Keine Chance für Kerber - oder doch?

Angelique Kerber

Australian Open

Keine Chance für Kerber - oder doch?

Angelique Kerber sagt, sie habe im Finale der Australian Open "nichts zu verlieren". Tatsächlich erscheint Serena Williams vor dem Duell mit der Deutschen übermächtig. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer.

So lange liegt es nicht zurück, dass Serena Williams ein bisschen bedröppelt zur Platzmitte spazierte und Angelique Kerber die Hand ausstreckte, um zu gratulieren. Geschehen 2012 im Viertelfinale von Cincinatti, als die Kielerin tatsächlich gegen die schier übermächtige US-Amerikanerin triumphierte. Mit 6:4, 6:4. Glatt in zwei Sätzen.

"Von dem Moment an war mir bewusst, dass sie jemand ist, den ich, den jeder, sehr ernst nehmen muss", sagte Williams am Freitag über ihre Kontrahentin. Die Weltranglisten-Erste wird Kerber also nicht unterschätzen. Dennoch setzt die deutsche Nummer eins darauf, dass sich die 34-Jährige hin und wieder einen Wackler leistet.

Dann muss sie da sein. "Ich weiß, dass ich diese Phase nutzen muss", sagte die sechs jahre jüngere Kerber - damit sich ihre Wunschschlagzeile erfüllt. "Kerber hat ihr erstes Grand-Slam-Turnier gewonnen", wie sie in einem ARD-Radio-Interview sagte.

Maßstäbe fürs Frauentennis

Serena Williams

Hat Respekt: Serena Williams

Doch die Hürde könnte höher kaum sein. Williams setzt mit ihrem atemberaubenden Aufschlag, ihren kraftvollen Schlägen Maßstäbe im weiblichen Segment, denen die Konkurrentinnen meist kaum gewachsen sind. Die 1,75 Meter große Powerfrau, in Palm Beach/Florida beheimatet, hat allein sechsmal die Australien Open gewonnen.

69 Titel hat sie ingesamt eingeheimst, davon 21-mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Nicht mal der Golden Slam - zusätzlich der Gewinn der Olympischen Goldmedaille in Rio - erscheint 2016 unmöglich für die unersättliche Williams, die allein an Preisgeld fast 75 Millionen US-Dollar gewonnen hat. Ihre letzte Niederlange in einem Grand-Slam-Endspiel datiert aus dem September 2011, als sie glatt in zwei Sätzen der Australierin Samantha Stosur unterlag und durch unangenehme Pöbeleien negativ auffiel.

Nicht mal Golden Slam scheint unmöglich

Williams hat im vergangenen Jahr drei der vier Major-Events gewonnen, allerdings zerplatzte der Traum vom Grand Slam im vergangenen Jahr in New York noch vor dem Finale - im Halbfinale unterlag sie überraschend der Italienerin Roberta Vinci. In Melbourne hat sie bislang nicht mal einen Satz abgegeben. "Serena hat hier bislang beeindruckend gespielt. Daher habe ich nichts zu verlieren und kann ganz befreit aufspielen", spricht sich Kerber Mut zu, wohl wissend, dass bei ihr alles funktionieren sollte, während bei der Favoritin schon Grundsätzliches außer Gang geraten muss.

Und doch verfällt da eine nicht in Schockstarre. "Ich habe in den vergangenen zwei Wochen verinnerlicht, dass ich eine der besten Spielerinnen der Welt bin", beschrieb die 28-Jährige ihren Reifeprozess im Eiltempo. "Ich bin eine schnelle Lernerin. Wenn ich einen Fehler mache, dann will ich ihn nicht noch einmal machen."

Training ungewollt Seite an Seite

Angelique Kerber

Macht sich keinen Druck: Angelique Kerber

Doch kann die Linkshänderin damit die Rechtshänderin besiegen? Ihr neues Motto gilt: sich bloß nicht zu viel Druck machen. "Ich glaube, ich werde heute Nacht gut schlafen. Mein halber Traum ist ja schon in Erfüllung gegangen", sagte die deutsche Nummer eins mit Blick auf ihr erstes Major-Endspiel: "Ich kann schon jetzt so viel mitnehmen für die Zukunft. Aber natürlich will ich gewinnen."

Wegen des Regens hatte die Kielerin ihre letzte Trainingseinheit in die Halle verlegen müssen. Beim Betreten von Court 3 musste Kerber selbst schmunzeln, als sie sah, wer direkt neben ihr auf dem Platz stand. Ihre Endspiel-Gegnerin Serena Williams schlug unter dem strengen Blick ihres Trainers Patrick Mouratoglou die Bälle mit einer Wucht über das Netz, dass man sich um die Stabilität der Hallenwand ernsthafte Sorgen machen musste.

"Das ist meine Herausforderung"

Doch Kerber machte das keine zusätzliche Angst. "Am Anfang habe ich in den Pausen mal kurz rüber geguckt", gestand die deutsche Nummer eins, "aber ich weiß ja, was mich erwartet und was auf mich zukommt." Ihre Karten deckte sie erst auf, als Branchenführerin Williams den Platz verlassen hatte: "Erst dann habe ich noch zehn Minuten an meinem Matchplan gefeilt."

Kerber geht pragmatisch an die Herkulesaufgabe heran: "Sie ist die Nummer eins, sie ist der Champion, der alles gewonnen hat. Wenn ich zu kurz spiele, schießt mich Serena vom Platz. Sie schlägt unglaublich gut auf, die ersten Schläge in den Ballwechseln sind sehr wichtig. Wenn man die Leute fragt, wer gewinnt, dann sagen die meisten: Serena. Aber das ist meine Herausforderung."

Die bisherigen Vergleiche
2007 US Open6:3, 7:5Siegerin Serena Williams
2012 Cincinnati Viertelfinale6:4, 6:4Siegerin Angelique Kerber
2013 WTA-Finals Gruppenphase6:4, 6:1Siegerin Serena Williams
2013 WTA-Finals Gruppenphase6:3, 6:1Siegerin Serena Williams
2014 Miami Viertelfinale6:2, 6:2Siegerin Serena Williams
2014 Stanford Finale7:6 (7:1), 6:3Siegerin Serena Williams

dpa, sid, red | Stand: 29.01.2016, 12:21

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