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30.07.2010 | 23:05 Uhr
Der Nationalmannschaftsgegner FSV 63 Luckenwalde
Von Stefan Domke
"Gedanklich bin ick schon in Mannheim", umschreibt ein Fan des FSV Luckenwalde seinen derzeitigen Gemütszustand. Dort trifft der brandenburgische Verbandsligist am 16. Mai auf die deutsche Nationalmannschaft.
Was sich an diesem Samstagnachmittag auf dem Rasen des Werner Seelenbinder-Stadions in Luckenwalde abspielt, fasst einer der 320 Zuschauer schon zur Halbzeit so zusammen: "Dett is dett Letzte." Der FSV liegt gegen den BSV Guben Nord auf eigenem Platz mit 0:1 zurück. "Die ham den Kopp nich frei", versucht sich ein älterer Herr zwischen zwei Bratwursthappen in tiefenpsychologischer Analyse.
Sollte das stimmen, ist Oliver Bierhoff daran nicht ganz unschuldig. Der nämlich sorgte vor fünf Wochen, als die deutsche Nationalmannschaft in Italien mit 1:4 unterging, für den einzigen Lichtblick des Abends - zumindest aus Luckenwalder Sicht. In der Halbzeitpause betätigte sich der Nationalmannschaftsmanager als Glücksfee und machte das gut 20.000 Einwohner zählende Städtchen schlagartig einem Millionenpublikum bekannt. Bierhoff zog den 270 Mitglieder zählenden Verein als Gewinner der Kampagne "Klub 2006". Gegen 3.400 andere Fußballamateurmannschaften haben sich die Luckenwalder durchgesetzt und werden dafür im Mai mit einem offiziellen Testspiel gegen Ballack & Co belohnt.
Glaubt man manchem FSV-Anhänger, ist das Losglück jedoch "Fluch und Segen zugleich". Seit Wochen gehören Kamerateams beim Training zum Alltag, Reporter berichten aus der Umkleidekabine und dem Vereinspräsidenten gratulieren Menschen am Telefon, von denen er zuvor noch nie etwas gehört hat. Zwei ICE-Sonderzüge für die Fans und der original Weltmeisterschaftszug von 1954 für die Spieler werden von der Deutschen Bahn bereitgestellt, die den örtlichen Apotheker für dieses Spiel als Trikotsponsor verdrängt hat. "Wir rechnen mit bis zu 3.000 Luckenwaldern, die nach Mannheim fahren werden", freut sich Presssprecher Rainer Stock. "Für unsere Stadt und den Verein wird das Spiel ein Mega-Event."
Die Popularität kam, die Fähigkeit zu gewinnen verschwand: Nur ein einziges Mal sind die Luckenwalder seit Bierhoffs Einsatz als Sieger vom Platz gegangen. "Unsere Bilanz bei der bisherigen Gegnerschaft sieht alles andere als positiv aus", bemüht sich Stadionsprecher Bernd Herbert die letzten Wochen zusammenzufassen. Selbst schwache Konkurrenten, so klagt er, würden plötzlich einen besonderen Ehrgeiz entwickeln, "nur weil unsere Mannschaft bald gegen die Nationalelf spielt".
"Wenn das so weiter geht, steigen wir ab und machen uns am 16. Mai zur Lachnummer der Nation", sind sich die alten Herren sicher, die das Spiel von der Parkbank auf der Tribüne aus beobachten. An Erklärungsversuchen für die Pechsträhne mangelt es nicht: Die junge Mannschaft sei "im Umbruch", es fehle "die Zuordnung", die Jungs würden "zu wenig diagonal" spielen. Die Zuschauer am Spielfeldrand klingen dabei, als wären sie bei Günter Netzer in die Analyseschule gegangen. Als dem FSV kurz vor Schluss der Partie dann doch noch der Ausgleich gelingt, ist zumindest der Humor nach Luckenwalde zurückgekehrt. "Wir werden Klinsmann gewinnen lassen", wird dem Reporter in den Notizblock diktiert, "schließlich wollen wir die Nationalmannschaft so kurz vor der WM psychologisch aufbauen".
Stand: 10.04.2006, 10:39 Uhr
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