Kaymer gewinnt mit Europa den Ryder Cup

Da ist das Ding: Graeme McDowell (links), Martin Kaymer (Mitte) und Justin Rose feiern mit dem Ryder Cup.

Deutscher Star-Golfer holt entscheidenden Punkt

Kaymer gewinnt mit Europa den Ryder Cup

Deutschlands Golfstar Martin Kaymer hat Europa in einem Herzschlagfinale zum nicht mehr für möglich gehaltenen Sieg beim 39. Ryder Cup in Medinah geführt.

Mit einem letzten Putt aus knapp zwei Metern setzte der 27-Jährige den Schlusspunkt, besiegte Steve Stricker mit 1 auf und sicherte dem Titelverteidiger damit den entscheidenden 14. Punkt. Letztlich gewann Europa mit 14,5 zu 13,5. Die US-Boys verpassten trotz einer klaren Führung vor den abschließenden zwölf Einzeln somit ihren 27. Erfolg.

Ein ohrenbetäubender Jubel der rund 5.000 mitgereisten und begeisterten Fans aus Europa brandete auf, als der Rheinländer um kurz nach Mitternacht MESZ am letzten Loch den entscheidenden Zähler holte und den erfolgsverwöhnten Amerikanern dadurch den sicher geglaubten Sieg entriss. Mit einem Schlag brachen dank Kaymer rund um das Grün alle Dämme. Die Spieler mit den weißen Kappen fielen sich freudetrunken in die Arme, auch ihre Frauen kamen hinzu, und Kapitän Jose Maria Olazabal und und seine vier "Vize" schrien ihren Jubel im Chor lauthals heraus.

Martin Kaymer Play-Icon Audio-Icon

Kaymer führt Europa zum Sieg | 02:30 min | 01.10.2012 | WDR 2 Westzeit

Martin Kaymer Play-Icon

Europa gewinnt Ryder Cup gegen die USA | 01:20 min | 01.10.2012 | Deine Sportschau | Das Erste

Martin Kaymer Play-Icon

Europa gewinnt Ryder Cup gegen die USA | 01:20 min | 01.10.2012 | Deine Sportschau | Das Erste

"Der beste Tag meines Lebens"

Auch einige Stunden nach dem wichtigsten Putt seines Lebens standen Martin Kaymer noch immer die pure Freude, vor allem aber eine ungeheure Genugtuung in das strahlende Gesicht geschrieben. "Das ist der beste Tag meines Lebens. Ich wollte nach dem schwachen Auftakt mir und den anderen beweisen, was ich wirklich kann", sagte Deutschlands Golfstar.

Als "Problemfall" nach Medinah vor den Toren Chicagos angereist, war er 72 Stunden, 36 Löcher und einen unvergesslichen 2-Meter-Schlag später plötzlich zum umjubelten Helden des starbesetzten Teams geworden. Ein Küsschen hier, eine Umarmung dort - am Ende wurde der bodenständige Rheinländer von den Teamkollegen mit der Goldtrophäe in der Hand sogar auf den Schultern getragen.

"Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, den Ryder Cup zu gewinnen. Das ist einfach unbeschreiblich", sagte Kaymer mit der deutschen Fahne um den Hals, der europäischen Flagge in der Hand und einigen Freudentränchen in den Augenwinkeln. So stand der 27-Jährige am Ende eines durchwachsenen Wochenendes im Mittelpunkt der Menschentraube rund um das letzte Grün, wo im Augenblick seines letzten Putts die Emotionen hochkochten.

Erinnerungen an Bernhard Langer 1991

"Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr, wie der Ball gefallen ist. Ich war so nervös, aber ich hatte nur diese eine Wahl: Er muss fallen", kommentierte Kaymer die letzten Minuten des Erdteilkampfes. Gleichzeitig gestand der Matchwinner, dass er in genau diesem Moment auch an sein großes Idol Bernhard Langer gedacht habe.

Im legendären "War by the Shore" ("Krieg an der Küste") hatte dieser 1991 in einer ähnlichen Situation das Loch aus kürzester Distanz verfehlt und den Sieg verspielt. "Als ich das Grün gelesen habe", sagte Kaymer, "war ich in Gedanken bei Bernhard Langer. Aber ich habe mir gesagt: Das wird nicht nochmal passieren, es wird einfach nicht passieren." Die folgenden Sekunden gingen in die Golf-Annalen ein.

Martin Kaymer wird von Teamkollegen und Fans gefeiert

Martin Kaymer wird von Teamkollegen und Fans gefeiert.

Überhaupt hatte Langer nicht nur deshalb großen Anteil an Kaymers Erfolg. Am Samstag, dem Tag also, an dem Kaymer nach seiner schwachen Auftaktleistung pausieren musste, suchte er das Gespräch mit Langer. Dieser habe ihm die Bedeutung des Ryder Cups noch einmal vor Augen geführt, denn "meine Einstellung war nicht sehr gut", gab Kaymer zu.

Das hatte sich auch am Entscheidungstag zu Beginn widergespiegelt. Wie so oft in dieser Saison fand der frühere Weltranglistenerste nicht zu seinem Spiel, erst eine unmissverständliche Ansage des Kapitäns Jose Maria Olazabal weckte ihn auf. "Er meinte, dass wir meinen Punkt zum Sieg benötigen. Diese Situation hat mir von Loch zu Loch mehr gefallen", sagte Kaymer, gestand aber auch, dass er große Angst gehabt habe: "Da habe ich irgendwie meine Teamkameraden gehört, die so unermüdlich gekämpft hatten. Ich konnte sie einfach nicht enttäuschen."

Nach dem gemeinsamen Coup wird Kaymer genau das aber schon in der kommenden Woche tun müssen. Mit dem Momentum auf seiner Seite wird er bei der Scottish Open an den Abschlag gehen, dort gegen seine Freunde und Weggefährten antreten - und sich am Ende vielleicht ähnlich freuen. "Diese Erfahrung beim Ryder Cup ist mit nichts vergleichbar", sagte er sichtlich bewegt: "Das werde ich in meinem Leben nicht vergessen, und später werde ich meinen Enkelkindern davon erzählen."

Empfindliche Nackenschäge für die USA

Nach einer knapp 40-stündigen Golfschlacht vor den Toren Chicagos war die Goldtrophäe in letzter Sekunde in der Alten Welt geblieben. Der frühere Weltranglistenerste Kaymer, der im vorletzten Flight auf den Kurs gegangen war, hatte mit Stricker allerdings große Mühe. Bei seinem erst zweiten Auftritt an diesem Wochenende - nach seiner enttäuschenden Leistung am Freitag (28.09.12) war er nicht mehr nominiert worden - hielten ihn vor allem die Fehler des noch sieglosen Stricker lange im Spiel. Zwischenzeitlich führte Kaymer bereits mit einem Lochgewinn, leistete sich danach aber einen Wasserschlag und schenkte den Vorsprung leichtfertig wieder her. In einem an Spannung kaum zu überbietendem Ende hatte der Deutsche dann die besseren Nerven.

Ehe Kaymer die Jubelstürme auslöste, hatten sieben seiner elf Teamkollegen ihren phasenweise überforderten Kontrahenten schon empfindliche Nackenschläge verpasst. Unter den Augen von Basketball-Legende Michael Jordan und dem früheren Tennis-Star Andre Agassi holte Luke Donald den ersten Punkt.

McIlroy verschläft Warm-Up

Vor den Toren Chicagos zelebrierte der Engländer im Medinah Country Club teilweise fabelhaftes Golf. Im Gegensatz zu den Vortagen ließ Donald gegen Masters-Sieger Bubba Watson ("Der Ryder Cup ist so wichtig wie meines Vaters Einsatz in Vietnam") guten Abschlägen noch bessere Putts folgen. Der Lohn war ein knapper aber aber am Ende mehr als verdientes 2 und 1. Den zweiten Punkt holte der Schotte Paul Lawrie in überzeugender Manier. Der 43-Jährige ließ dem frisch gebackenen Tour-Championship-Sieger Brandt Snedeker beim 5 und 3 keine Chance. Dieser Erfolg schien seine Teamkollegen zusätzlich zu motivieren. Denn nur kurz darauf verbuchte der nordirische Weltranglistenerste Rory McIlroy einen weiteren Zähler - und das, obwohl er verschlafen und das Warm-Up auf der Driving Range verpasst hatte. Gegen Keegan Bradley, der an diesem Wochenende noch kein Match verloren hatte, siegte der 23-Jährige mit 2 und 1.

Die weiteren Punkte steuerten Ian Poulter (2 auf gegen Webb Simpson), Justin Rose (1 auf gegen Phil Mickelson), Lee Westwood (3 und 2 gegen Matt Kuchar) sowie Sergio Garcia (1 auf gegen Jim Furyk). Die erhoffte Aufholjagd der Europäer war von den Amerikanern zunächst am Samstag schon im Keim erstickt worden. Nachdem die Gastgeber etwas überraschend zum Auftakt mit 5:3 geführt hatten, bauten sie ihren Vorsprung am zweiten Tag des Kontinentalvergleichs auf 10:6 aus. Nach jeweils acht Foursomes und Fourballs und teilweise erschreckend schwachen Leistungen von Kaymer und Co. durften die USA schon vor dem entscheidenden Schlusstag somit den Champagner schon einmal kalt stellen. Trinken durften sie ihn nicht.

Bilder vom Ryder Cup

Das Team Europe gewinnt überraschend den 39. Ryder Cup in den USA.

Team Europe feiert den Auswärtssieg

Historischer Auswärtssieg: Team Europe präsentiert sich mit dem Pott - von links nach rechts: Nicolas Colsaerts, Sergio Garcia, and Graeme McDowell, Ian Poulter, Paul Lawrie, Francesco Molinari, Lee Westwood, Kapitän Jose Maria Olazabal, Justin Rose, Luke Donald , Peter Hanson, Rory McIlroy und Martin Kaymer.

Historischer Auswärtssieg: Team Europe präsentiert sich mit dem Pott - von links nach rechts: Nicolas Colsaerts, Sergio Garcia, and Graeme McDowell, Ian Poulter, Paul Lawrie, Francesco Molinari, Lee Westwood, Kapitän Jose Maria Olazabal, Justin Rose, Luke Donald , Peter Hanson, Rory McIlroy und Martin Kaymer.

Die Entscheidung: Martin Kaymer hat den entscheidenden Punkt geholt. Europa verteidigt den Ryder Cup.

Die Freude über den gelungen Putt von Martin Kaymer kennt bei den Europäern keine Grenzen.

Yes, we can: Der britische Weltranglistendritte Luke Donald macht Europas Golfern wieder Mut, bringt sein Team beim Ryder Cup am Sonntag auf 7:10 an die Amerikaner heran.

Im Bunker: der US-Golfer Bubba Watson. Er muss sich Luke Donald geschlagen geben.

Die Amerikaner nutzen beim Ryder Cup ihren Heimvorteil in Medinah bei Chicago. Angefeuert vom Großteil der über 40.000 Zuschauer hatten die Gastgeber ihre Führung beim Kontinentalvergleich auf 10:6 ausgebaut.

Überragend spielte auf Seiten der USA Routinier Phil Mickelson, der bisher alle Spiele mit seinem Partner Keegan Bradley gewann und für die USA punktete.

Während sich die US-Amerikaner auf dem knapp 7000 Meter langen Kurs wie Bubba Watson auch aus den schwierigsten Situationen befreien konnten...

...vergaben die Europäer reihenweise Schläge auch aus aussichtsreicher Position. Selbst der Weltranglistenerste Rory McIlroy tat sich extrem schwer.

Auf Seiten der Europäer konnten nur die Engländer Ian Poulter (l.) und Justin Rose für Akzente sorgen und für Europa punkten.

Unter den Augen von Basketball-Legende Michael Jordan bauten die Amerikaner ihren Vorsprung Spiel für Spiel aus.

So geht das Team von Europas Kapitän Jose-Maria Olazabal (Foto) mit einer schweren Hypothek in den Schlusstag.

Schon am ersten Tag gab es betretene Mienen. Das Team mit Martin Kaymer (ganz links) lag schon nach den ersten acht Spielen überraschend mit 3:5 zurück.

Martin Kaymer konnte kein positives Ergebnis beisteuern. An der Seite des Engländers Justin Rose (im Bild 2. von links) unterlag der Düsseldorfer klar und musste dem US-Duo Dustin Johnson/Matt Kuchar zum Sieg gratulieren.

Die Kulisse im Medinah Country Club war beeindruckend. Mehr als 40.000 Zuschauer verfolgten die Duelle und unterstützten ihr Team lautstark. Mit lauten "USA, USA"-Rufen feuerten die Fans ihre Stars immer wieder frenetisch an.

Kaymer spielte unter Wert. Kein einziges Birdie gelang Deutschlands Nummer eins. "Ich habe nicht mein bestes Golf gespielt. Wir hatten das Glück einfach nicht auf unserer Seite", sagte der 27-Jährige. Kapitän Olazabal verzichtete am zweiten Tag deshalb komplett auf den Deutschen.

Nur selten hatten die Europäer Grund zur Freude - wie hier Nicolas Colsaerts. Der Ryder-Cup-Debütant aus Belgien sorgte dafür, dass der Auftakt für die Europäer nicht zu einem völligen Desaster wurde. Der 29-Jährige versenkte fast jeden Putt im Loch und war zu Beginn der beste Spieler auf dem Grün.

Mit dieser exzellenten Leistung sorgte Colsaerts fast im Alleingang für die zweite Niederlage des US-Duos Tiger Woods/Steve Stricker. Woods (im Bild) musste zunächst ebenfalls am zweiten Tag pausieren.

Doch dann konnte auch Colsaerts nicht mehr punkten. Nur dank der Siege von Sergio Garcia/Luke Donald gegen Steve Stricker/Tiger Woods und Ian Poulter/Rory McIlroy gegen Jason Dufner/Zach Johnson in den letzten beiden Fourball-Duellen konnten sich die Europäer eine MInimalchace auf den Sieg erhalten.

sid/dpa | Stand: 01.10.2012, 12:02

Darstellung: