Neuanfang für Marcel Kittel

Marcel Kittel beim Benefizrennen "Boonen and Friends"

Sprinter will zurück in Erfolgsspur

Neuanfang für Marcel Kittel

Von Michael Ostermann

Es ist ein Neuanfang. Neues Team, neues Umfeld – ein frischer Start. Marcel Kittel hat abgeschlossen mit dem alten Jahr. Der Blick geht nur noch nach vorne. "Ich habe den Schalter umgelegt und konzentriere mich ganz auf 2016“, sagt er.

Im neuen Jahr soll es wieder den alten Kittel zu sehen geben. Jenen Radprofi, der zwischen 2011 und 2014 zum besten Sprinter der Welt wurde, der acht Etappensiege bei der Tour de France feierte, das Gelbe Trikot trug, zum neuen Darling des deutschen Radsports wurde und der 2015 plötzlich das erste Mal mit Rückschlägen umgehen musste. Krankheit, Formschwäche, Zweifel, kein Tourstart, der Bruch mit seinem alten Team Giant-Alpecin – ein Jahr zum Vergessen.

Ehrgeizige Ziele

Vorbei. Die Ziele sind formuliert. Eine perfekte Saison? "Gleich im ersten Rennen mit der neuen Mannschaft einen Sieg zu holen. Da würde ich mich tierisch drüber freuen. Wichtig wäre auch bei den Grand Tours Siege zu holen und dort zu meiner alten Stärke zurückzufinden. Dann wäre ich schon sehr, sehr zufrieden.“

Das ist ehrgeizig. Aber gute Vorsätze für ein neues Jahr lassen sich an diesem Ort gut formulieren: Die Sonne scheint von einem fast makellosen blauen Himmel, es weht eine sanfte Brise, die die frühlingshaften Temperaturen nur ein wenig herunterkühlt. Das alles wird untermalt vom Rauschen der Brandung des Mittelmeeres an der Costa Blanca in Spanien.

Hier hat Marcel Kittel seinem neuen Team Etixx-Quick Step Quartier bezogen für das erste Trainingslager des Jahres. Bei der belgischen Equipe ist man zuversichtlich, dass der 27-Jährige wieder zu seiner alten Stärke zurückfinden wird. "Wir versuchen, ihn wieder auf das richtige Gleis zu setzen“, sagt Teamchef Patrick Lefévre.

Wie ein Torjäger

Die Mannschaft geht dabei kein Risiko ein. Mit 56 Saisonsiegen war Etixx-Quick Step im vergangenen Jahr das erfolgreichste Team in der World Tour, der Eliteliga des Radsports. Es gibt also keinen Druck, falls Kittel nicht auf Anhieb wieder Rennen gewinnt. Und wenn der Erfurter tatsächlich zu seiner alten Stärke zurückfindet, haben sie die Chance, viele weitere Erfolge zu sammeln.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Jan Schaffrath, einer der Sportlichen Leiter in Kittels neuer Mannschaft, vergleicht die Situation, in der sich Kittel nach der verkorksten Saison 2015 befindet, mit der eines Torjägers der lange nicht getroffen hat. Die körperlichen Voraussetzungen bringe Kittel auf jeden Fall mit, nun müsse er vor allem mental wieder stabil werden. "Mit einem Sieg kommt das Selbstvertrauen zurück“, sagt Schaffrath. "Und dann wird man wieder mit vielen Treffern belohnt.“

Feinabstimmung im Sprintzug

Dafür ist es allerdings erst einmal notwendig, dass sich Kittel und seine Teamkollegen finden. Eine Sprintentscheidung im Radsport ist mehr als nur die Frage, wer am Ende am besten beschleunigt. Es geht auch darum, dass der Sprinter von seinem Team an der richtigen Position gebracht wird. Bei seinem alten Team ist Kittel gemeinsam mit seinem Sprintzug gewachsen, der zum Schluss wie eine perfekt geölte Maschine funktionierte.

So schnell wird diese Perfektion in der neuen Equipe nicht herzustellen sein. Auch wenn man bei Etixx-Quick Step durchaus auch in dieser Beziehung etwas vom Geschäft versteht. In den beiden vergangen Jahren hatte man mit dem Briten Mark Cavendish einen der weltbesten Sprinter im Team. Dennoch bedarf es einer Anpassung an den neuen letzten Mann im Sprintzug. "Es wird wohl leiser zugehen“, sagt Kittels Landsmann und Freund Tony Martin, der bereits in seine vierte Saison bei Etixx-Quick Step geht und dem mit seiner Tempohärte als Zeitfahrspezialist im Finale der Rennen mit Massensprint eine entscheidende Rolle zukommt.

Sprintvorbereitung lässt sich nur sehr eingeschränkt trainieren. Die Feinabstimmung zwischen Kittel und seinen Kollegen soll bei den ersten Rennen gelingen. Bei der Dubai-Tour Anfang Februar steigt Kittel in die Saison ein. Es folgen die Algarve-Rundfahrt und Paris Nizza. Der erste Saisonhöhepunkt wird dann Anfang Mai der Giro d’Italia sein. Spätestens dort wird sich zeigen, ob 2016 wirklich ein Neuanfang wird für Marcel Kittel.

Stand: 09.01.2016, 08:00

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