Demoitiés Tod verschärft Sicherheitsdebatte im Radsport

Radsport

Nach Unfall bei Gent-Wevelgem

Demoitiés Tod verschärft Sicherheitsdebatte im Radsport

Von Michael Ostermann

Nach dem Tod des belgischen Radprofis Antoine Demoitié beim Klassiker Gent-Wevelgem werden schärfere Regeln für die Begleitfahrzeuge im Peloton gefordert. Vor allem der Weltverband UCI steht in der Kritik.

Den Motorradfahrer trifft keine Schuld. Darüber sind sich alle, die den Unfall mit ansehen mussten, einig. Dieser habe getan, was er konnte, um die Kollision zu vermeiden - vergeblich. "Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort", erklärte José Been, die Sprecherin des Teams Wanty-Groupe Gobert. Die belgische Equipe trauert um Antoine Demoitié. Der 25 Jahre alte Radprofi war in der Nacht zum Ostermontag (28.03.16) in einem Krankenhaus in Lille seinen schweren Verletzungen erlegen, nachdem er am Sonntagnachmittag beim Frühjahrsklassiker Gent-Wevelgem gestürzt und anschließend mit dem Motorrad zusammengestoßen war. Die Maschine war, so heißt es, beim Versuch auszuweichen zu Fall gekommen und auf den Kopf des am Boden liegenden Demoitié gestürzt.

Vorfälle häufen sich

Ein tragischer Unfall. Doch der Tod des Belgiers hat die Debatte um die Sicherheit des Radsports und die Regeln für die Begleitfahrzeuge bei den Rennen verschärft. Eine Debatte, die schon seit Monaten geführt wird, weil sich in letzter Zeit die Vorfälle gehäuft haben, bei denen Radprofis mit Motorrädern oder Autos kollidierten.

Meist endeten diese Unfälle glimpflich: Vor vier Wochen brach sich der belgische Radprofi Stig Broeckx das Schlüsselbein, als ihn ein Motorrad beim Eintagesrennen Kuurne-Brüssel-Kuurne rammte. Am gleichen Wochenende landete der Schweizer Danilo Wyss beim Rennen La Drôme Classic auf der Straße, weil ein Motorrad ihm im Finale in die Quere kam. Bei der Flandern-Rundfahrt 2015 holte ein neutraler Materialwagen gleich zwei Fahrer vom Rad. Auch Jakob Fuglsang, Greg van Avermaert, Sergio Paulinho und Weltmeister Peter Sagan stürzten im vergangenen Jahr nach Zusammenstößen mit Motorrädern im Feld.

Sagan gewann am Sonntag Gent-Wevelgem. Jenes Rennen, das von dem Tod Demoitiés überschattet wurde. "Obwohl wir die offiziellen Untersuchungen über die genauen Umstände des Unfalls abwarten müssen, denke ich, dass dies eine tragische Ermahnung an alle am Radsport Beteiligten ist, dass die Sicherheit der Fahrer die oberste Priorität haben muss", schrieb der Slowake auf seiner Facebook-Seite.

"So wichtig wie Kampf gegen Doping"

Auch der deutsche Sprinter Marcel Kittel nutzte das soziale Netzwerk, um bessere Sicherheitsmaßnahmen zu fordern. "Es ist klar: Das größte Problem des Radsports war Doping und muss weiter bekämpft werden. Aber die offensichtlichen Sicherheitsfragen sollten die gleiche Aufmerksamkeit und Priorität bekommen wie der Kampf für sauberen Sport", schrieb Kittel in einem langen Kommentar. Das sei nicht nur deshalb wichtig, weil Menschenleben auf dem Spiel stünden, "sondern auch weil in dieser Hinsicht bis jetzt nicht viel getan worden ist". Das ist ein klarer Seitenhieb in Richtung des Radsportweltverbandes. Er erwarte vom Weltverband nun eine offene Diskussion über das Thema Sicherheit, so Kittel.

Auch andere Profis und Sportliche Leiter sehen die UCI in der Pflicht, die Sicherheitsstandards zu verbessern. Brian Holm, Sportlicher Leiter bei Kittels Team Etixx-Quick Step, fragte den Verband und dessen Präsidenten Brian Cookson via Twitter: "Und nun?" Eine Antwort blieben der Brite wie auch die UCI bis Dienstagmittag schuldig. In einem kurzen Statement hatten sie am Tag zuvor ihre Bestürzung über Demoitiés Tod zum Ausdruck gebracht. Man werde mit allen relevanten Stellen zusammenarbeiten, um die Hintergründe des tragischen Unfalls aufzubereiten.

Ob sich danach die Regeln für die Fahrer von Fahrzeugen innerhalb des Rennens ändern, bleibt einstweilen offen. Radprofi Kittel fordert erfahrenere und besser ausgebildete Fahrer in den Autos und auf den Motorrädern. Seit Juli 2013 verlangt die UCI neben einer Lizenz zum Fahren von Fahrzeugen bei einem Straßenrennen auch ein vom Weltverband ausgestelltes Zertifikat. Dafür müssen die Fahrer an einem eintägigen Kurs teilnehmen. Vor den jeweiligen Rennen findet zudem ein Briefing für alle Fahrer statt, in dem sie über die Sicherheitsregeln informiert werden.

Schweigeminute vor dem Start

Antoine Demoitié

Antoine Demoitié

Auch über die Anzahl der zugelassenen Begleitfahrzeuge wird nachgedacht werden. Die Veranstalter des Etappenrennens Driedaagse De Panne-Koksijde, das am Dienstagmittag (29.03.16) begann, haben die Zahl der Begleitmotorräder auf 25 beschränkt. Den Tod von Antoine Demoitié hätten aber wohl auch schärfere Sicherheitsregeln kaum verhindert. Der Motorradfahrer, der den tragischen Unfall nicht vermeiden konnte, habe fast 30 Jahre Erfahrung gehabt und sei einer der verlässlichsten und vorsichtigsten Fahrer im Peloton gewesen, erklärte der Präsident des belgischen Radsportverbandes, Tom Van Damme, in einem Radiointerview.

Über das belgische Radsportfrühjahr, das am kommenden Wochenende seinem Höhepunkt mit der 100. Ausgabe der Flandern-Rundfahrt entgegenstrebt, hat sich die Schwere der Trauer gelegt. Das World-Tour-Rennen E3 Harelbelke begann am Freitag mit einer Schweigeminute für die Opfer der Terroranschläge in Brüssel. Die Driedaagse De Panne-Korksijde begannen mit einem stillen Gedenken an Demoitié und den am Montag nach einem Herzstillstand beim Rennen Critérium International ebenfalls verstorbenen Radprofi Daan Myngheer. Zudem wurde das Rennen auf den ersten 16 Kilometern neutralisiert.

Stand: 29.03.2016, 11:48

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