Mafiöse Machenschaften in der Leichtathletik

Hajo Seppelt

Schutzgeld und dubiose Geldflüsse

Mafiöse Machenschaften in der Leichtathletik

Von Hajo Seppelt und Daniel Bouhs

Schutzgeld und dubiose Geldflüsse: Nach Informationen der französischen Tageszeitung Le Monde und der ARD-Dopingredaktion sollen diese mafiösen Instrumente über Jahre in der internationalen Leichtathletik zum Einsatz gekommen sein.

Führende Vertreter des Weltleichtathletikverbandes IAAF haben demnach extrem auffällige Blutwerte aus den Jahren 2011 und folgende von mindestens sechs Spitzensportlern bewusst ignoriert - gegen Zahlungen von jeweils 300.000 bis 700.000 Euro. Die organisierte Vertuschung mutmaßlichen Dopings nimmt in der Welt der Leichtathletik ein bislang ungeahntes Ausmaß an. Und wieder stehen vor allem Sportler aus einer Nation im Fokus: Russland.

Schutzgeld an IAAF-Funktionäre

Das alles geht aus Unterlagen der Pariser Staatsanwaltschaft für Finanzdelikte hervor. Die Ermittler hatten ihre Untersuchung nach einem Bericht der ARD aus dem Jahr 2014 aufgenommen. Damals stand noch allein die russische Läuferin Liliy Shobukhova im Fokus. Inzwischen ergibt sich den Ermittlern ein viel größeres Bild: Nachdem es auch bei ihnen auffällige Doping-Kontrollen gegeben hatte, sollen Shobukhovas Landsleute Valeri Borchin (Gehen), Olga Kaniskina (Gehen), Vladimir Kanaikin (Gehen), Sergey Kirdyapkin (Gehen) und Yuliya Zaripowa (Hindernis und Langstrecke) Schutzgeld an IAAF-Funktionäre gezahlt haben.

Im Ergebnis - so zeigen es die Ermittlungs-Akten - soll die IAAF die auffälligen Blutwerte bewusst ignoriert haben: Die russischen Athleten konnten demnach unbehelligt bei internationalen Wettkämpfen wie Olympia und Weltmeisterschaften antreten und Medaillen gewinnen. Laut den Unterlagen, die die ARD einsehen konnte, sind diese sechs Athleten Teil einer Liste von 23 Sportlern, die in Dokumenten im Zusammenhang mit Doping-Vertuschung auftauchen.

"Genug Beweise, um kriminelle Aktivitäten der IAAF-Leute zu beweisen"

Die Beweislast der Ermittler ist erdrückend: IAAF-Mitarbeiter haben den damaligen russischen Verbandspräsidenten Valentin Balakhnichev - einst auch Schatzmeister des IAAF – wiederholt per Mail von den auffälligen Blutwerten seiner Athleten in Kenntnis gesetzt. In eigenen E-Mails erinnerten russische Verbandsfunktionäre ihrerseits den Weltverband an die neuen Abhängigkeiten : "Wenn wir es als Deal bezeichnen, wäre das viel zu diplomatisch. Es war zynische gemeine Erpressung. [...] Der Ruf der IAAF, ihres Präsidenten und der hauptverantwortlichen Anti-Doping-Mitarbeiter wird einen großen schwarzen Fleck abbekommen."

Außerdem heißt es in dem Schriftverkehr der Russen: "Wir werden nicht mehr schweigen. [...] Wir haben genug Beweise, die kriminelle Aktivitäten der IAAF-Leute belegen.“

Lamine Diack

Lamine Diack

Die IAAF-Funktionäre sollen zudem im Hintergrund eifrig Geld umgeschlagen haben. Die Pariser Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Balkhnichev 1,5 Millionen Euro an den damaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack überwiesen hat. Die Ermittler haben Diack dazu erst kürzlich befragt, nachdem sie ihn wegen des Verdachts auf Korruption und schwere Geldwäsche angeklagt hatten. Diacks Antwort: "Es wurde nicht über Zahlungen durch russische Athleten gesprochen, zu keinem Moment. Ich hätte niemals einen Sportler um Geld gefragt oder Geld von einem angenommen - und auch nicht von Valentin. Müsste ich Russen um Geld bitten, würde ich Putin fragen."

Geld in der Karibik

Unterdessen soll auch Diacks Sohn Papa Massata Millionen verschoben haben - unter anderem über Offshore-Konten. Auch hier fällt in den Unterlagen der Name Balakhnichev als Eigentümer einer Offshore-Firma auf Saint Kitts and Nevis in der Karibik.

Vater und Sohn Diack sollen auch an den Vertuschungen der Doping-Befunde kräftig mitverdient haben. Das wiederum geht aus SMS-Nachrichten zwischen Sohn Papa Massata Diack und einem für die IAAF tätigen Juristen, Habib Cissé, hervor. Gegen den Pariser Anwalt ist ebenfalls Anklage wegen Korruptionsverdachts erhoben worden. Diack schrieb an Cissé: "Sieh' zu, dass Du die erhaltenen 50.000 Euro aus dem Shobukhova-Fall bis Montag zurückzahlst.“ Der Anwalt bittet um 15 Tage. "Ich kann den Präsidenten nicht warten lassen", erwidert Diack. "Fünf sind okay."

Verletzung nach Plan

Nach den Erkenntnissen der französischen Ermittletr soll es überdies "Regieanweisungen" bei Dopingfällen gegeben haben - wie im Fall Shobukhova. Dass sich die damals weltbeste Marathonläuferin beim Olympia-Start 2012 in London verletzte und damit gar nicht erst das Ziel erreichte, war offensichtlich beabsichtigt - wie sich in Dokumenten aus russischen Verbandskreisen zeigt, die bei IAAF-Anwalt Cissé sichergestellt wurden: Die Läuferin habe demnach zwar teilnehmen, aber keine Medaille gewinnen dürfen. Das augenscheinliche Kalkül: Falls es im Nachhinein doch zu einer Doping-Sperre gekommen wäre, hätte Shobukhova keine Medaille aberkannt werden können.

Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) spielt in der neuen Affäre offenkundig eine unrühmliche Rolle. Die ARD-Dopingredaktion hatte WADA-Präsident Craig Reedie Mitte November mit den Unterlagen konfrontiert. Der gab sich ahnungslos und behauptete, von den mutmaßlichen Schutzgeldzahlungen nie etwas gehört zu haben. Dabei hat die WADA im Herbst 2014 selbst in einem Schreiben die IAAF-Ethikkommission sowohl über die auffälligen Blutwerte der russischen Athleten als auch über den Verdacht der Schutzgeldzahlungen informiert. Die WADA ist diesen alarmierenden Vorgängen allerdings danach selbst nicht aktiv nachgegangen.

Clemens Prokop: "Schlichtweg kriminell"

Haben Personen innerhalb der IAAF bewusst Sportgroßereignisse wie die Weltmeisterschaft 2013 in Moskau und die Olympischen Spiele 2012 in London verfälscht? Die IAAF will sich zu diesen schweren Vorwürfen nicht öffentlich äußern. Der Präsident des deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, findet unterdessen deutliche Worte. Er sagte der ARD, die neuen Erkenntnisse machten ihn "fassungslos". Die Praxis sei "schlichtweg kriminell“. Die Ethikkommission der IAAF habe "glatt versagt“ und die Folgen für die Glaubwürdigkeit der Organisation seien katastrophal. Prokop sprach von einem "unglaublichen Schaden für den Sport“.

Angesprochen auf das zögerliche Vorgehen der Welt-Anti-Doping-Agentur erklärte Prokop: "Man kann nur von einem Komplettversagen der WADA sprechen. Wenn sich regelwidriges Handeln beweisen lässt, ist die einzige Konsequenz, dass die handelnden Personen ihre Ämter aufgeben.“

Mitarbeit: Felix Becker, Florian Riesewieck, Olga Sviridenko
Redaktionelle Verantwortung: Carsten Flügel,
NDR

Mitteilung von Valentin Balakhnichev an Funktionäre der IAAF vom 30. 07.2014

Message from Valentin Balakhnichev to officials of the IAAF (07/30/14)

Dear Colleagues,

Please be aware that we received your last and final reminder about ARAF pending cases. This has been done in accordance with the IAAF Anti-Rules. However, let us remind you that the background of these six cases from the very beginning was very far from any legal and ethical frames.

Launching the ABP and data collection from 2009, you have never consulted with us and have never discussed possible negative consequences of all these activities. Later we could find an explanation of such conspiracy. You decided to use multiple ABP violations by the Russian athletes as an excellent way for your own prosperity. In 2011 when we faced shocking 19 ABP cases including Olympic and World champions, you offered us a deal.

Naming it as a DEAL, we are too much diplomatic. It was cynical and cruel blackmail. Emphatically mentioning the threat of withdrawing the WCH 2013 and negative political consequences for the Russian sports in general, you forced us to enter into long relationships for covering these ADR.

As a result, several Russian athletes were allowed to compete at the Olympic Games 2012 and won medals while all ABP data had been already prepared by that moment and they should not have been permitted to compete at 0G 2012 under no circumstances. Furthermore, you went on with this TOTAL PROTECTION PROJECT in 2013.

As we understand, after 3-year conspiracy game, you decided to play "fair" and in accordance with IAAF Rules. It is your choice but we are confident that it is not a wise step. The game which was begun far outside the law does not have any single chance to return inside the legal boundaries without numerous losses. Human losses, reputational losses and financial losses. This will ruin not only the ARAF. The reputation of the IAAF, its President and key antidoping responsible officers will get a huge black spot. Their careers will be easily destroyed.

We will not remain silent. It was not us who started this game. It was the IAAF project and the IAAF shall be the key victim of future scandal.

We have enough evidence to prove criminal activities of the IAAF people. We kept all correspondence (sms, e-mail) between ARAF and "IAAF Ambassadors" acting on behalf of the IAAF President. We are ready to disclose the number of visits of "IAAF Ambassadors" in the territory of the Russian Federation and to give explanation concerning the purpose of these visits. We are ready to disclose the total amount of "means" which you received in the period of 2Ol 1-2013. We have numerous witnesses who may confirm these frustrating facts.

Our explanations will affect a lot of IAAF personnel including anti-doping administrator and his colleagues who directly or indirectly have been involved in this matter. You always mentioned several WADA officers and other "mighty" anti-doping persons with whom you have been in touch all this time. All their names will be also disclosed.

Finally, during our numerous and long meetings "the IAAF Ambassadors" showed us the list of athletes with ABP violations which included not only Russian athletes. Surprisingly, we found there some prominent British athletes including Olympic champion and icon of the GB sports. Our question is why did not the IAAF to require from GB Athletics to sanction these athletes. Be sure that this question will be asked in our explanations and the names of the athletes who were under ABP investigation will also be disclosed. We will demand fair and transparent public procedure in regard of all athletes with the alleged ABP violations.

We are ready to submit all our documents to the IOC, the WADA and international anticorruption committees and will assist them in finding and punishing every person who participated in this matter.

But we have another way to move forward. We are ready to help you and to remain confidential all our evidence. 1 think we need to discuss it and to take final decision jointly.

Email vom 10. Juni 2014 an die IAAF von einer Person, die in Verbindung mit dem Russischen Leichtathletikverband steht, mit weitergeleitetem Schreiben mutmaßlich von Valentin Balakhnichev

Email to IAAF from a person connected to the Russian Athletics Federation on June 10th, 2014, with a forwarded message presumedly from Valentin Balakhnichev 

Fwd: pending cases

Sujet: Fwd: pending cases

De : hcisse@xxx.xxx

Date : 17/06/2014 15:41

Pour: “hcisse@xxx.xxx” hcisse@xxx.xxx

Envoyé de mon iPad

Début du message transféré

Expéditeur: <xxx@mail.ru >

Date:               10 juin 2014 04:36:15 UTC-04:00

Destinataire: hcisse@xxx.xxxx

Objet:             pending cases

Répondre à: <xxx@mail.ru >

Dear Habib,

Valentin has prepared and asked me to send you the brief analysis of the actual situation (see attached).
Kind regards,

V.

––––––––Pièces jointes–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––                                                                                 

CONFIDENTAL

Re: ARAF pending cases

The ARAF has recently received a bunch of IAAF letters concerning pending cases of Russian athletes.

The IAAF insists that the ARAF shall finalize these pending cases and render decisions according to the IAAF Anti-Doping Rules. The IAAF refers to the Acceptance of Sanctions (hereinafter referred as AS) allegedly signed by the athletes.

I shall remind you that these AS had been provided to the IAAF under guarantees that the AS would be kept in confidentiality and used only in extraordinary and emergency circumstances. As we understand, at the present moment this is not a case.

Therefore, we may not now use these AS as an evidence since the Athletes would challenge it and this can cause a lot of legal and ethical issues.

Moreover, as you remember all whole story had been initiated before the OG2012 and was proposed by the IAAF representatives under title "full protection". Appropriate funds have been provided for successful completion of the story. We strongly believe that the only way to avoid a huge scandal concerning covering-up the numerous ADRV which also involved almost all responsible IAAF officers is continuing joint efforts to keep the situation "under the table" as it was happening all these years.

The position of people who provided funds is clear. The obligations shall be fulfilled. Consequently, the official sanctioning including disqualification of results and medals is a direct way to destroy both – the ARAF and IAAF. Official way is the worst scenario since the situation will be beyond of our control and the decisions will be taken by another people here.

Summarizing abovementioned, we need to hold a meeting with participation of all involved persons in order to discuss our further steps for settling the story.

Stand: 25.11.2016, 09:37

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