WADA wirft Leichtathletik "komplettes Versagen" vor

Richard Pound

2. Teil des Reports: Leichathletikverband gerät weiter unter Druck

WADA wirft Leichtathletik "komplettes Versagen" vor

Der Imageschaden für den Leichtathletik-Weltverband nimmt neue erschreckende Ausmaße an. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hat der IAAF ein "komplettes Versagen" im Kampf gegen Doping und Korruption vorgeworfen.

Hauptverantwortlicher für die "Organisation und Ermöglichung der Verschwörung" sei der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack. Dies geht aus dem am Donnerstag (14.01.16) veröffentlichten neuen Bericht der unabhängigen WADA-Kommission hervor, der am Nachmittag auf einer Pressekonferenz in Unterschleißheim vorgestellt wurde. Anwesend war auch der im August 2015 als Nachfolger von Diack gewählte IAAF-Präsident Sebastian Coe.

Die neuen Erkenntnisse hätten den "kompletten Zusammenbruch der Führungsstrukturen und das Fehlen von Verantwortlichkeit innerhalb der IAAF" ergeben. Es habe einen "gravierenden Mangel" an politischem Willen gegeben, Russland mit "dem vollen Ausmaß seiner bekannten und befürchteten Dopingaktivitäten zu konfrontieren".

Auch Olympische Spiele von Korruption betroffen

Auch auf Korruption habe die Führung des Weltverbandes "unzulänglich" reagiert, wird in dem Bericht der WADA-Kommission festgestellt. Es gebe Gründe zu der Annahme, dass hochrangige IAAF-Offizielle von Entscheidungen profitiert haben, Weltmeisterschaften an bestimmte Städte oder Länder zu vergeben. Die Korruption habe auch Olympische Spiele betroffen: Aus Mitschriften gehe hervor, dass die Türkei die Unterstützung von Lamine Diack im Bewerbungsprozess um die Olympischen Spiele 2020 verloren habe.

Die Türkei sei nicht bereit gewesen, einen entsprechenden Sponsorenbetrag "von vier bis fünf Millionen Dollar" für die Diamond League oder die IAAF zu überweisen. Japan habe diese Summe laut Gesprächsprotokoll dann gezahlt - Tokio erhielt den Zuschlag für die Sommerspiele 2020.

Vertuschung von Doping-Fällen

Der Weltverband IAAF war in Misskredit geraten, weil der frühere Präsident Diack von der französischen Justiz wegen der Vertuschung von Doping-Fällen gegen Bezahlung angeklagt wurde. Damit soll ermöglicht worden sein, dass russische Athleten trotz positiver Doping-Tests bei den Olympischen Spielen 2012 in London und bei den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau an den Start gehen konnten.

Rückendeckung für Coe

Sebastian Coe

Lord Sebastian Coe beim Studium des WADA-Reports

Trotz der neuen Vorwürfe gab Pound dem IAAF-Präsidenten Coe Rückendeckung. "Ich kann mir keinen Besseren als Lord Coe vorstellen, der das leitet. Wir drücken in dieser Hinsicht alle unsere Daumen", sagte der Kanadier in Unterschleißheim. Coe eröffne dem Weltverband mit seinen Fähigkeiten die Chance, "unter starker Führung" den Weg in die Zukunft zu gehen.

Russland im Fokus

Die unabhängige WADA-Kommission mit Richard Pound (Foto, Vorsitz), Richard McLaren und dem deutschen Kriminalbeamten Günter Younger hatte bereits am 9. November 2015 einen Bericht ihrer Untersuchungen vorgelegt. Darin war nachgewiesen worden, dass es in der russischen Leichtathletik systematisches Doping und Sportbetrug gegeben hat. Die IAAF suspendierte daraufhin Russlands Verband.

"Der Report betrifft die alte Führung der russischen Leichtathletik. Unsere vordringliche Aufgabe ist jetzt, die Fehler zu korrigieren", sagte Wadim Selitschenok vom nationalen Leichtathletikverband in Moskau der Agentur Tass als erste Reaktion auf den WADA-Report.

Die IAAF wies bereits am Montag in einem Bericht an die WADA die Anschuldigung der Vertuschung von Doping zurück und betonte, dass es kein "System der Korruption" im Weltverband gebe und die Vorwürfe nur "einzelne, früher mit der IAAF assoziierte Personen" betreffe.

Digel weist Vorwürfe zurück

Auch Helmut Digel, ehemaliger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Council-Mitglied von 1995 bis 2015, widersprach dem Vorwurf der organisierten Korruption innerhalb der IAAF. "Das ist nicht akzeptabel", sagte Digel: "Ich habe von diesen Vorgängen zu keinem Zeitpunkt etwas gewusst." Er habe sich immer wieder "mit Herrn Diack angelegt". Aber Präsidenten hätten in den Strukturen der Verbände eine nahezu "uneingeschränkte Macht", gegen die es nicht so einfach ist, "vorzugehen". Digel hätte sich "niemals vorstellen können, dass es solche Ausmaße der Korruption innerhalb der IAAF geben könnte".

dpa/most | Stand: 14.01.2016, 18:23

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