Gerd Schönfelder - "Da, wo wir hinwollten"

Interview mit dem 16-fachen Paralymics-Sieger

Gerd Schönfelder - "Da, wo wir hinwollten"

Bei den Paralympics sammelte Gerd Schönfelder 22 Medaillen - nun steht er als ARD-Experte vor der Kamera. Im Interview äußert er sich über deutsche Medaillenchancen, Nachwuchsprobleme und Pubertät, Talentsuche in Krankenhäusern und die Bedeutung von Sport für Behinderte.

ARD-Wintersport-Experten beim Dreh in Leipzig

Frage: In diesem Winter finden die zwölften Winter-Paralympics statt. Vermutlich werden die Wettkämpfe in Südkorea so viele Menschen erreichen wie nie zuvor. Sie sind seit 1992 dabei und erleben Ihre zweiten Spiele als ARD-Experte. Wie schätzen Sie die Akzeptanz der Paralympics ein?

Gerd Schönfelder: "Zum Glück hat sich da viel getan! Für mich fast zu spät, für die aktuellen Sportler freut es mich aber ungemein. Es ist schön, dass man den Sport jetzt einer breiteren Masse zugänglich macht. Wir haben viel mehr Sendezeiten als früher, das ist positiv."

Gerd Schönfelder - ARD-Para-Alpin-Experte

Was meinen Sie mit, "für mich fast zu spät"?

Gerd Schönfelder: "Es ist einfach toll, wenn man seine Leistung auch im Fernsehen zeigen darf. Als ich das erste Mal 1992 bei den Paralympics in Albertville dabei war, gab es nur ganz spärliches Interesse. Erst jetzt sind wir da, wo wir schon immer hinwollten."

Was würden Sie sich denn noch für die Sportler in der gesellschaftlichen Wahrnehmung wünschen?

Gerd Schönfelder - ARD-Para-Alpin-Experte

"Sport und Drumherum müssen sich weiterentwickeln"

Gerd Schönfelder: "Man kann die Wahrnehmung und die Übertragungszeiten natürlich immer noch steigern, allerdings muss man auch vorsichtig sein. Der Sport muss erst dahinkommen, muss mitwachsen, sich weiterentwickeln. In der Live-Berichterstattung gibt es noch viele Leerlaufzeiten. Ein Beispiel: Wenn ein Monoskifahrer stürzt, muss ihm oft geholfen werden. Wenn der Ski weg ist, braucht er einen neuen. Das bringt in der Livesendung Verzögerungen. Der Sport und das ganze Drumherum müssen sich weiterentwickeln, damit Live-Übertragungen spannend bleiben."

In dieser Woche beginnt für die Para-Alpinfahrer mit dem Europacup die Saison. Wie gehen die erfolgsverwöhnten deutschen Fahrerinnen und Fahrer in die paralympische Saison?

Gerd Schönfelder: "Unser Team ist sehr gut vorbereitet. Ich war ja auch bei den Trainings immer wieder als Trainer dabei, das läuft schon sehr gut. Ein bisschen Luft ist noch, es sind aber ja auch noch drei Monate, bis es dann richtig ernst wird. Alles, was bis zu den Paralympics passiert, ist als Vorbereitung zu sehen. Das Highlight findet dann in Südkorea statt."

Für die Para-Alpin-Highlights in den vergangenen Jahren haben vor allem Anna Schaffelhuber und Andrea Rothfuss gesorgt. Zählen sie erneut zu den Favoritinnen? Und wer ist noch zu nennen?

Goldmedaillengewinnerin Anna Schaffelhuber (L) and Bronze Medalist Anna-Lena Forster

Anna Schaffelhuber (li.) und Anna-Lena Forster.

Gerd Schönfelder: "Ja, Anna Schaffelhuber und Andrea Rothfuss sind wieder Medaillenkandidaten. Daneben ist auf jeden Fall noch Anna-Lena Forster zu nennen, sie hat in Sotschi ja schon Silber und Bronze gewonnen. Sie ist vor allem im technischen Bereich ganz stark. Auch Anna-Marie Rieder war bereits WM-Dritte und ist für eine Überraschung gut."

Die Herren laufen immer so ein bisschen unter dem Radar der sehr erfolgreichen Damen. Was ist von ihnen in diesem Winter zu erwarten?

Gerd Schönfelder: "Natürlich darf man unsere beiden Jungs Georg Kreiter und Thomas Nolte nicht vergessen. Der Schorsch wird im Riesenslalom und in der Kombination ein Wort mitreden können. Thomas war zwei Jahre verletzungsbedingt außer Gefecht, er ist aber hoch motiviert und guter Dinge. Bei den Herren ist der internationale Konkurrenzdruck insgesamt höher. Da muss alles passen, dass unsere Jungs um Medaillen mitfahren können."

Die deutschen Para-Alpin-Damen sind im Vergleich zu den Herren personell besser aufgestellt. Es scheint, als hätten  die Herren ein Nachwuchsproblem. Woran liegt das?

Gerd Schönfelder - ARD-Para-Alpin-Experte

"Leute, die diesen Willen aufbringen, wachsen nicht auf den Bäumen."

Gerd Schönfelder: "Da gibt es keine einfache Antwort darauf. Es ist grundsätzlich schwierig, Nachwuchs zu bekommen. Das betrifft ja auch die Nicht-Behinderten. Aber wenn Du von der Grundauswahl nicht so viele hast, trifft Dich das noch stärker. Man kann sich ja die Behinderungen nicht aus dem Hut zaubern. Man wünscht ja auch niemandem eine Behinderung. Hinzu kommt: Um erfolgreich zu sein, musst Du ein guter Skifahrer sein, dann benötigst Du viel Eigeninitiative, viel Zeit und Geld, und Du brauchst Wettkämpfe, um Dich zu messen. Leute, die diesen Willen aufbringen, wachsen nicht auf den Bäumen. Uns sind erst kürzlich zwei sehr talentierte Burschen in der Stehendklasse abhandengekommen, weil sie in der Pubertät die Motivation nicht halten konnten. Wir haben schon regelmäßig Kontakt zu Unfallkrankenhäusern, dass uns niemand durch die Lappen geht …"

Sie betreiben Nachwuchssuche in den Unfallkrankenhäusern?

Gerd Schönfelder: "Das darf man nicht falsch verstehen. Aber wir sind sehr froh, wenn wir einen Tipp bekommen, dass ein geeigneter junger Kerl oder ein junges Mädel behandelt wird."

Das klingt ungewöhnlich. Können Sie denn mit einer sportlichen Perspektive jungen Unfallopfern auch eine Art psychologische Aufbauhilfe geben?

Gerd Schönfelder: "Ja, wenn man die Möglichkeit hat, an die jungen Leute heranzukommen, kann Sport helfen, einen psychologisch wieder aufzubauen. Nach solch einem Unfall muss jeder erst einmal ein Tal durchstehen. Wenn die jungen Leute sich etwas stabilisiert haben, ist Sport die perfekte Möglichkeit, mehr aus sich herauszuholen. Wenn der restliche Körper fit ist, ist es leichter, die Behinderung zu kompensieren. Man kommt besser zurecht, gewinnt an Lebensqualität und wird unabhängiger. Sport ist grundsätzlich für jeden Menschen gut, für Menschen mit Einschränkungen aber noch einmal bedeutsamer."

Deutschland, Russland und Kanada waren in den vergangenen Jahren die dominierenden Nationen im Para-Wintersport. Wie ist die Perspektive?

Gerd Schönfelder - ARD-Para-Alpin-Experte

Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch (li.) und Paralympics-Sieger Gerd Schönfelder (re.).

Gerd Schönfelder: "Ich glaube, dass schon in diesem Winter nicht nur diesen Dreikampf gibt. Wir Deutschen sind über viele Jahre gut unterstützt worden und haben Top-Leute. Aber das ist kein Selbstläufer. Wir brauchen weitere Erfolge, um weiter gefördert zu werden. Andere Nationen ziehen nach. Aus den Niederlanden kommen beispielsweise zwei Monoskifahrer, die den Sport auf ein neues Niveau heben. Das sind zwei ganz junge Typen, die brutal gut fahren. In Holland hat der Behindertensport einen ganz neuen Stellenwert bekommen. Die machen das sehr gut und werden zeigen, was man mit einer guten Förderung alles erreichen kann. Ich denke, andere Nationen werden das nachahmen.

Zudem verändert sich das Verhältnis der Klassen. In Deutschland haben wir weniger Amputierte, weil die Amputationen durch den Fortschritt der Medizintechnik glücklicherweise zurückgegangen sind. Die USA haben dagegen wieder mehr Kriegsverletzte und damit bei den Amputierten leider Gottes immer wieder Nachwuchs. Wir in Deutschland haben dagegen perspektivisch mehr Sportler mit Lähmungen durch Kinder, die als Frühchen auf die Welt kommen. Diese Kinder überleben heute glücklicherweise eher, tragen aber zum Beispiel Lähmungen davon.

Und um auf die Frage zu den Paralympics zurückzukommen: Ich glaube, der Kampf um die Medaillen wird härter. Wir Deutschen sind aber weiterhin gut aufgestellt."

Vielen Dank für das Gespräch

Mit Gerd Schönfelder sprach Dirk Hofmeister.

Stand: 08.11.2017, 20:16

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