Nordische Kombi der Damen - aus dem Winterschlaf auf die Überholspur

Nordische Kombination, Skispringen der Damen

Nordische Kombi der Damen - aus dem Winterschlaf auf die Überholspur

Von Dirk Hofmeister

Noch ist die Nordische Kombination die letzte ausschließliche Männer-Domäne im Wintersport. Das soll sich nun ändern, der Weltverband hat ambitionierte Pläne. Zu den besten Nachwuchs-Kombiniererinnen zählen auch ein paar Deutsche.

Als am Sonntag (19.03.2017) in Oslo der Biathlon-Weltcup zu Ende ging, stellte sich das französische Team am Fuße des Holmenkollens noch mal zu einem Foto auf. 21 Frauen und Männer und ein Transparent: "50 Podiums 2016/17. Das französische Biathlon-Team - fantastisch." Die deutschen nordischen Kombinierer hätten ein ähnliches Foto machen können. Wie im Biathlon die Franzosen sind in der Kombination die Deutschen die klaren Dominatoren. Nicht weniger als 55 Podestplätze sammelten Eric Frenzel, Johannes Rydzek und Co. in der zurückliegenden Saison. Im gesamten Winter gab es überhaupt nur ein Rennen, bei dem keiner aus dem Team von Bundestrainer Hermann Weinbuch auf dem Treppchen stand.

Ehrgeiziger Plan bis 2022

Nordische Kombination, Horst Hüttel, Sportlicher Leiter des DSV

Horst Hüttel: "2019 Junioren-WM, 2020 Weltcup, 2021 WM in Oberstdorf"

Irgendwie hätte auf so einem Saisonabschlussfoto aber etwas gefehlt. Die Kombiniererinnen. Nach wie vor ist die Nordische Kombination die einzige olympische Wintersportart, in der es keine etablierten Frauen-Wettkämpfe, geschweige denn Frauen-Weltcups oder Olympische Medaillen für Frauen gibt. Einer, der das ändern möchte, ist Horst Hüttel, Sportlicher Leiter für Skisprung und Kombination im deutschen Ski-Verband. Hüttel zählt im Weltverband FIS zu denjenigen, die sich energisch für die Frauen-Kombination einsetzen. Er ist optimistisch und ehrgeizig: 2019 soll es eine Aufnahme bei der Junioren-WM geben, 2020 erste Weltcups, 2021 die Premiere bei der WM in Oberstdorf. In Peking 2022 könnte dann die letzte olympische Männerbastion fallen. So zumindest der Plan einer vom Weltverband verabschiedeten "Road Map" zur Entwicklung der Disziplin.

Dezenter Druck und positive Signale vom IOC

Gian Franco Kasper

Gian Franco Kasper: "Damen werden sehr schnell kommen"

Während der zurückliegenden nordischen Ski-WM in Lahti, so berichtet Hüttel, habe es ein Treffen mit Thomas Bach. Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gegeben. Das IOC hatte in den vergangenen Monaten mit Aussagen zur Gender-Gerechtigkeit dezent Druck ausgeübt. Beim Treffen in Lahti äußerte sich Bach nun positiv bezüglich einer Olympia-Aufnahme 2022. Auch FIS-Präsident Gian Franco Kasper steht hinter den Plänen: "Die kombinierenden Damen werden sehr schnell kommen. Wir dürfen das nicht überreizen, aber über kurz oder lang wird ein Teamwettbewerb im WM-Programm stehen", sagte der Schweizer Anfang März in der ARD.

Nachwuchsserie mit 80 Teilnehmerinnen

An Nachwuchs, erklärt Hüttel, fehle es jedenfalls nicht. In Ländern wie den klassischen Kombi-Nationen Deutschland, Österreich, Norwegen oder Frankreich gebe es einen regelrechten Boom. "Andere Länder haben mich überrascht, der russische Verband engagiert sich beispielsweise sehr. Zudem rechne ich damit dass aus Langlaufnationen wie Finnland oder Schweden ebenfalls bald Top-Athletinnen kommen." Einen Vorgeschmack gab es bereits im vergangenen Sommer, als auf den ersten beiden Stationen der Youth-Cup-Wettkampfserie 70 bis 80 Teilnehmerinnen aus 14 Ländern dabei waren. Zum Saisonfinale am vergangenen Wochenende im norwegischen Trondheim gingen immerhin noch 24 Athletinnen in zwei Altersklassen vom Bakken und auf die Drei-Kilometer-Piste.

Klingenthalerin Jenny Nowak gewinnt Youth Cup

Die ersten Sternchen unter den Zwölf- bis 16-Jährigen zeigen sich auch schon. Erfreulich aus deutscher Sicht, dass die Klingenthalerin Jenny Nowak ganz vorn mitmischt. Die 14-Jährige gewann sechs von acht Wettkämpfen des Youth Cup und stand schon vor dem Abschluss in Trondheim als Gesamtsiegerin fest. Auch die Namen der 13-jährigen Anna Jäkle (Schonach-Rohrhardsberg) und Emily Franke (Oberwiesenthal) sowie der 15-jährigen Sophia Maurus (Buchenberg) kann man schon mal vorsichtig im Gedächtnis platzieren.

Österreich mit Vorsprung

Nordische Kombination - Timna Moser

Timna Moser gewann 2015 den ersten Youth-Cup der Geschichte.

Die internationale Konkurrenz des DSV-Nachwuchses heißt Hanna Midtsundstad, Triinu Hausenberg oder Josephine Pagnier und kommt aus Norwegen, Estland oder Frankreich. In Österreich wurden mit Timna Moser und Lisa Eder sogar schon zwei Sportlerinnen in den C-Kader-Status berufen und trainieren unter nahezu professionellen Bedingungen. Mit Erfolg: Wo die beiden am Start sind, machen sie den Sieg unter sich aus. "In der Struktur ist uns Österreich voraus", schaut Hüttel mit Respekt zu den Nachbarn im Süden. Damit man in Deutschland den Anschluss nicht verpasst, wurden im vergangenen Jahr im Hochschwarzwald und in der Region Klingenthal zwei Projekte zur Jugendförderung ins Leben gerufen. "Dort soll die Nordische Kombination der Damen speziell unterstützt werden. Wir dürfen das nicht verschlafen", erklärt Hüttel.

Pläne: Mixed-Wettbewerbe und Beispiel Biathlon

Geht der ambitionierte Entwicklungsplan bis zu den Olympischen Spielen 2022 auf, müssen sich nur noch die Zuschauer für die Damen-Kombination begeistern. Der von Hüttel und dem Norweger Lasse Ottesen im Weltverband geführten Task Force schweben zur Etablierung der Disziplin gemischte Wettbewerbe und das Beispiel Biathlon vor. "Unsere Auswertungen haben gezeigt, dass Mixed-Wettkämpfe international großen Anklang finden", erklärt er. Im Mixed könnte es so die ersten WM- und Olympiamedaillen geben.

Damen und Herren müssten nach Möglichkeit aber auch im normalen Weltcup zeitgleich am selben Ort sein. "Beim Biathlon hat die 'Bild'-Zeitung vor 20 Jahren noch von Flintenweibern geschrieben. Heute haben Herren- und Damen-Wettkämpfe den gleichen Zuschauerzuspruch", sieht der 48-Jährige eine vollständige Akzeptanz der schießenden Frauen durch die örtliche und zeitliche Verbindung von Damen- und Herren-Wettkämpfen. Können sich Hüttel und Ottesen in der FIS durchsetzen, ist es gut möglich, dass es in nicht allzu langer Zeit dann auch ein Saisonabschlussfoto der gemischten DSV-Kombiniererfamilie gibt. Mit Transparent und am Fuße der Holmenkollenschanze. Bleiben die deutschen Kombinierer und Kombiniererinnen in ihrer aktuellen Erfolgsspur, dürften auf dem Transparent dann aber mehr als 50 Podestplätze stehen.

Stand: 22.03.2017, 07:08

Darstellung: