Team Sky verliert an Glaubwürdigkeit

Michael Ostermann

"Null Toleranz!" Das war das erklärte Motto des Teams Sky beim Thema Doping. Inzwischen gibt es erhebliche Zweifel daran, ob es in der britischen Equipe tatsächlich sauber zugeht. Parlament und Anti-Doping-Behörde sind alarmiert.

Sergio Henao hat den knappen Gesamtsieg bei Paris-Nizza am Wochenende dem Manager seines Teams Sky gewidmet. Das war eine nette Geste des kolumbianischen Radprofis, denn Sir Dave Brailsford kann Zuspruch derzeit gut gebrauchen. Der 53-Jährige steht mächtig unter Druck, nachdem er und seine Equipe in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise geraten sind.

"Image in Fetzen"

Das Team hat sich seit seiner Gründung 2010 "Null Toleranz" in Sachen Doping auf die Fahnen geschrieben. Die Dominanz der mit rund 29 Millionen Euro vom TV-Konzern Sky alimentierten Radsportgruppe wurde von Brailsford stets mit "Marginal Gains", kleinen Leistungsgewinnen durch eine wissenschaftliche Herangehensweise und technischen Fortschritt, erklärt. Man sei eben akribischer und detailversessener als die Konkurrenz.

An dieser Version der Erfolgsgeschichte gibt es inzwischen jedoch erhebliche Zweifel. Die britische Anti-Doping-Organisation (UKAD) und der Ausschuss für Kultur, Medien und Sport des britischen Parlaments führen Untersuchungen durch, die feststellen sollen, ob Skys Siege tatsächlich nur auf besserem Training, besserer Ernährung und besserem Material beruhen. Oder nicht doch auch auf pharmazeutischer Beschleunigung. Damian Collins, der Vorsitzende des britischen Parlamentsausschusses, hat Anfang März bereits ein erstes Zwischenfazit gezogen. "Das Image des Teams Sky hängt in Fetzen", erklärte er.

In der Grauzone

Bradley Wiggins bei der Tour de France 2012 | Bildquelle: AFP/Pavani

Fest steht, dass man bei Sky zumindest weit in eine Grauzone zwischen sauberem Sport und Doping vorgedrungen ist. Im September veröffentlichte die russische Hackergruppe "Fancy Bears" Daten von Spitzensportlern aus dem Bestand der Welt-Anti-Dopingagentur (WADA), in denen medizinische Ausnahmegenehmigungen westlicher Athleten für eigentlich verbotene Medikamente verzeichnet waren. Diese "Therapeutic Use Exemptions" ermöglichen es den Sportlern, sich etwa bei chronischen Erkrankungen medizinisch behandeln zu lassen und trotzdem ihrem Beruf nachgehen zu können. Sie stellen also keinen Verstoß gegen die Dopingregularien dar.

Unter den von "Fancy Bears" veröffentlichten Daten befanden sich auch jene von Bradley Wiggins, der 2012 im Trikot des Teams Sky als erster Brite überhaupt die Tour de France und kurz darauf auch noch das olympische Zeitfahren in London gewann. Demnach erhielt Wiggins in seiner 16-jährigen Karriere als Radprofi drei Mal eine vom Teamarzt beantragte und vom Radweltverband UCI genehmigte Ausnahmegenehmigung für Triamcinolon. Dahinter verbirgt sich ein starkes Corticosteroid, das unter den handelsüblichen Namen Kenalog oder Kenacort erhältlich ist.

Wiggins im Zwielicht

Das Mittel hat einen stark leistungsteigernden Effekt und verringert zudem den Körperfettanteil drastisch. Gerade für Radprofis, die große Rundfahrten gewinnen wollen und dafür im Hochgebirge möglichst leicht sein und dennoch viel Kraft auf die Pedale bringen müssen, eine verlockende Kombination. Der ehemalige Radprofi und geständige Dopingsünder David Millar beschrieb die Wirkung des Medikaments in der New York Times so: "Ich nahm EPO und Testosteron. Natürlich machte das einen enormen Unterschied auf meine Blutwerte, ich fühlte mich besser. Aber Kenacort war das einzige Mittel nach dessen Einnahme ich drei Tage später völlig anders aussah. Ich verlor innerhalb einer Woche eineinhalb bis zwei Kilogramm. Und nicht nur das Gewicht war weg. Ich fühlte mich auch viel stärker."

Auffällig waren vor allem die Zeitpunkte der Ausnahmegenehmigungen für Wiggins: 2011 und 2012 vor der Tour de France im Juli, 2013 vor dem Giro d’Italia im Mai. Exakt vor seinen jeweiligen Saisonhöhepunkten also. Angeblich diente das Mittel dazu, Heuschnupfen zu behandeln. Dass er darunter litt, war bis vergangenen September jedoch offenbar nicht mal seinen Teamkollegen bekannt. Zudem wurde ihm das Medikament per Injektion verabreicht. In seiner nach seinem Toursieg erschienenen Biographie hatte Wiggins jedoch behauptet, abgesehen von Impfungen nie eine Nadel an sich herangelassen zu haben.

Mysteriöses Paket

Beantragt wurden die Ausnahmegenehmigungen für Wiggins von Skys Team-Arzt Richard Freeman. Die UKAD hat bei ihren Untersuchungen festgestellt, dass Freeman über den britischen Radsportverband, dessen Hauptquartier im selben Gebäude wie das Team residiert, große Mengen Triamcinolon bestellte. Weit mehr, als man es für die Behandlung einer einzelnen Person erwarten würde, berichtete Nicole Sapstead, die UKAD-Vorsitzende vor dem Parlamentsausschuss. Bei Sky wurde die Bestellung dadurch erklärt, dass Freeman auch Trainer, Freunde und Verwandte behandelt habe. Auch Brailsford behauptete, Freeman habe ihm das Mittel wegen einer Entzündung im Knie verabreicht.

Aufzeichungen über diese Behandlungen gibt es nicht. Nachweise fehlen auch darüber, was sich in einem mysteriösen Paket befand, das der damalige britische Frauentrainer Simon Cope am 12. Juni 2011 persönlich nach La Toussuire in den französischen Alpen brachte. Es war der Schlusstag der Dauphiné-Rundfahrt, die Wiggins damals gewann und die als wichtigstes Vorbereitungsrennen auf die Tour gilt. Der Brite ging damals als Mitfavorit in die Tour, musste nach einem Sturz jedoch mit gebrochenem Schlüsselbein aufgeben. Cope sagt, er habe nicht gewusst, was drin war in dem Paket, dass er Freeman aus England mitbrachte. Der Arzt sagt, es habe sich um den Hustenlöser Fluimucil gehandelt. Ein Medikament, das in Frankreich leicht in jeder Apotheke zu bekommen ist.

Keine Nachweise

Nachdem die Zeitung "Daily Mail" die Geschichte mit dem Paket ans Tageslicht brachte, hat Teammanager Brailsford selbst die UKAD informiert und damit deren Untersuchung ausgelöst. Seine ursprünglichen Erklärungen zu dem Vorfall machten die Sache jedoch noch mysteriöser. Erst behauptete er, Cope sei nach La Toussuire gereist, um seine Athletin Emma Pooley zu treffen. Die aber war zu diesem Zeitpunkt nachweislich bei einem Rennen in Spanien. Zudem widersprach Brailsford der Behauptung, Freeman und Wiggins hätten sich nach der Lieferung des Pakets alleine im Teambus aufgehalten. Der Bus sei gar nicht vor Ort gewesen, behauptete der Teammanager. Videoaufnahmen belegen jedoch das Gegenteil.

Dass weder Sky noch Freeman belegen können, dass es sich bei der Lieferungen tatsächlich nur um einen harmlosen Hustenlöser gehandelt hat, macht die Sache nicht besser. Angeblich befanden sich die Daten auf Freemans Laptop. Dieser sei ihm aber 2014 in Griechenland gestohlen worden, berichtete Freeman der UKAD. "Nach den Richtlinien bei Sky hätte er diese Daten bei Dropbox hochladen sollen, aber aus irgendeinem Grund hat er das nicht getan", sagte UKAD-Chefin Sapstead im Parlament. Die UKAD-Untersuchung hat laut den Zeitungen "The Times" und "Guardian" zudem Hinweise darauf gefunden, dass Freeman 2011 ein Paket mit Testosteronpflastern erhalten hat. Dabei soll es sich laut Freeman jedoch um einen administrativen Fehler gehandelt haben.

Froome entschuldigt sich

So viel Dilettantismus überrascht dann schon bei einem Team, das sich stets als besonders sorgfältig und gewissenhaft präsentiert. Die Unruhe ob der undurchsichtigen Machenschaften macht inzwischen auch einige Profis des Teams zunehmend nervös. Vergangene Woche berichtete "cyclingnews.com", dass einige der Topfahrer des Teams Brailsford zum Rücktritt bewegen wollten. "Niemand im derzeitigen Team ist in diese Kontroverse involviert außer Dave", wurde ein nicht genannter Profi zitiert. Das Team forderte seine Fahrer danach offenbar auf, via Twitter Unterstützung für den Teamchef zu signalisieren und eine entsprechende Erklärung zu unterschreiben. 16 Fahrer kamen dieser Aufforderung nach, zwölf Fahrer schwiegen.

Auch der dreimalige Toursieger Christopher Froome twitterte lieber Bilder von sich und seinem Sohn und berichtete über leckere Abendessen. Erst am Montag (13.03.17) ließ er ein Statement verbreiten, in dem er Brailsfords Leistung für das Team würdigte. "Ohne Dave B gibt es kein Team Sky", erklärte Froome, äußerte aber auch Verständnis für die entstandenen Zweifel. "Ich verstehe vollkommen, wenn die Leute sich im Stich gelassen fühlen angesichts der Art und Weise, wie die Situation gehandhabt worden ist. Künftig müssen wir das besser machen. Dafür möchte ich mich auch im Namen der anderen Fahrer des Teams entschuldigen, die voller Leidenschaft für unseren Sport sind und dafür, sauber zu gewinnen." Es werde sicher eine Weile dauern, um das Vertrauen wiederherzustellen. "Aber ich werde alles dafür tun, dass dies passiert." Froome ahnt wohl, dass mit der Glaubwürdigkeit des Teams auch seine eigene auf dem Spiel steht.