihrer neuen Mittelfeldformation hatte, neben Juninho stand mit Gilberto Silva anstelle von Taktgeber Emerson ein weiterer Neuer in der Startelf.
Ronaldo schießt, William Gallas blockt ab.
Kurz vor dem Seitenwechsel hätten sich die Franzosen die Führung endgültig verdient, als Zidane nach einem Solo wie aus besten Tagen Patrick Vieira auf die Reise schickte. Juan stoppte ihn mit einem rüden und Notbremse-verdächtigen Foul und hatte großes Glück, dass Schiedsrichter Luis Medina Cantalejo ihm nur die Gelbe Karte zeigte. Den folgenden Freistoß von Thierry Henry wehrte Ronaldo mit der Hand ab, und erneut hätten die Brasilianer ein Dankesschreiben an den Unparteiischen richten können: Er verlegte den Tatort vor die Strafraumlinie, statt den fälligen Elfmeter zu geben.
Beflügelt durch diese Szenen, erhöhten die Franzosen im zweiten Durchgang noch die Schlagzahl. Nachdem Henry und Franck Ribery die ersten Gelegenheiten vergaben, rächte sich schließlich in der 57. Minute die Lethargie der Brasilianer. Zidane persönlich schlug einen Freistoß von links auf die rechte Seite, wo Henry am Fünfmeterraum völlig frei stand und traumhaft sicher unter die Latte vollstreckte. Kaum zwei Minuten später wäre beinahe sogar schon die Entscheidung gefallen, als Juan eine Hereingabe von Ribery fast ins eigene Tor abgefälscht hätte.
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Auch den nächsten "Matchball" hatte Ribery, der sich erst im Turnierverlauf in die Startelf gespielt hatte. Nach 70 Minuten erlief er ein schönes Zuspiel von Henry, doch Dida war rechtzeitig aus seinem Tor gekommen, um die Situation zu entschärfen. Zidane, der auch diese Szene eingeleitet hatte, war inzwischen längst der überragende Mann auf dem Platz, auf ihn hatten die Brasilianer wie schon 1998 keine Antwort gefunden. Mit den Einwechslungen von Adriano und Robinho versuchte Parreira zwar noch einmal, die Niederlage abzuwenden. Doch auf dem Platz war wenig davon zu sehen: Ein Schüsschen von Robinho zehn Minuten vor dem Ende war die einzige nennenswerte Ausbeute. Auch Ronaldo konnte das Schicksal nicht mehr abwenden: Sein Versuch von der Strafraumgrenze ging weit am rechten Pfosten vorbei, in der Nachspielzeit scheiterte er am stark reagierenden Fabien Barthez. Noch enttäuschender war aber der Auftritt von Ronaldinho. Ein Freistoß in der 90. Minute knapp über das Tor war noch seine beste Aktion des gesamten Abends.
"Es war ein enormes Spiel, wir haben körperlich toll durchgehalten, großartig kombiniert und uns den Sieg verdient. Jetzt haben wir Lust auf mehr und wollen natürlich ins Finale", freute sich Zinedine Zidane. Seinen Rücktrittsentschluss will er aber nicht mehr überdenken: "Noch zwei Spiele, dann ist Schluss." Pele ärgerte sich vor allem über die Entstehung des Gegentors, bei dem fünf Brasilianer tatenlos stehen blieben: "So etwas darf nicht passieren. Ich weiß nicht, was da im Kopf der Spieler los war." Auch Carlos Alberto Parreira ärgerte sich: "Wir hatten große Probleme, in den Strafraum zu kommen, und wir haben dumme Fehler gemacht." Thierry Henry war das ziemlich egal: "Wir haben einfach gut gespielt, es war kein gestohlener Sieg. Unsere Taktik hat super funktioniert. Wir haben gezeigt, dass wir keine Weicheier sind und haben jetzt das Recht zu träumen." Das nahm auch Raymond Domenech für sich in Anspruch: "Das ist ein außergewöhnlicher Moment. Ich bin sehr glücklich und habe meiner Mannschaft in der Kabine gesagt: Jetzt wollen wir mehr."
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