Michael Oher - der stille Koloss im Super Bowl

Michael Oher

Der Left Tackle der Carolina Panthers vor dem Finale der NFL

Michael Oher - der stille Koloss im Super Bowl

Von Julian Ignatowitsch (San Francisco)

Michael Oher ist ein Schlüsselspieler für die Carolina Panthers im anstehenden Super Bowl. Der 29-Jährige hat eine Lebensgeschichte wie ein Drehbuch - tatsächlich wurde sein Weg in die NFL verfilmt.

Michael Oher kommt schnell zum Punkt. Ob ihm der Film gefallen habe? "Ja, der war in Ordnung", sagt er und kneift die Augen zusammen. Wie oft er ihn denn gesehen habe? "Einmal", sagt er, "bei der Premiere." Er wirkt ziemlich ungerührt, obwohl es sich um einen rührenden Film handelt. Seinen Film.

Schwierige Kindheit in Memphis

Oher ist nämlich nicht nur Football-Spieler in der NFL und steht jetzt mit seinen Carolina Panthers im Super Bowl, sondern er ist auch eine kleine Hollywood-Berühmtheit. Im oscarprämierten Kinohit „The Blind Side“, der das zehnfache seiner Kosten einspielte, wurde 2009 seine emotionale Geschichte verfilmt. Sandra Bullock spielte mit, Quinton Aaron verkörperte den 1,93 Meter großen und 143 Kilogramm schweren Oher.

Oher kommt aus ärmsten Verhältnissen und einem Problemviertel in Memphis. Seine Mutter war Alkoholikerin und cracksüchtig, sein Vater ein Schwerverbrecher, der lebenslang im Gefängnis saß. Oher wuchs in Pflegefamilien auf, lebte zeitweise auf der Straße. Die erste und zweite Klasse musste er wiederholen und wechselte fast monatlich die Schule. Er sagt dazu rückblickend: "Jeder hat seine Geschichte, meine wurde nun mal erzählt. Es gibt sicher schlimmere Schicksale als meines."

Wohlhabendes Ehepaar entdeckt Oher an der Highschool

An der Highschool machte Oher erstmals als Football-Spieler auf sich aufmerksam, ein Trainer förderte ihn und brachte ihn an die Briarcrest Christian School, eine Vorbereitungsschule für das College. Dort bemerkten Leigh Anne (im Film gespielt von Sandra Bullock) und ihr Ehemann das Talent des 18-jährigen Jungen. Sie boten ihm ein zu Hause an und adoptierten ihn später sogar. Oher erhielt Nachhilfe und Einzelunterricht, schaffte es aufs College und legt damit den Grundstein für seine Zukunft als Profi. Ohne das Geld der Adoptiveltern wäre ihm dieser Weg nicht möglich gewesen.

Michael Oher (rechts) mit Quarterback Cam Newton

Michael Oher (rechts) mit Quarterback Cam Newton

Ohers Geschichte ist auch eine Studie über die Klassen- und Rassenunterschiede in den USA. Eine weiße wohlhabende Familie nimmt einen schwarzen Jungen auf. Der Fall löste damals eine bundesweite Debatte über das Für und Wider solcher sportlicher Patenschaften aus, mancherorts war von moderner Sklaverei die Rede. Dazu kam der Vorwurf des Kungelei, weil Oher auf dieselbe Universität (Mississippi) wechselte, die sein Adoptivvater besucht hatte. Seine Zulassung wurde zunächst in Frage gestellt, schließlich sprach die Liga alle Beteiligten frei, 2009 wurde Oher dann Profi. Er möchte darüber nicht mehr allzu viel Worte verlieren, Fragen dazu steckt er mit kurzen Antworten weg, das ist seine Art. Oher - der stille Koloss.

Wichtiger Bodyguard bei den Panthers

Heute ist Oher einer der besten und bestbezahlten Spieler der NFL. Als Left Tackle hat er eine Schlüsselposition inne, beschützt den Quarterback und dessen "blinde Seite" (daher auch der Filmtitel). Erwischt Oher einen schlechten Tag, dann ist das ganze Angriffsspiel seiner Mannschaft lahmgelegt. Bei Carolina ist Oher der persönliche Bodyguard von Spielmacher Cam Newton, der sich für seine Verpflichtung stark machte. "Er kann sich auf mich verlassen“, sagt Oher vor dem großen Spiel in der Nacht zu Montag (08.02.16) gegen die Denver Broncos. Im Klartext heißt das für ihn: Gegner abblocken mit allem, was er zur Verfügung hat - und dahingehen, wo es weh tut.

Oher hat den Super Bowl schon einmal gewonnen, 2012 mit den Baltimore Ravens. Mit 29 Jahren gehört er zu den erfahrensten Spielern der Panthers. "Wir müssen uns gut vorbereiten, hart arbeiten und fokussiert sein", sagt er. Anders als seine Teamkollegen, die in der Woche vor dem Spiel des Jahres die schrägsten Klamotten anziehen und die irrwitzigsten Posen und Grimassen zeigen, hält sich Oher zurück. Er steht abseits, bringt den Interviewtermin routiniert und ohne viel Spektakel hinter sich.

"Ich bin zufrieden, wie es gelaufen ist", sagt er noch. Dann dreht er sich um und geht. Das Bild erinnert an jenes Plakat seines Films. Ein Leben wie ein Drehbuch, nur die helfende Hand seiner Adoptivmutter braucht Michael Oher heute nicht mehr.

Stand: 03.02.2016, 11:30

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