Katars kunterbunte Handball-Mannschaft

Handballer aus Katar

Vor dem Länderspiel gegen die DHB-Auswahl

Katars kunterbunte Handball-Mannschaft

Vor einigen Jahren quasi chancenlos, ist Katar heute ein echtes Schwergewicht im Welthandball. Wie konnte es dazu kommen?

Als Katar 2011 den WM-Zuschlag für 2015 erhielt, startete eines der größten Handballprojekte der vergangenen Jahre. Zuerst einmal benötigte man eine schlagkräftige Mannschaft. Ein Vertreter des katarischen Handballverbands rief also bei Valero Rivera, gratulierte dem erfolgreichsten Handballtrainer der Welt, der gerade Spanien zum WM-Titel 2013 geführt hatte, zum Geburtstag - und fragte beiläufig an, ob er sich vorstellen könne, die katarische Mannschaft zu übernehmen.

Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte Rivera zu. Alle Nationalspieler, die bei katarischen Vereinen spielten, standen quasi permanent zur Verfügung, hinzu kamen zahlreiche internationale Akteure, die für die WM ihre Staatsangehörigkeit wechselten - darunter die früheren Bundesligaprofis Goran Stojanovic (Tor) und Zarko Markovic (Rückraum rechts).

Von 0 auf Titel in kurzer Zeit

Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. 2014 gewann Katar zum ersten Mal die Asienmeisterschaft. Und danach brachte man Südkorea die erste Heimniederlage seit über 20 Jahren bei.

Bis zum Start der WM stießen zudem weitere eingebürgerte Spieler zum Team, zum Beispiel der Franzose Bertrande Roine, der Spanier Borda Vidal, der Kubaner Rafael Capote - und als Krönung der Bosnier Danijel Saric, mehrfacher Champions-League-Sieger mit dem FC Barcelona.

Siegesserie bei der WM - und eine Medaille

Bei der WM folgte dann die große Show - das Minimalziel Achtelfinale wurde souverän erreicht, über Österreich, Deutschland und Polen ging es schnurstracks ins Finale. Rivera und sein Team hatten Handballgeschichte geschrieben. Erstmals seit der ersten WM 1938 hatte eine nicht-europäische Mannschaft ein Finale erreicht - erst dort musste man sich Olympiasieger Frankreich knapp geschlagen geben.

Und der Hunger nach Erfolgen hielt an. Katar war im November 2015 Gastgeber des asiatischen Qualifikationsturniers und wahrte erneut seine weiße Weste - das Olympiaticket stellte keine große Hürde für Katar dar. Drei Tage, bevor die DHB-Auswahl in Krakau sensationell Europameister wurde, sicherte sich Katar dann die zweite Asienmeisterschaft in Folge. "Nun wollen wir in Rio mindestens ins Viertelfinale", lautet Riveras nächstes Ziel.

Mannschaft aus aller Welt

Weiß, wo der Erfolg ist - Katars Trainer Valero Rivera (l.)

Weiß, wo der Erfolg ist - Katars Trainer Valero Rivera (l.)

Und das vermutlich ohne viele Katarer. Im aktuellen Kader sind es zwei, deren Eltern den katarischen Pass haben. Einige mit jugoslawischem Namen wurden entweder wirklich in Katar geboren oder sind dort aufgewachsen, ihre Eltern - vorrangig Bosnier - haben nach dem Krieg dort eine neue Heimat gefunden, zum Beispiel Eldar Memisevic.

Daneben kommen viele aus arabischen Ländern wie Iran, Syrien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Kuwait. Waschechte Katarer sind nur Abdurazzq Murad und Ali Youssef Altaieb.

Eine wichtige Rolle bei der Zusammenstellung der Mannschaft spielt der in Deutschland lebende Spielervermittler Sascha Bratic, der unter anderem auch Momir Ilic und viele kroatische Nationalspieler betreut. Er war der Verbindungsmann des katarischen Verbands, weil er unter anderem auch Manager von Goran Stojanovic und Zarko Markovic ist.

Die wichtigsten Spieler:

Danijel Saric ist der einzige Champions-League-Sieger (2011, 2015) im Team. Der Torwart des FC Barcelona war mit Serbien-Montenegro WM-Dritter 1999, wurde danach vom bosnischen Verband aus seiner Staatsangehörigkeit herausgekauft, verkrachte sich dann aber mit dem bosnischen Nationaltrainer und absolvierte kein einziges Spiel für seine neue Heimat. Weil er mit Barcelona in der spanischen Liga aktiv ist, fehlt er bei den Tests in Deutschland.

Bertrand Roine ist der einzige derzeit aktive Spieler, der mit zwei Nationalmannschaften in einem WM-Finale stand: 2011 wurde er mit Frankreich Weltmeister, 2015 Vize-Weltmeister mit Katar.

Aus der Bundesliga wechselten zwei Spieler direkt ins katarische Team - der montenegrinische Torwart Goran Stojanovic kam von den Rhein Neckar Löwen. Zarko Markovic war EHF-Pokal-Sieger mit Göppingen, ehe er 2013 nach Hamburg wechselte und ein Jahr später nach Katar ging. Bei der WM 2015 wurde er als bester Rückraum rechts ins All Star Team gewählt.

Der Spanier Borja Vidal (2,06 Meter) war bis 2005 Basketballer (unter anderem bei den Topvereinen Badalona, Neapel und Saragossa), ehe er Handballer wurde. Bis 2011 spielte er bei mehreren spanischen Erstligisten, danach zwei Jahre in Nantes, jetzt in Katar.

Rafael Capote - der Kubaner flüchtete 2007 nach Europa und landete zunächst in Italien, wo er bei Pallamano Conversano spielte. Über Spanien kam er nach Katar. Bei der WM 2015 als bester Rückraum links ins All Star Team gewählt.

red | Stand: 10.03.2016, 08:00

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