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07.02.2012 | 06:11 Uhr
Final-Analyse von Spielbeobachter Urs Siegenthaler
Von Marcus Bark
Urs Siegenthaler sieht Fußballspiele nicht mit anderen Augen, aber er sieht sie anders als Fans. Auch ihn erfreuen Fallrückzieher oder doppelte Doppelpässe. Aber die Szenen, die bei ihm das "Booaahh"-Gefühl auslösen, gehen beim "normalen" Betrachter unter. Der Schweizer Siegenthaler analysiert das Finale des Konföderationen-Pokals zwischen Argentinien und Brasilien.
Kann trotz stundenlanger Beobachtung noch lachen: Urs Siegenthaler
Siegenthaler hat in den vergangenen Wochen Stunden, ja eher Tage, mit diesen beiden Mannschaften verbracht. Entweder hat er sie im Stadion oder am Fernsehschirm gesehen und anschließend in unzählige Sequenzen zerteilt, die er später wieder auf einer DVD zusammengefügt hat. Die Analyse war für den deutschen Bundestrainer Jürgen Klinsmann bestimmt. Auch am Mittwoch (29.06.05) sitzt Siegenthaler wieder zum Nutzen des Deutschen Fußball-Bundes im Frankfurter Waldstadion, wenn das Endspiel des Konföderationen-Pokals um 20.45 Uhr (live im Ersten und bei sport.ARD.de) angepfiffen wird. Der Chef-Beobachter des DFB ist ziemlich sicher, dass er schon im Vorfeld weiß, wer den Pokal nach der Partie in den Händen halten wird: "Brasilien wird gewinnen."
Der Analytiker liefert die Begründung: "Durch die Rotsperre von Javier Saviola fehlt den Argentiniern die Durchschlagskraft im Angriff." Luciano Figueroa, der bislang vier Tore während des Turniers erzielt hat, sei noch zu jung, um die entstandene Lücke zu schließen. "Für diese Klasse, die dort im Endspiel aufeinander trifft, sind die Argentinier im Angriff zu schwach besetzt." Siegenthaler relativiert sofort: "Wenn wir im Zusammenhang mit diesen beiden Mannschaften überhaupt von Mängeln sprechen, dann reden wir von Mängeln auf höchstem Niveau."
Nach vorne stark, nach hinten "ungeeignet": Brasiliens Ronaldinho (l.) und Zé Roberto
So sieht es der Schweizer auch im Abwehrverbund der Brasilianer. Siegenthaler ist erfrischend ehrlich, wenn er zugibt, dass die Bundesliga-Profis Gilberto (Hertha BSC) und Zé Roberto (Bayern München) für Abwehr und defensives Mittelfeld eher ungeeignet sind: "Da muss sich der Trainer Carlos Alberto Parreira im Hinblick auf die Weltmeisterschaft noch etwas einfallen lassen. Ich denke, dass wird er auch machen."
Wenn der amerikanische Grundsatz gelten würde, dass die Offensive Spiele gewinnt, die Defensive aber Meisterschaften, müsste Argentinien die Nase vorn haben. Siegenthaler lobt das Abwehrverhalten des zweifachen Weltmeisters in höchsten Tönen. Bei der Video-Analyse vor dem Spiel gegen die deutsche Mannschaft blieb Siegenthaler einmal der Mund offen. Er hatte beobachtet, dass acht Argentinier auf einem Raum von 20 mal 20 Metern versuchten, den Ball zu erobern. "Hunting the Ball" (Jagd nach dem Ball) nennt Siegenthaler das. Für sich genommen auch noch kein Phänomen. Erstaunt hatte den Analytiker aber, dass "die gleichen acht Spieler sieben Sekunden später" auf der anderen Abwehrseite schon wieder Jagd auf den Ball machten. Das sei die Schule des argentinischen Trainers José Nestor Pekerman, die Siegenthaler sehr schätzt.
Das Abwehrsystem der Brasilianer erscheint nach modernen Maßstäben eher schlampig. "Da spielt jeder eher eine Rolle - und kein System", sagt Siegenthaler. Bei jeder Möglichkeit gingen die Abwehrspieler nach vorne, wie es ihrer Natur entspreche. Siegenthaler kann den komplexen Fußball herrlich einfach darstellen. Er kann lange darüber referieren, aber kommt letztlich zu einem Ergebnis, das dem normalen Zuschauer irgendwo ein gutes Gefühl gibt: Die Kunst eines Ronaldinho, Robinho oder Adriano wird über die fast vollkommene Taktik siegen. Wer weiß, ob es wirklich so kommt.
Stand: 28.06.2005, 10:18 Uhr
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