Martin will Regenbogentrikot behalten
Neuer Abschnitt
Rad-WM in den Niederlanden
Martin will Regenbogentrikot behalten
Am Montag (17.09.12) sind Tony Martins Titelchancen noch einmal gestiegen. Auch der Brite Christopher Froome hat seine Teilnahme am WM-Einzelzeitfahren in Valkenburg am Mittwoch abgesagt.
Neuer Abschnitt
Nach dem Verzicht von Tour- und Olympiasieger Bradley Wiggins sowie des vierfachen Weltmeisters Fabian Cancellara aus der Schweiz fehlt somit bereits der dritte potenzielle Konkurrent im Kampf gegen die Uhr. Der 27 Jahre alte Deutsche ist somit neben dem Spanier Alberto Contador der letzte verbliebene Topfavorit auf das Regenbogentrikot. "Er müsste es packen", meint nicht nur sein Berater Rolf Aldag. Martin selbst ist ebenfalls optimistisch. "Alle Erwartungen unterhalb von Gold sind fehl am Platz", findet er.
Schritte zur Frustbewältigung
Martin geht nicht nur als aussichtsreichster Fahrer, sondern auch als Titelverteidiger an den Start. Vor einem Jahr lieferte er in Kopenhagen eine wahre Demonstration der Stärke ab und ließ Wiggins und Cancellara keine Chance. Wiggins prophezeite daraufhin den Beginn einer neuen Ära im Zeitfahren. Doch auf dem Regenbogentrikot schien eine Art Fluch zu liegen. Martins Saison war über weite Strecken ein einziger Alptraum. Im April wurde er im Training in der Schweiz von einem Auto angefahren, stieg aber trotz Gesichtsverletzungen und einem Bruch des Schulterblatts recht schnell wieder aufs Rad.
Aber der Unfall war erst der Auftakt zu einer Pleiten-Saison: Beim Prolog der Tour de France in Lüttich stoppte ihn zunächst eine Glasscherbe auf dem fast sicheren Weg ins Gelbe Trikot, einen Tag später brach er sich bei einem Sturz das Kahnbein in der linken Hand. Ein Handicap, dass ihm alle Chancen nahm, beim ersten langen Zeitfahren in Frankreich vorne mitzumischen, bei dem ihm zusätzlich noch ein Defekt die Laune verdarb. Schließlich musste er die Rundfahrt vorzeitig beenden. Auch bei Olympia in London bereitete ihm die verletzte Hand noch Schmerzen, dennoch rauschte der Cottbuser im Einzelzeitfahren hinter Wiggins zur Silbermedaille.
Unterstützung vom Team
Inzwischen hat Martin keine Beschwerden mehr, dennoch droht ihm nach dem Ende der Saison möglicherweise noch eine Operation, um eine spätere Arthrose zu verhindern. Vorher soll nun aber beim WM-Zeitfahren in Valkenburg ein weiterer Schritt zur Frustbewältigung folgen. Den ersten Schritt machte Martin bereits am Sonntag. Gemeinsam mit seinen Teamkollegen vom belgischen Rennstall Omega Pharma-Quickstep gewann er die Goldmedaille bei der WM-Premiere des Mannschaftszeitfahrens der Profi-Teams. Der Deutsche war die Lokomotive für seine fünf Kollegen. "Martin", schwärmte der Belgier Tom Boonen hinterher, "ist eine Maschine." Auch Radsportlegende Eddy Merckx sprach von einer "formidablen Leistung" des gebürtigen Cottbusers.
Mit dem Sieg im Teamzeitfahren sei eine Menge Druck von ihm abgefallen, erklärt Martin. "Das macht manchen Rückschlag vergessen." Martin betont, er sei froh, dem Team nach der schwierigen Saison etwas zurückzahlen zu können. Seit dieser Saison fährt Martin für den belgischen Rennstall, der ihn nach der Auflösung des Teams HTC-Highroad unter Vertrag genommen hatte. Martin sollte neben dem Klassikerspezialisten Boonen der zweite große Siegfahrer des Teams sein. Daraus wurde aufgrund der Umstände nichts, was auch die Teamleitung bei Omega Pharma-Quickstep einsah. "Es gab nie Druck, obwohl ich des Öfteren im wahrsten Sinne des Wortes am Boden war", sagt Martin.
Beim Einzelzeitfahren wird Martin nun versuchen, die Pleiten-Saison auch für sich ganz persönlich zu einem guten Ende zu führen. Dabei ist der 46,3 Kilometer lange Kurs von Heerlen durch die niederländische Region Limburg nach Valkenburg nicht zu unterschätzen. Drei Anstiege gilt es unterwegs zu bewältigen. Vor allem der Cauberg kurz vor dem Ziel ist mit 1.200 Metern Länge bei 5,5 Prozent Steigung noch einmal eine schmerzhafte Prüfung für die Radprofis. Martin schreckt das nicht. "Regen am Mittwoch" sei das einzige, wovor er sich ein wenig fürchte. Den WM-Parcours hat er quasi auswendig gelernt: "Ich habe ihn auf Video studiert und bin ihn siebenmal abgefahren. Ich bin 100 Prozent bereit."
sid/dpa/most | Stand: 18.09.2012, 09:48