Rafael Nadal - Im Sog des Negativtrends

Rafael Nadal

Frühes Aus bei den Australian Open

Rafael Nadal - Im Sog des Negativtrends

Von Jörg Strohschein

Rafael Nadal ist bereits in der ersten Runde der Australian Open ausgeschieden. Der Spanier ist weit entfernt von seiner Bestform. Und es scheint, als hätte er große Mühe, diese jemals wieder zu erlangen.

Als Rafael Nadal die Rod-Laver-Arena verließ, wirkte er wie der einsamste Mensch der Welt. Den Ordner, der auf dem schmalen Gang zu den Umkleidekabinen für die Sicherheit der Spieler sorgen soll, würdigte der Spanier keines Blickes. Nadal, der einstige Dominator des Welttennis, starrte nur stumm auf den Boden und verließ die Stätte des Misserfolgs als ein scheinbar gebrochener Mann.

Es war eine in vieler Hinsicht erschüternde Niederlage des 29-Jährigen gegen seinen Landsmann und Freund Fernando Verdasco. "Das kam unerwartet. Natürlich schmerzt es", sagte Nadal, nachdem er einige Minuten Zeit gehabt hatte, diese neuerliche Enttäuschung zu verarbeiten.

Wie ein teilnahmsloser Beobachter

Nicht dass Verdasco ein schlechter Tennisspieler wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Der 32-Jährige war an diesem Nachmittag in den entscheidenden Momenten, beim 7:6 (6), 4:6, 3:6, 7:6 (4), 6:2, schlicht eine Nummer zu groß. Noch vor ein paar Jahren hätte Nadal eine körperliche und mentale Schwächephase wie im fünften Satz allerdings niemals ereilt.

Er wäre vielmehr derjenige gewesen, der das Tempo noch einmal erhöht und den Gegner in der Hitze Melbournes die letzten Kräfte aus dessen ohnehin bereits lädierten Körper herausgesaugt hätte. Diesmal war es aber Verdasco, der Nadal die Bälle vor allem gegen Ende der Begegnung regelrecht um die Ohren schoss. Schier unglaubliche 90 Winner konnte Verdasco insgesamt für sich verbuchen.

Nadal wirkte speziell im letzten Satz phasenweise wie ein teilnahmsloser Beobachter - ausgelaugt und ratlos. "Es ist ganz anders als vor einem Jahr. Da kam ich schon mit einem schlechten Gefühl an und war nicht bereit. Diesmal habe ich viel trainiert und fühlte mich bereit", sagte Nadal sichtlich konsterniert über seine Vorstellung.

Viel Kraft und Substanz gelassen

Diese ehrliche Selbstreflexion ist für Nadal eine besonders schlechte Botschaft, die er an diesem Nachmittag aussendete. Schon längere Zeit hegen Experten Zweifel daran, ob der Spanier noch einmal das Top-Niveau erreichen kann, mit dem sich der Spanier insgesamt 14 Grand-Slam-Titel sicherte. Mittlerweile scheint er sich selbst schon zu misstrauen.

Sein enorm laufstarkes Spiel, sein außergewöhnlicher Topspin, seine extreme Wucht in den Grundschlägen, seine überdurchschnittlichen physischen Möglichkeiten sowie sein unerschütterliches Selbstbewusstsein hatten den Gegnern einst enorme Angst eingeflößt und sie zumeist überfordert wirken lassen. All diese Vorteile scheinen Nadal mittlerweile verlassen zu haben.

Schwere Verletzungen

Diese Stärken haben Nadal über die Jahre viel Kraft und Substanz gekostet. Zuletzt haben ihn auch immer wieder schwerere Verletzungen aus der Bahn geworfen. Erst zwickte das linke Knie, dann plagte ihn eine langwierige Handgelenksverletzung. Die Zeit, in der Nadal pausieren musste, konnte er trotz vieler intensiver Trainingseinheiten bislang nicht wieder aufholen. Vor allem bei den Grand Slams des vergangenen Jahres wurde sein Rückstand überaus deutlich.

Bei den Australian Open 2015 scheiterte er im Viertelfinale bereits krachend an Tomas Berdych in drei Sätzen. Auch bei den French Open, wo Nadal einst als unbesiegbar galt, wurde er im Viertelfinale von Novak Djokovic in ebenfalls nur drei Sätzen entzaubert. In Wimbledon scheiterte er bereits in der zweiten Runde an Dustin Brown. Bei den US Open musste Nadal das Turnier nach Runde drei, nach einer Niederlage gegen Fabio Fognini, vorzeitig beenden.

Abgerutscht auf Platz fünf

Der Trend spricht gegen Nadal. Das Erstrunden-Aus in Melbourne ist deshalb zwar eine neuerliche, bittere Enttäuschung, aber schon länger keine Sensation mehr. Nadal wird dennoch nicht aufgeben, auch wenn er es vermutlich sehr schwer haben wird, nochmal sein altes Leistungsvermögen zu erreichen.

Der Abstand zum Weltranglistenersten Djokovic beträgt bereits mehr als 11.000 Punkte. Beim Finale in Doha vor rund einer Woche, einem Vorbereitungsturnier für die Australian Open, war Nadal gegen den Serben erneut chancenlos (1:6; 2:6). Dem Tempo und der Konstanz hatte Nadal wieder nichts entgegen zu setzen. Der Spanier ist zudem auf Rang fünf der Weltrangliste abgerutscht. Er war einmal 141 Wochen Erster des Rankings.

"Ich habe einfach damit begonnen, Winner zu schlagen – ich weiß nicht, wie. Ich habe meine Augen geschlossen und alles ist hineingegangen", hatte Verdasco nach seinem Sieg gegen seinen Freund Rafael Nadal gesagt. In seinen besten Zeiten hätte Nadal das allerdings zu verhindern gewusst.

Stand: 19.01.2016, 20:05

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