Schwimmen - der lange Weg zurück zur Weltspitze

 Paul Biedermann

Standort-Bestimmung im Olympia-Jahr

Schwimmen - der lange Weg zurück zur Weltspitze

In weniger als einem halben Jahr beginnen die Olympischen Sommerspiele in Rio. Nach dem historisch schlechten Abschneiden der deutschen Schwimmer in London – erstmals blieb man seit 80 Jahren ohne Medaille – sollen in Brasilien erneut die Etablierten für den Deutschen Schwimmverband (DSV) auf Edelmetalljagd gehen. Das von Bundestrainer Henning Lambertz eingeführte Perspektiv-Team-Projekt soll erst 2020 in Tokio greifen.

Paul Biedermann und Steffen Deibler hatten Ende Februar sichtlich Spaß beim Schwimmfest in Halle an der Saale. Beim „Hasenrennen“ unterstützte Biedermann seinen Nationalmannschaftskollegen, indem er bei Deiblers 100 Meter Schmetterling auf der zweiten Bahn ins Becken sprang und ihm als Hase zu einer Zeit von 52,68 Sekunden verhalf. Zwar fehlte zur Weltjahresbestzeit noch mehr als eine Sekunde, aber die heiße Phase der Olympia-Vorbereitung hat für die DSV-Athleten auch gerade erst begonnen.

Erster Formtest auf dem Weg nach Rio

Für Deutschlands Spitzenschwimmer standen Anfang März die ersten richtungsweisenden Wettkämpfe im Olympischen Jahr auf dem Plan. Nahezu alle Nationalmannschafts-Athleten waren bei Events in Berlin, Essen, München oder Marseille vertreten. In der französischen Hafenstadt bewies vor allem die männliche Speerspitze des Deutschen Schwimmverbandes um Paul Biedermann und Marco Koch schon ihre gute Frühform.

Dabei stellte der Darmstädter Koch erneut seine Vormachtstellung über seine Paradestrecke 200 Meter Brust unter Beweis. Der amtierende Weltmeister verwies souverän seinen Teamkollegen Christian vom Lehn auf Platz zwei und bleibt im Jahr 2016 weiter ungeschlagen auf dieser Strecke.

Biedermann, der sich bei seinen letzten Spielen ausschließlich auf die 200 Meter Freistil konzentrieren will, konnte über diese Distanz immerhin den französischen Olympiasieger von London, Yannick Agnel, hinter sich lassen. Eine beachtliche Zeit über 400 Meter Lagen brachte Jacob Heidtmann ins Becken. Der Newcomer des letzten Jahres belegt damit zurzeit den achten Platz der Weltjahresbestenliste und verpasste die interne DSV-Norm nur um zwei Hundertstel. Rückenspezialist Jan-Philip Glania unterstrich mit zwei Siegen über 100 und 200 Meter Rücken seinen guten Start ins Olympische Jahr.

Männer gut, Frauen ausbaufähig

Während sich bei den Männern die arrivierten Athleten schon gut in Szene setzen konnten, bedarf es bei den Frauen noch einer Leistungssteigerung. Alexandra Wenk konnte in Frankreich zwar mit einer neuen persönlichen Bestzeit über 200 Meter Lagen überzeugen, zur internationalen Spitze ist es allerdings noch ein weiter Weg. Ohnehin ist die Münchnerin eher auf den 100 Meter Schmetterling konkurrenzfähig.

Franziska Hentke, die zweite Schmetterlingsspezialistin im Team, ging trotz Schwächung durch einen grippalen Infekt an den Start. Aussagekräftig war die Zeit der Magdeburgerin somit nicht, der Traum von Rio und ihren ersten Spielen geht für die WM-Vierte von 2015 jedoch weiter: "Die Olympischen Spiele sind Motivation genug, um sich jeden Tag zu quälen", sagte Hentke dem Swimsport Magazine.

Aushängeschild bei den Frauen fehlt

Gerade die Frauen haben die Lücke, die Britta Steffen mit ihrem Rücktritt hinterlassen hat, noch nicht schließen können. Zwar haben Wenk und Hentke bei den Weltmeisterschaften 2015 in Kazan angedeutet, wie viel Potenzial in ihnen steckt, einen internationalen Titel auf der prestigeträchtigen Langbahn können sie aber noch nicht vorweisen.

Überhaupt fehlt es den deutschen Damen an einer breiten und jungen Basis hinter Wenk und Hentke. Sprint-Ass Dorothea Brand ist mit ihren 32 Jahren keine Zukunftsoption mehr, ebenso wie die 30-jährige Jenny Mensing, die beide voraussichtlich ihre letzten Spiele angehen werden. Theresa Michalak und Vanessa Grimberg zeigten schon mehrmalig gute Ansätze, ihnen fehlt aber noch die Konstanz, sich international zu behaupten.

In Rio müssen es die Etablierten richten

Alexander Kunert

Alexander Kunert

Die langfristige Planung von Bundestrainer Henning Lambertz ist mit dem Konzept des Perspektiv-Teams erst auf Olympia 2020 in Tokio ausgelegt. Bis dahin ist für Lambertz die Rückkehr "unter die fünf bis acht führenden Schwimmnationen der Welt und das Wiedererlangen der Position eins in Europa" oberste Prämisse. Die Versuche, talentierten Nachwuchsathleten an die internationale Konkurrenz heranzuführen, wurde in den vergangenen zwei Jahren intensiviert. Viel versprechende Talente wie Sonnele Öztürk, Maxine Wolters, Johannes Hintze und Alexander Kunert durften bereits internationale Wettkampfluft schnuppern. Die Spiele in Rio kommen für den Nachwuchs aber wohl noch zu früh, so dass der Fokus erneut auf der älteren Garde um Biedermann, Deibler und Koch liegen dürfte.

Aus dieser Riege soll für den DSV die eine oder andere Medaille herausspringen. Für Biedermann selbst ist es die letzte Chance auf eine Olympische Medaille. Bei den Spielen 2008 und 2012 reichte es für den Hallenser jeweils nicht zu Edelmetall. Marco Koch gehört als amtierender Weltmeister zu den Favoriten über 200 Meter Brust. Und Steffen Deibler will seinen undankbaren vierten Platz von London vergessen machen. In Rio dann vielleicht im Fahrwasser eines anderen, weitaus berühmteren Hasen: Rekord-Olympiasieger Michael Phelps.

red | Stand: 21.03.2016, 11:00

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