Nick Kyrgios und seine Ausraster

Nick Kyrgios

Australian Open

Nick Kyrgios und seine Ausraster

Von Frank van der Velden

Der 22-jährige Australier Nick Kyrgios gilt als einer der talentiertesten Tennisspieler der Welt. Wenn da nur nicht seine ständigen Ausraster wären.

Nick Kyrgios gibt sich in diesen Tagen alle Mühe, einen gereiften Eindruck zu machen. "Ich fühle mich besser vorbereitet als im vergangenen Jahr. Ich habe besser auf meinen Körper geachtet, meine Disziplin verbessert und viel trainiert", sagt der australische Tennisprofi vor dem Start der Australian Open in Melbourne. "Ich habe alles getan, was möglich war und habe das Gefühl, dass ich in dieser Saison etwas Großes erreichen werde", erklärt die Nummer 17 der Weltrangliste. Und dass das alles nicht nur Gerede ist, bewies er dann auch gleich mal auf dem Platz und gewann das Vorbereitungsturnier in Brisbane.

Auch abseits des Courts sorgt er für positive Schlagzeilen. Kurz vor Weihnachten spendete er mehr als 100.000 Dollar für die von ihm gegründete "Nick Kyrgios Foundation". Der 22-Jährige engagiert sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche. "Ich möchte nicht als ein guter Tennisspieler in Erinnerung bleiben. Ich möchte, dass man sich an eine Person erinnert, die Menschen geholfen hat", sagt er.

"Enfant terrible" und "bad boy"

So kennt man Nick Kyrgios nun wirklich nicht, und bei seinem Namen erinnert man sich zunächst an ganz andere Dinge. Der Mann aus Canberra gilt als "enfant terrible", als "bad boy" und unberechenbarer Tennis-Rüpel. Für seine zahlreichen Ausraster bekam der Heißsporn in der Vergangenheit schon hohe Geldstrafen und sogar eine Sperre aufgebrummt und musste zum Sportpsychologen.

Seinen bisher letzten großen Auftritt hatte er im Herbst 2017 in Shanghai. Wegen verschiedener Aussetzer wurde er im Tie-Break des ersten Satzes gegen Steve Johnson mit einem Punktabzug bestraft. Er verlor den Satz und verließ anschließend wutentbrannt den Platz - angeblich wegen Magenschmerzen.

Manchmal einfach keine Lust

Unvergessen ist auch sein Verhalten beim Turnier in Montreal 2015. Da sagte er dem Schweizer Stanislas Wawrinka während eines Seitenwechsels laut und deutlich über die Außenmikrofone: "Kokkinakis hat mit deiner Freundin geschlafen." Thanasi Kokkinakis ist ebenfalls ein australischer Tennisspieler und ein guter Freund von Kyrgios.

Manchmal hat er aber auch schlichtweg keine Lust auf Tennis. 2016 in Shanghai schenkte er sein Match gegen Mischa Zverev mit 3:6, 1:6 nach 48 Minuten regelrecht ab. Nach einem laschen Aufschlag ging er in Richtung seiner Bank, obwohl Zverev noch gar nicht zurück geschlagen hatte. Beim Matchball spielte er die Filzkugel extra hoch in die Luft, so dass der Deutsche keinerlei Mühe hatte.

In der falschen Sportart

Damals stand er auf Platz 13 der Weltrangliste, seine bisher beste Platzierung. Dann kam die Sperre und Kyrgios verpasste die Teilnahme am ATP World Tour Finale in London. Darauf angesprochen erklärte er einem Journalisten: "Das ist mir komplett egal, um ganz ehrlich zu Ihnen zu sein."

Vielleicht hat er ja wirklich die falsche Sportart gewählt. Kyrgios hat einmal gesagt, er möge Tennis nicht sonderlich: "Ich war immer total vernarrt in Basketball, aber mit 14 entschied ich mich für Tennis. Das war verrückt. Seit diesem Tag kann ich sagen, dass ich den Sport nicht liebe."

Zverev über Kyrgios: "Genies sind anders"

Sein Image hat Kyrgios stets gut gepflegt. Sein Haare sind kurz geschoren, um seinen Hals baumeln jede Menge Goldketten, er mag schnelle Autos, trägt gerne Sonnenbrillen und Basecaps. Der Sohn eines griechischen Malers und einer Computerexpertin aus Malaysia bewegt sich weitab des Mainstreams. Damit polarisiert er wie zurzeit kein anderer Spieler im Tennis-Zirkus. Die einen hassen ihn. Andere halten ihn voller Mitleid für einen schrägen Vogel, der sein Talent verschwendet. Wieder andere nehmen ihn so wie er ist. Er sei privat ein "supernetter Kerl", sagt Mischa Zverev über Kyrgios: "Aber er ist halt ein Genie, und Genies sind anders."

Der zurzeit beste australische Tennisspieler gilt als hochbegabt und als eines der größten Talente der Welt. An einem guten Tag kann er jeden schlagen. Experten sagen ihm eine große Karriere voraus. Er werde Major-Titel gewinnen, so die einhellige Meinung. "Nick ist der talentierteste Spieler auf der Tour", sagt Ex-Profi John McEnroe. Der 1,93-Meter große Rechtshänder ist für seinen krachenden Aufschlag, seine harte Vorhand und für unorthodoxe Schläge bekannt, mit denen er seine Gegner zur Verzweiflung bringt. Zudem gilt er als Kämpfer, der keinen Ball verloren gibt. Das alles gilt freilich nur, wenn er Lust auf Tennis hat.

Innerer Kampf

Zuletzt gab Kyrgios in Interviews und Blogs Einblicke in sein Seelenleben. "Ich mache nicht genug Fortschritte, weil ich es nicht genug will. Ich nehme es nicht ernst genug. Es gibt einen Wettkämpfer in mir, der gewinnen möchte und einen Menschen, der ein normales Leben mit meiner Familie abseits des Rampenlichtes führen möchte", erklärt er offen. Dieser innere Kampf hindere ihn, auf der ATP-Tour durchzustarten, und dann spricht er von "Tagen, an denen mir mein Zuhause fehlt und ich überall lieber wäre als auf irgendeinem Tennisplatz in Übersee." Da zeigt sich Kyrgios als bodenständiger und familiennaher Mensch, dessen rüpelhaftes und respektloses Verhalten wohl nur Fassade ist. 

Jetzt soll alles besser werden. "Ich denke, dass ich einen Reifeprozess durchmache", sagt Kyrgios. Doch so recht traut er sich selbst nicht über den Weg, auch wenn er gewiss hart an sich arbeitet. "Hoffentlich laufen die Dinge dieses Jahr gut", sagt er.

Stand: 12.01.2018, 08:30

ATP | Weltrangliste

Name P
1. Rafael Nadal 10600
2. Roger Federer 9605
3. Grigor Dimitrow 4990
4. Alexander Zverev 4610
5. Dominic Thiem 4060
6. Marin Cilic 3805
7. David Goffin 3775
8. Stanislas Wawrinka 3060
9. Jack Sock 2960
10. Juan Martin Del Potro 2725
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