Leichtathletik - "Als ehrlicher Sportler muss man verzweifeln"

Sportsoziologe Eike Emrich über Doping

Leichtathletik - "Als ehrlicher Sportler muss man verzweifeln"

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF steht in der Kritik. Die Anti-Doping-Arbeit des Verbands sei mangelhaft, kritisiert der Sportökonom Eike Emrich. Im Interview spricht er über das System dahinter – und wer davon profitiert.

sportschau.de: Die IAAF hat bekanntgegeben, dass es bei dieser WM 1405 Dopingtests gegeben habe. Zwei Sportlerinnen werden jetzt verdächtigt. Ist das ein realistisches Verhältnis?

Prof. Eike Emrich: Realistisch weiß ich nicht, aber es ist auf alle Fälle noch einmal deutlich schlechter als das lange über die Zeit konstante Verhältnis von 2 Prozent entdeckten Dopern – bei einer stark steigenden Zahl von Doping-Kontrollen. An dem Ergebnis zweifle ich insoweit, dass bei Tests gewöhnlich kein Athlet mehr auffällt. Wenn- sollte sich das auf Trainingskontrollen und ähnliches konzentrieren. Insofern ist es die Organisation des Anscheins von Ehrlichkeit.

sportschau.de: Versucht die IAAF also bloß, den schönen Schein zu wahren?

Emrich: Ich glaube nicht, dass das ein gezielter Prozess weniger Akteure ist, sondern er stellt sich als stabiles Gleichgewicht in einem System ein, in dem alle eigene Interessen haben: Athleten wollen möglichst hohe Leistungen zeigen, natürlich nicht des Dopings überführt werden, müssen aber dopen, wenn sie mit anderen Dopern mithalten wollen. Veranstalter wollen Höchstleistungen und Rekorde und zumindest den Anschein eines sauberen Sports wahren. Das gilt natürlich für das IOC wie für andere Weltmeisterschafts-Veranstalter und so weiter. Und auch Veranstalter von Meetings wollen Spitzenleistungen und wollen natürlich, dass nicht viele des Dopings überführt werden, aber ab und zu durchaus einer, damit wir weiter glauben können, es ginge redlich zu.

sportschau.de: Das heißt, allen Enthüllungen und Indizien und auch Beweisen zum Trotz, tut sich aus Ihrer Sicht zu wenig, um den Sport auch sauber zu dokumentieren?

Emrich: Es tut sich durchaus zu wenig. Es gibt ja immer noch Staaten, in denen es keine nationalen Anti-Doping-Agenturen gibt. Und insoweit kann man von Chancengleichheit hier sowieso nicht sprechen. Das fatale an der ganzen Geschichte ist ja, dass der hochleistungsfähige, ehrliche Sportler der einzige ist, der in diesem System nicht profitiert. Denn auf ihn fällt der Generalverdacht, obwohl er ehrlich seine Höchstleistung erbracht hat. Alle anderen profitieren von diesem System: Höhere Leistung bei wenigen Entdeckten lassen immer noch glauben an relative Ehrlichkeit. Die Markteinnahmen steigen, die Sensation nimmt zu, der Konsument ist zufrieden und die Dopingagenturen haben sozusagen ihr Einkommen. Als ehrlicher Sportler muss man doch angesichts der Entdeckungen, die die Vergangenheit betreffen, an dem System verzweifeln.

sportschau.de: Die IAAF beteuert aber seit Monaten, dass sie der Verband sei, der am meisten im Anti-Doping-Kampf tut. Stimmt das?

Emrich: Das kann ich im Detail nicht beurteilen. Wenn es auf den materiellen Aufwand der Dopingkontrollen bezieht, mag das im Verhältnis zu manchem anderen Verband sogar stimmen. Aber ob das insgesamt ein angemessenes Maß des Dopingkontrollierens ist, ist eine ganz andere Frage. Und außerdem ist doch die IAAF wie kein anderer Verband darauf angewiesen, Spitzenleistung und Rekorde zu zeigen als klar messbare Disziplin. Und gleichzeitig fällt es damit doch immer schwerer, den Zielkonflikt zwischen sauberem Sport und absoluter Höchstleistung zu bewältigen, was dazu führt, dass sie ab und zu ein paar Doper entdecken muss und ich aber auch Kontrollen in der Form sehen muss, die den einen oder anderen Medaillenträger, der gedopt ist, durchaus zulassen. Natürlich nicht im Wettbewerb, sondern im Vorfeld gedopt.

sportschau.de: Der neue Chef des Weltverbandes sprach bezüglich aktueller Enthüllungen von einer "Kriegserklärung" gegen den Sport. Können Sie das nachvollziehen?

Emrich: Kriegserklärung ist ein unpassender Begriff. Aber er steckt ja in einem fürchterlichen Dilemma: Kontrolliert er schärfer, sinken die Leistungen. Dann kann man darauf schließen: In der Vergangenheit wurde durchgängig gedopt. Kontrolliert er nicht schärfer, dann taucht das Problem steigender Leistungen auf, dann nimmt der Generalverdacht zu und ehrliche Athleten steigen noch mehr aus dem System aus. Was soll er in der Geschichte machen? Auf der anderen Seite ist das Problem aber auch so scharf im System und so stark verankert, dass es wirklich schwierig ist, dagegen vorzugehen. Und es funktioniert ja auch nur an der Abschreckungswirkung unter der Bedingung, dass Athleten glauben, man könnte entdeckt werden.

sportschau.de: Was müsste die IAAF aus Ihrer Sicht tun, um glaubwürdig zu sein und auch den Sport glaubwürdig zu machen?

Emrich: Weltweit in vergleichbarer Art und Weise schlicht und einfach unangemeldet kontrollieren. Und zwar so, dass die Abschreckungswirkung tatsächlich zunimmt. Nur: Genau das wird ja gar nicht festgestellt und ist auch nicht möglich. Dazu bräuchte es auch klarere Regeln im Verhältnis von Weltantidopingagentur und nationalen Antidopingagenturen. Das ist ja bisher sozusagen alles freiwillige Vereinbarung. Was passiert denn, wenn sich niemand daran hält oder gar keine NADA existiert? Das Land nimmt trotzdem mit seinen Athleten teil und nichts passiert. Also insoweit ist das alles eher Symbolpolitik.

Das Interview führte Daniel Bouhs.
Mitarbeit: Bastian Kaiser

Stand: 07.09.2015, 15:00

Darstellung: