Kerber triumphiert in Melbourne

Angelique Kerber, Serena Williams

Australian Open

Kerber triumphiert in Melbourne

Angelique Kerber hat sich ihren ganz großen Traum erfüllt und dank einer furiosen Leistung als erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf vor 17 Jahren wieder einen Grand-Slam-Titel geholt.

Die Kielerin entzauberte im Finale der Australian Open Titelverteidigerin Serena Williams mit 6:4, 3:6, 6:4 und wird sich in der neuen Weltrangliste um vier Positionen auf Platz zwei verbessern. Nach 2:09 Stunden verwandelte Kerber in der Rod-Laver-Arena ihren ersten Matchball und ließ sich nach einem der besten Major-Finals der Geschichte rücklings auf den blauen Hartplatz fallen.

Danach fiel sie ihrer Gegnerin in die Arme und vergrub anschließend auf der Bank kurz ihr Gesicht in einem weißen Handtuch. Tränen standen in ihren Augen - der Gewinn des Daphne-Akhurst-Memorial-Cups beschert der deutschen Nummer eins ein Preisgeld in Höhe von umgerechnet 2,2 Millionen Euro.

"Jetzt stehe ich hier..."

Angelique Kerber

Kampf bis zum Umfallen: Angelique Kerber

"Puuuhhh", sagte Kerber in ihrer Sieger-Ansprache und rang nach Worten. Doch dann sprudelte es aus der 28-Jährigen nur noch so heraus. "An diesem Abend ist mein Traum wahr geworden. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, und jetzt stehe ich hier und bin ein Grand-Slam-Champion", sagte Kerber. "Das hört sich verrückt an."

Die Kielerin wollte gar nicht mehr aufhören zu reden. "Danke an meine Familie, an meine Freunde, an mein Team. Ich weiß, manchmal bin ich nicht einfach. Danke an alle." Williams zeigte sich als faire Verliererin. "Angie, du hast es so sehr verdient. Ich hoffe, du genießt den Moment."

Kerber "lässt es krachen"

Damit machte Kerber auf beeindruckende Weise ihre Ankündigung wahr, es dieses Jahr bei den Majors "krachen lassen" zu wollen. Vor ihrem ersten Grand-Slam-Endspiel hatte sie angekündigt, bei einem Triumph in den nahe gelegenen Yarra-Fluss zu springen.

Kerber, die im Erstrundenmatch gegen Misaki Doi (Japan) sogar einen Matchball abgewehrt hatte, betrat mit einem breiten Lächeln im Gesicht den Centre Court. Von Anfang an wirkte sie hochkonzentriert und zeigte in ihrem ersten Grand-Slam-Finale keine Nerven. Auch die Vorgabe, druckvoll aufzuschlagen, erfüllte die 28-Jährige.

Viele Fehler von Williams

Serena Williams

Kraft pur: Serena Williams

Williams indes leistete sich unerklärliche Fehler und schaute immer wieder hilflos in ihre Box. Ihre beiden Breakchancen nutzte Kerber gnadenlos aus und führte plötzlich mit 5:3, ehe sie nach 39 Minuten vom 23. "Unforced Error" von Williams profitierte und sich den ersten Durchgang sicherte.

Danach steigerte sich die Favoritin und nahm der nun fehlerhafter agierenden Kielerin den Aufschlag zu eigenen 3:1-Führung ab. Beim Satzball profitierte Williams dann von einem Vorhand-Fehler Kerbers. In der Folge gelang der Kielerin das Break zum 2:0, doch Williams konterte postwendend. Die vermeintliche Vorentscheidung fiel, als Kerber in einem 13-minütigen Spiel Williams den Aufschlag abnahm und wenig später mit 5:2 führte.

Kerber behält kühlen Kopf

Die Weltranglistenerste kam zwar noch einmal auf 4:5 heran. doch Kerber behielt kühlen Kopf. Kerber, die am ersten Turniertag ihren 28. Geburtstag gefeiert hatte, krönte damit zwei emotionale Wochen. Nach der Zitterpartie zum Auftakt hatte sie unter anderem Annika Beck (Bonn) und nach einer ganz starken Leistung im Viertelfinale die zweimalige Australian-Open-Gewinnerin Wiktoria Asarenka (Weißrussland) erstmals besiegt.

Kerbers Trainer Torben Beltz war einfach nur stolz auf seinen Schützling. "Das war fast unmenschlich", sagte Beltz. "Sie hat gegen die beste Spielerin der Welt gespielt, aber keine Angst gezeigt. Von so einem Moment träumt man", sagte Beltz, "auch als Trainer".

Kerber im Dauerstress der Siegerin

Angelique Kerber hatte auch fünf Stunden nach ihrem Titelgewinn bei den Australian Open die Anlage im Melbourne Park noch nicht verlassen. Nach zahlreichen Presseterminen und Telefon-Interviews musste die neue Weltranglistenzweite um 2.30 Uhr am Sonntagmorgen Ortszeit noch zur Dopingkontrolle. "Bis zum Rückflug werde ich wohl nicht mehr schlafen. Aber auf der 25-stündigen Heimreise habe ich ja genug Zeit dazu", sagte die erste deutsche Major-Siegerin nach Steffi Graf 1999.

Viel Zeit zum Feiern blieb Kerber allerdings nicht. Bereits am Sonntagmorgen um 8.00 Uhr Ortszeit hat die 28-Jährige aus Kiel schon wieder die nächsten TV-Termine im offiziellen Spielerhotel. Das offizielle Foto mit dem Siegerpokal soll zwei Stunden später am Government House gemacht werden. Am Sonntagabend will Kerber ihre Heimreise via Bangkok, Frankfurt und Berlin antreten. Zum Fed-Cup-Team wird sie frühestens am Dienstagabend stoßen. Die Mannschaft von Bundestrainerin Barbara Rittner spielt am 6./7. Februar im Erstrundenmatch in Leipzig gegen die Schweiz.

Alle deutschen Grand-Slam-Turniersieger

Angelique Kerber hat die Australian Open in Melbourne gewonnen. Damit triumphierte sie als achte Deutsche bei einem der vier Grand-Slam-Turniere.

Cilly Aussem

Cilly Aussem war die erste deutsche Tennis-Spielerin, die einen der begehrten Grand-Slam-Turniersieg einheimsen konnte. Sie gewann am 3. Juli 1931 das Finale der French Open gegen Betty Nuthall. In jenem Jahr gewann Aussem auch noch das Dameneinzel von Wimbledon.

Cilly Aussem war die erste deutsche Tennis-Spielerin, die einen der begehrten Grand-Slam-Turniersieg einheimsen konnte. Sie gewann am 3. Juli 1931 das Finale der French Open gegen Betty Nuthall. In jenem Jahr gewann Aussem auch noch das Dameneinzel von Wimbledon.

Gottfried von Cramm war der erste deutsche Mann, der sich in die Siegerlisten eintragen konnte. Er siegte 1934 und 1936 in Paris.

In Paris war auch Hilde Krahwinkel-Sperling erfolgreich - und zwar dreimal in Serie. Sie gewann 1935, 1936 und 1937 die French Open.

Doch nicht nur Krahwinkel-Sperling konnte 1937 in Paris jubeln. Bei den Männern gewann in jenem Jahr Henner Henkel und setzte damit die Erfolgsgeschichte fort.

Dann mussten die Deutschen sehr lange auf den nächsten Grand-Slam-Turniersieg warten. 1985 gewann der damals 17-Jährige Boris Becker das Rasen-Turnier in Wimbledon. Dort siegte er zudem 1986 und 1989. Auch bei den US Open triumphierte der Leimener 1989, den Sieg bei den Australian Open holte er 1991 und 1996.

Im Jahr 1987 ging der Stern von Steffi Graf auf. Da gewann die bis heute beste deutsche Spielerin die French Open in Paris - genau wie auch 1988, 1993, 1995, 1996 und 1999. Ihre Karriere ist mit 22 Titel bei Grand-Slam-Turnieren außergewöhnlich. Graf siegte insgesamt vier Mal in Australien, sieben Mal in Wimbledon und fünf Mal bei den US Open.

Beckers Dominanz bei Grand-Slam-Turnieren wurde 1991 von Michael Stich unterbrochen. Der besiegte seinen Landsmann 1991 im Finale von Wimbledon.

Dann begann wieder das lange Warten auf einen großen, deutschen Tennis-Erfolg. 2016, 17 Jahre nach dem letzten Sieg von Steffi Graf, triumphierte Angelique Kerber bei den Australian Open in Melbourne.

Stand: 30.01.2016, 15:24 Uhr

dpa, sid, red | Stand: 30.01.2016, 17:46

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