Armstrong gesteht und bleibt kühl
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Interview mit Oprah Winfrey
Armstrong gesteht und bleibt kühl
Von Michael Ostermann
Mit zusammengepressten Lippen, aber weitgehend abgeklärt hat Lance Armstrong in einem TV-Interview jahrelanges Doping gestanden und seine Legende selbst als Lüge bezeichnet. Viele Fragen bleiben dennoch offen.
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Die Lügen überdauerten viele Jahre. Die Wahrheit brauchte nur wenige Sekunden. Haben Sie jemals Dopingmittel benutzt? "Ja!" Haben Sie EPO genommen? "Ja!" Haben Sie Blutdoping betrieben? "Ja!" Haben Sie Testorsteron und Wachstumshormone genommen? "Ja!" Gleich zu Beginn seines von der Welt mit Spannung erwarteten Interviews mit US-Talkmasterin Oprah Winfrey waren diese Fragen geklärt. Lance Armstrong bestätigte nach mehr als 13 Jahren des Leugnens, was seit den Ermittlungen der US-Anti-Doping-Agentur (USADA) längst nicht mehr zu leugnen war. Und doch war es überraschend, die Worte "Ja, ich habe gedopt" aus Armstrongs Munde zu vernehmen. "Das kommt sicher zu spät für die meisten, das ist mein Fehler", erklärte Armstrong mit zusammengepressten Lippen.
Eigene Rolle herunter gespielt
Nun also, die Wahrheit. Zumindest einen Teil davon. Denn zu all den vielen Fragen, welche die rund 1.000 Seiten umfassende Urteilsbegründung der USADA aufgeworfen hat und die Oprah Winfrey tatsächlich zum Teil auch stellte, konnte oder wollte Armstrong nicht explizit Stellung nehmen. Strukturen und Hintermänner legte er nicht dar und an der ein oder anderen Stelle schien er es darüber hinaus erneut nicht so ganz genau zu nehmen mit der Wahrheit. Etwa als er behauptete seine Zahlung über 125.000 US-Dollar an den Radsport-Weltverband sei erst nach seinem Rücktritt 2005 und auf Bitte der UCI erfolgt. Der Verband selbst hatte bereits 2010 erklärt, das Geld sei 2001 und 2002 in zwei Margen geflossen. Armstrong bestritt, dass seine "Spende" an die UCI dazu gedient habe, einen positive bzw. verdächtige Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 zu vertuschen. So wie es der USADA-Bericht aufgrund der Zeugenaussagen von Armstrongs ehemaligen Teamkollegen Floyd Landis und Tyler Hamilton nahe legt. Einen solchen Test habe es nie gegeben, erklärte Armstrong. "Diese Geschichte ist nicht wahr."
Auch sonst war während des ersten Teils des Interviews vor allem Armstrongs Bemühen spürbar, seine eigene Rolle in dem umfassenden Dopingsystem innerhalb seiner Teams herunterzuspielen. Schon vor seiner Krebserkrankung Mitte der neunziger Jahre habe er gedopt. Es habe sich nie falsch angefühlt, weil es Teil der Kultur seines Sports gewesen sei, die er nicht bekämft habe. Doping sei für ihn so selbstverständlich geworden wie "Reifen aufpumpen". In dem USADA-Urteil wird er dagegen als die treibende Kraft für die Betrügereien dargestellt, was der Texaner allerdings bestreitet. "Ich habe niemals eine direkte Anordnung gegeben, zu dopen, um im Team zu bleiben oder bei der Tour dabei zu sein", behauptete Armstrong. Auch will er niemals Dopingmittel an seine Kollegen weitergegeben haben. In den eidesstattlichen Aussagen seiner ehemaligen Teamkollegen vor der USADA klingt das allerdings ganz anders.
"Perfekt, aber nicht echt"
Auch die Rolle des Italieners Michele Ferrari, der als Mastermind des Dopingsystems bei Armstrongs Rennställen US-Postal und Discovery Channel gilt, spielte der 41-Jährige herunter. "In dieser Geschichte gibt es Leute, die gut sind und keine Monster. Wir alle haben Fehler gemacht", sagte Armstrong auf Winfreys Frage nach Ferrari. "Er ist ein guter Mann." Ansonsten wolle er nur über sich, nicht über andere Personen sprechen. "Es liegt ja alles offen da."
In den Jahren des Leugnens hatte Armstrong dagegen selten Rücksicht auf andere genommen. Vor allem auf jene nicht, die schon früh bereit waren, die Fassade des vermeintlichen Radsporthelden einzureißen und über dessen Dopingpraktiken berichteten. Etwa seine ehemalige Masseurin Emma O'Reilly. Sie sei definitiv jemand, bei dem er sich entschuldigen müsse, sagte Armstrong nun. Ja, er sei ein Rüpel gewesen, wenn es darum gegangen sei, die Wahrheit zu verheimlichen. Warum? Weil die eigene mythische Geschichte vom Mann, der den Krebs bezwang und zum siebenmaligen Toursieger aufstieg, zu gut war. "Die Story war perfekt, aber sie war nicht echt. Ich habe mich selbst darin verloren."
Ein öffentliches "es tut mir leid" wollte ihm dennoch nicht über die Lippen kommen. Überhaupt wirkte Armstrong sehr abgeklärt während des Gesprächs mit Oprah Winfrey, die eigentlich bekannt dafür ist, ihre Gäste zu emotionalen Ausbrüchen zu bewegen. Doch Armstrong blieb meist kühl, lachte ab und an etwas linkisch und blieb bei seiner Linie, nicht zu viel Preis zu geben. Wohl auch vor dem Hintergrund zahlreicher noch ausstehender Prozesse und der Hoffnung, seine lebenslange Sperre doch noch reduzieren zu können. Dass der USADA-Report das System Armstrong als das umfassendste Dopingsystem in der Geschichte des Sports bezeichnet hat, findet Armstrong daher übertrieben. Das Staatsdoping in der DDR sei viel umfassender gewesen. Er sei dagegen sehr konservativ vorgegangen. "Es waren ja sehr einfache Sachen. Mein Cocktail waren EPO, Transfusionen und Testosteron."
USADA-Chef Tygart: "Ein kleiner Schritt"
Dass er damit während seiner Karriere nie aufgeflogen ist, begründete Armstrong mit dem schlechten Testsystem. "Während des Großteils meiner Karriere gab es so gut wie keine Tests außerhalb des Wettkampfes." Das habe sich inzwischen geändert. Auch die Einführung des Blutpasses habe Doping schwerer gemacht, weshalb er nach seinem Comeback 2009 nicht mehr zu Dopingpräparaten gegriffen habe. "Ich habe die Linie nach 2005 nicht mehr überschritten", behauptete Armstrong, was - wenn es denn stimmt - zufällig auch ganz praktisch im Bezug auf eine mögliche Aufhebung der lebenslangen Sperre wäre.
In der Nacht zum Samstag (19.01.13) folgt nun der zweite Teil des Interviews. Spektakuläre Enthüllungen sind auch darin kaum zu erwarten. Die ersten Reaktionen auf Teil eins der Dopingbeichte sind daher verhalten. USADA-Chef Travis Tygart nannte das Geständnis einen "kleinen Schritt in die richtige Richtung". Doch wenn Armstrong wirklich die Fehler der Vergangenheit korrigieren wolle, müsse er voll umfassend und unter Eid aussagen. Bisher ist nicht klar, ob Armstrong dazu wirklich bereit ist.
Stand: 18.01.2013, 05:42
Kommentare zum Thema
104 Kommentare
Neuester Kommentar von "volker", 21.01.2013, 21:47 Uhr:
mir tut es wirklich leid das man für diesen sender gebühren zahlen muß. diese einseitige berichterstattung ist traurig. in einer menüleiste findet man den begriff doping. und was findet man unter doping? nur radsport. das wird langsam lächerlich. wie sieht es in anderen sportarten aus? wo sind die scharfen recherchen der journalisten? keine spur. spanische titel im fußball fehlanzeige, spanische nationalmannschften haben zur zeit luft für 60 minuten. welch ein wunder aufeinmal 90 minuten traumfußball. wie geht das? stundenlang langlauf mit zwischenzeitlichem tellerschießen. kurz luft geholt und weg damit. strafrunde kein auch thema. schwimmen, ein rekord nach dem anderen. auch hier recherche gleich null. das könnte man beliebig fortführen. diese heuchlerei stinkt langsam zum himmel. erst haben sie vom radsport profitiert als dicke backen jahn um den tour sieg mitfuhr. aufeinmal gibt es im radsport nur noch dopingsünder. wohlbenmerkt nur im radsport.