Raw-Air-Tour - Erfolgreiche Premiere mit Tränen

Ein Skispringer geht vom Bakken in Vikersund

Nach der Vierschanzentournee Norwegens

Raw-Air-Tour - Erfolgreiche Premiere mit Tränen

Von Dirk Hofmeister

Zehn Tage Dauerbelastung und ein vom Wind verblasenes Finale. Dennoch lieben die Sportler die neue "Raw-Air"-Tour der Skispringer. Bundestrainer Schuster sieht auch kritische Punkte. Für die nächste Auflage gibt es bereits Änderungen.

Nach zehn Tagen und 16 Sprüngen war es ausgerechnet der Wind, der bei der Entscheidung der Premiere der Raw-Air-Tour der Skispringer die Regie führte. Denn der war plötzlich weg, als Tournee-Spitzenreiter Andreas Wellinger am Sonntag (19.03.2017) von der Schanze musste. Ohne Luftpolster hatte der 21-Jährige auf dem Monsterbakken von Vikersund keine Chance. 166 Meter, der Gesamtsieg war weg. Wellinger rutschte auf Rang drei ab und vergoss bittere Tränen.

Wellinger: "Stinksauer"

Skispringen - Andreas Wellinger nach dem dritten Platz in der Raw-Air-Tour

Gequältes Lächeln bei Andreas Wellinger nach Platz drei bei der Raw-Air-Tour.

Nachdem die Tränen getrocknet waren, ließ der sonst stets gutgelaunte Wellinger seinem Frust freien Lauf: "Ich bin stinksauer", kritisierte der Ruhpoldinger die Jury, die trotz nachlassendem Wind den Anlauf verkürzte und Wellinger von der Schanze schickte, als der Wind im Hang eingeschlafen war. Und auch Bundestrainer Werner Schuster stimmte in die Kritik ein: "Man hätte sich für die besten Springer mehr Zeit lassen müssen. Es ist ärgerlich und bitter, dass es so ein Ende genommen hat."

Schuster: "Jury zu eigenmächtig"

Skispringen - Bundestrainer Werner Schuster

Werner Schuster: "Über zulässige Windbedingungen sprechen"

Auch am Tag nach dem Ende der Monster-Tour in Norwegen ist der Frust bei Schuster noch nicht ganz verflogen: "Es war eine harte Bestrafung, Andi auf solch einer extremen Schanze solchen Bedingungen auszusetzen", sagt der Österreicher am Montagnachmittag (20.03.2017) sportschau.de. Im Sommer sieht er Handlungsbedarf: "Die Jury handelt manchmal zu eigenmächtig. Das müssen wir nach der Saison evaluieren." Eine Situation wie Sonntag dürfe sich nicht wiederholen: "Wir müssen über die zulässigen Windbedingungen sprechen, aus meiner Sicht sind die Windkorridore auf manchen Schanzen zu breit. Es kann zudem nicht sein, dass sich die Jury über die Trainer stellt. Speziell in Vikersund kam es vor, dass wir von der Jury gestoppt wurden, obwohl der Wind im zulässigen Bereich war."

Schuster: "Erstaunlich"

Insgesamt gibt Schuster der neuen, auf vier Schanzen in Norwegen ausgetragenen, Wettkampfserie aber eine gute Gesamtnote: "Das war ein Highlight. Es war hart am Limit, aber man muss den Organisatoren gratulieren." Vor allem reiselogistisch hätte der Veranstalter bei täglich mindestens einem Springen "Sensationelles geleistet". Auch die befürchtete körperliche und mentale Überbelastung der Sportler sei ausgeblieben. "Ich war vorher skeptisch. Erstaunlich, wie professionell die Sportler reagiert haben und die Beanspruchung weggesteckt haben."

Hofer: "Spannung aufrechterhalten"

Skispringen - FIS-Renndirektor Walter Hofer

Walter Hofer: "Kein Athlet wurde krank."

Für Walter Hofer, Skisprung-Renndirektor des Ski-Weltverbandes FIS, war das neue Event ohne Abstriche ein voller Erfolg: "Alles war vom Feinsten", sagte der 62-Jährige am Montag sportschau.de. "Die Schanzen, die Hotels, der Transport im Luxusbussen und Charterflügen, alles war perfekt." Die Rückmeldungen der Sportler seien durchgehend positiv gewesen. Trotz oder gerade wegen der Dauerbelastung: "Mir haben viele Sportler gesagt, dass es ihnen lieber ist, die Spannung über die gesamte Zeit aufrechtzuerhalten anstatt zwischendurch Ruhetage zu haben." Körperliche Daten würden bestätigen, dass die Sportler die Anforderungen auch gut adaptieren könnten: "Kein Athlet wurde krank und das von uns kontrollierte Gewicht der Sportler ist auch gleich geblieben." Sogar den besonders anstrengenden vergangenen Freitag (17.03.2017), als sich die Sportler morgens 6 Uhr auf den Weg von Trondheim nach Vikersund machen mussten, das Qualifikationsspringen nach mehreren Verschiebungen aber erst 22 Uhr beendet war, hätten die Athleten gut weggesteckt.

Schuster: Vierschanzentournee muss nachziehen

Skispringen - Bundestrainer Werner Schuster

Schuster: "Mit warmem Händedruck abgespeist"

Laut Schuster müsse nach der erfolgreichen Raw-Air-Premiere nun die Vierschanzentournee reagieren. Dass die Qualifikation mitzählt und vor allem die hohen Preisgelder würden den Reiz der Serie für die Sportler enorm erhöhen. "Die Vierschanzentournee darf nicht stehen bleiben. Es kann eigentlich nicht sein, dass der Zweite und Dritte der Tour mit einem warmen Händedruck abgespeist werden." Bei der Vierschanzentournee bekommt nur der Sieger ein Preisgeld, er kann sich über 18.600 Euro freuen. Bei der Raw-Air-Serie wurde Sieger Stefan Kraft am Sonntag über 60.000 Euro belohnt, die zweit- und drittplatzieren Kamil Stoch und Andreas Wellinger bekamen noch einen Scheck über 30.000 bzw. 10.000 Euro.

Hofer: "Nicht nur an Mitteleuropa denken"

Schuster zufolge, sei es zudem gelungen, zu einem schwierigen Zeitpunkt gegen Ende der Saison, "Skispringen noch einmal in den Fokus zu rücken." Für Hofer gibt es daher auch keinen Grund, am März als Zeitraum zu rütteln. Man dürfe dabei nicht nur an Mitteleuropa denken. "In Norwegen ist jetzt Hochsaison. In Lahti und Oslo finden gerade die großen Wettbewerbe statt", verweist der Österreicher auf die nordische Ski-WM und das Biathlon-Weltcupfinale.

Wettkämpfe 2018 am Abend

Skispringen - FIS-Renndirektor Walter Hofer

Hofer: "Flüge vormittags, nachmittags Pause, abends Wettkampf"

Der Termin für die kommende Raw-Air-Tour wird also auch im kommenden Jahr der März sein, dann als weiterer Höhepunkt nach den Olympischen Spielen. Eine Veränderung kündigte Hofer allerdings schon jetzt an. Der Weltverband reagiert damit indirekt auf die Kritik von Werner Schuster, der moniert, man sei mit den Startzeiten zu sehr vom Fernsehen abhängig. "Wir wissen, dass der Wind im Frühjahr in Norwegen vor allem am Nachmittag unberechenbar ist. Keiner sollte um 16.30 Uhr in Lillehammer springen." Laut Hofer werden die Springen 2018 abends stattfinden. "Die Charterflüge gehen vormittags, nachmittags haben die Sportler eine Ruhepause und am Abend findet der Wettkampf statt", kündigt der Renndirektor an. Die Entscheidung über den Tourneesieg wird nächstes Jahr also vermutlich nicht vom Wind verblasen. Gute Aussichten, auch wenn Andreas Wellinger das in seinem aktuellen Frust wohl wenig trösten wird.

Stand: 20.03.2017, 17:02

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