Albert Richter - Der vergessene Rad-Weltmeister

Albert Richter

Albert Richter - Der vergessene Rad-Weltmeister

Von Christian Steigels

Die Radtour "Tour de Respect" erinnerte an den Kölner Radsportler und Antifaschisten Albert Richter, der unter ungeklärten Umständen ums Leben kam und erst spät rehabilitiert wurde.

Am Silvestertag 1939 trat Albert Richter zu seiner letzten Reise an. In seiner Heimat Köln bestieg er einen Zug in die Schweiz. Im Reifen seines Rads hatte er 12.700 Reichsmark versteckt, die er für einen im Ausland lebenden jüdischen Freund schmuggelte. Kurz vor dem Grenzübergang entdeckten Kontrolleure in Weil am Rhein das Geld. Richter wurde ins Gerichtsgefängnis Lörrach gebracht. Wenige Tage später war er tot.

"Tour des Respect" am 8. Oktober

"Albert Richter war ein Mensch, der sich gegen das NS-Regime stellte und dafür mit dem Leben bezahlen musste", sagt Elisabeth Odendahl. Am Sonntag (8. Oktober) veranstaltete die Kölner Hobby-Radsportlerin die "Tour de Respect", eine "Radrundfahrt gegen Antisemitismus und Rassismus". Pate war eben jener Albert Richter. Ein lange Zeit vergessener Kölner Bahnrennfahrer und engagierter Antifaschist.

Mit 19 Jahren Weltmeister der Amateure in Rom

Geboren wurde Richter 1912 in eine Arbeiterfamilie im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Seine frühe Begeisterung für den Radsport war lokal bedingt, war Köln doch eine Hochburg der Szene. Bereits 1880 war der 1. Bicycle Club Cöln gegründet worden, seit 1889 gab es eine Radrennbahn. 1927 fand die Weltmeisterschaft der Amateursprinter in Köln statt, seit 1928 in der ehemaligen Rheinlandhalle in Ehrenfeld das Sechstagerennen.

Auch Richter widmete sich dem Bahnradsport – mit Erfolg. 1932 gewann er als 19-Jähriger den renommierten Grand Prix de Paris, im gleichen Jahr wurde er in Rom sensationell Weltmeister der Amateure im Sprint. Richter wurde Profi, gewann von 1933 bis 1939 ununterbrochen die Deutsche Meisterschaft der "Flieger", wie die Sprinter damals bezeichnet wurden, wurde zwei Mal Vizeweltmeister. Auch den Grand Prix de Paris konnte er zwei weitere Male für sich entscheiden.

Engagierter Antifaschist mit jüdischem Manager

Richter war mehr als ein erfolgreicher Sportler – er war ein engagierter Antifaschist. Er verweigerte bei Turnieren den Hitlergruß und trat demonstrativ mit dem Reichsadler anstelle des Hakenkreuzes auf dem Trikot auf. Sein Manager war der Jude Ernst Berliner, dem Richter die Treue hielt, auch als Juden aus dem "arischen" Sportbetrieb ausgeschlossen waren. Er zählte französische, belgische und niederländische Sportlerkollegen zu seinen engsten Freunden.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs geriet der "Deutsche Achtzylinder", wie französische Zeitungen ihn getauft hatten, in Vergessenheit. Nach seinem angeblichen Selbstmord löschte der Deutsche Radfahrer-Verband Richters Namen aus den Siegerlisten. Nichts erinnerte mehr an den so erfolgreichen Sportler, den nach seinem Weltmeistertitel tausende begeisterte Kölner empfingen.

Arbeit an seiner Biografie geprägt vom Verdrängen der Nachkriegsjahre

"Albert Richter war ein toleranter Mensch, der über Grenzen und Nationen gedacht hat, und zu Freunden stand, unabhängig von Religion und Hautfarbe", sagt Renate Franz. Bis heute ist die Kölner Journalistin die Autorin der einzigen Biografie Richters mit dem Titel "Der vergessene Weltmeister" von 1998. Es ist auch Franz zu verdanken, dass die Bahn des Kölner Radstadions postum nach Richter benannt wurde und der Sportler 2008 in die "Hall of Fame des deutschen Sports" aufgenommen wurde.

Die Arbeit an der Biografie glich einem Puzzle, wie sich Franz erinnert. Geprägt vom Verdrängen der Nachkriegsjahre. "Den kannte hier doch keiner, der war nicht wichtig" - dieser Satz zog sich durch die Recherche. Das Verdrängen war nicht selten auch politisch motiviert: So fand Franz heraus, dass ein nach dem Krieg führender Kölner Radsport-Funktionär bei der Gestapo und an Judendeportationen beteiligt war.

Trotz jahrelanger Recherche ist Richters Tod in Lörrach bis heute nicht vollständig aufgeklärt. An Selbstmord glaubten weder Radfahrerkollegen noch Familienangehörige. Auch Renate Franz nicht, zu viele Indizien sprächen dagegen. "Ich vermute, dass er erschossen worden ist. Das ist aber auch nicht wesentlich. Er ist schuldlos zu Tode gekommen, das ist entscheidend", so Franz.

Tour de Respect findet zu Ehren Richters statt

Die "Tour de Respect" soll nun Richters Erbe hochhalten. 2008 fand die erste Ausgabe statt, eine Fahrt in sechs Etappen von Köln nach Paris. 2012 fuhr man dann erstmals zu Ehren Richters. Nach fünf Jahren Pause gab es nun erstmals wieder eine Tour de Respect. "Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz nehmen bedrohlich zu", sagte Veranstalterin Odenthal.

Die Zahlen geben ihr recht, die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland stieg im ersten Halbjahr 2017 an, wie eine Antwort der Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage im September nahelegte. Der Einzug der AfD in den Bundestag könnte zu einer Normalisierung antisemitischer Sichtweisen führen.

"Richter wieder mehr ins Gedächtnis holen"

Bei der Tour ging es rund 50 Kilometer rund um Köln, am Zielort Radstadion fanden Vorträge und Diskussionen statt. "Es geht darum, Richter wieder mehr ins Gedächtnis zu holen", sagte der Kölner Bezirksbürgermeister Innenstadt Andreas Hupke, einer der Schirmherren der Veranstaltung.

An Richters Geburtshaus an der Sömmeringstraße prangt seit 2009 ein Stolperstein. "Hier wohnte Albert Richter. Jg. 1912. Flucht 1939 Schweiz. An Grenze verhaftet. 31.12.1939. Gerichtsgefängnis Lörrach. Tot aufgefunden. 3.1.1940."

Stand: 06.10.2017, 08:49

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