Schwerpunkt: Schulsport

Wenn Schulsport zur Belastung wird

Dr. David Wiesche

Interview mit David Wiesche von der Ruhr-Universität Bochum

Wenn Schulsport zur Belastung wird

Wer immer als Letzter gewählt wird oder sich im Badeanzug schämt, kann Schulsport als Belastung empfinden. Das Problem ist so verbreitet, dass die Ruhr-Universität Bochum einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat - ein Interview mit dem Mit-Herausgeber und wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. David Wiesche über kleine Peinlichkeiten und schwere Traumata.

sportschau.de: Scham und Beschämung im Schulsport, 215 Seiten mit wissenschaftlichen Arbeiten über negative Folgen von Sportunterricht - ist der wirklich so schlimm?

David Wiesche: Nein, es gibt sehr viele positive Seiten des Schulsports, dort werden Freude und Spaß erlebt. Aber es gibt auch negative Emotionen in unerwartet großer Zahl. Die werden kaum beleuchtet - deshalb haben wir uns von der Ruhr-Universität entschlossen, dieses Thema aufzugreifen.

Können Sie Zahlen nennen, wie viele Menschen ihren Sportunterricht in schlechter Erinnerungen haben?

Wiesche: Das ist schwer zu sagen und eine sehr persönliche Sache. Viele Schüler werden wenig negative Erfahrungen im Schulsport erleben. Aber es gibt auch diejenigen, die jede Woche Negatives erleben. Den Prozentanteil kann und möchte ich nicht pauschalisieren, das wäre Raten.

Das ist schade, bei einem Interview mit einem Wissenschaftler erhofft man sich natürlich immer Zahlen. Können Sie denn grobe Anhaltspunkte nennen?

Wiesche: In einer Studie habe ich 250 Schüler befragt, nur fünf Prozent haben keine negativen Erfahrungen aus dem Sportunterricht beschrieben. Im Durchschnitt haben die Schüler mir zweieinhalb negative Erfahrungen beschrieben. Allerdings waren da auch Peinlichkeiten bei, die nicht dramatisch oder schwierig für eine Persönlichkeitsentwicklung waren.

Welche Erfahrungen beschreiben die Schüler?

Wiesche: Am relevantesten wird erfahren, was mit Körperlichkeit und Leistungsdruck zusammenhängt. Ein Beispiel: Jemand steht ohne Hose in der Turnhalle, weil sie heruntergerutscht ist oder von einem Mitschüler heruntergezogen worden ist. Das ist für die meisten Schüler sehr tragisch. Die Umkleidesituation, in der Pubertät in der Schwimmhalle in kurzer Hose oder im Badeanzug körperlich bloßgestellt zu sein - das sind die gravierendsten Sachen.

Sind Sammelumkleiden also der falsche Weg?

Wiesche: Meines Erachtens schon, wenn sie erzwungen sind und die Schüler keine andere Möglichkeit haben. Es gibt immer drei, vier Schüler, die sich nicht mit den anderen umziehen wollen. Ich würde probieren, Einzelumkleiden für diese Schüler anzubieten - auch wenn das in der Praxis schwierig ist. Was überhaupt nicht geht ist, dass sich Lehrerinnen und Lehrer ebenfalls in den Sammelumkleiden umziehen. Das wird aber teilweise immer noch so umgesetzt.

Wie groß sind die Unterschiede zwischen den Berichten von Mädchen und Jungen?

Wiesche: Mädchen geben häufiger an, dass sie sich schämen. Je jünger sie sind, desto öfter geben sie dies an - wobei ich nur ab der fünften Schulklasse befragt habe. Laut anderen Arbeiten geben nur 25 Prozent der Mädchen an, dass sie an ihrem Körper nichts verändern wollen.

Sind die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und die Folgeerscheinungen ein wachsendes Problem?

Wiesche: Ich kann mir vorstellen, dass dies schon immer so war. Aber in der heutigen Zeit verstärkt es sich, weil die schnelle Verbreitung hinzukommt. An manchen Schulen dürfen Handys genutzt werden, da wird mal schnell ein Foto gemacht und verschickt.

Oft wird auch Alarm geschlagen, dass die Kinder immer dicker werden, die motorischen Fähigkeiten nachlassen. Führt das zusätzlich zu negativen Erfahrungen im Sportunterricht?

Wiesche: Ja, würde ich schon unterstützen. Bei den Situationen, die ich erfragt habe, nahm Versagensangst einen großen Teil ein. Was passiert, wenn ich den Ball nicht treffe? Oder ich nicht ausdauernd laufen kann? Von der Quantität her waren das die meisten Nennungen in meinen Befragungen. Das kann zurückzuführen sein auf die Dinge, die Sie genannt haben.

Wenn so viele Menschen schlechte Erinnerungen an den Sportunterricht haben, sind das dann häufig schwerwiegende Traumata?

Wiesche: Bei einigen sind es wirklich Traumata. Ich kann leider keine genaue Zahl nennen, das steht noch aus. In Interviews haben 40- und 50-Jährige von Erlebnissen aus ihrem Schulsport erzählt, die so tief sitzen, dass sie immer noch Auswirkungen aufs Sporttreiben oder das Leben haben. Eine Frau hat erzählt, dass sie immer noch schlechte Gefühle bekommt, wenn sie an einer Schwimmhalle vorbeigeht - dabei ist der Unterricht 30 Jahre her. Gerade in der Pubertät, wo die Persönlichkeit noch nicht ausgeprägt ist, haben einige Schüler das Potenzial, solche extrem belastenden Situationen so negativ zu bewerten, dass es zu einem Trauma wird, das sich auf den Sportbereich ausweitet oder zu einer generellen Unsicherheit - wobei ich da persönlich sehr vorsichtig bin. 

Kommen wir zur Rolle des Lehrers in dieser Problematik. Macht es einen großen Unterschied, ob ein Mitschüler oder der Lehrer etwas Unpassendes sagt?

Wiesche: Auf jeden Fall. Alles, was vom Lehrer kommt, ist dramatischer und relevanter, weil es eine andere Stufe ist. Das kann auch ein flapsiger Kommentar sein wie: "Den kann ja jeder reinmachen" oder: "Jetzt stell dich nicht so an." Eine Schülerin hat eine Bühnensituation beim Hochsprung beschrieben. Es gab ein Ausscheidungsverfahren, wer fertig war, durfte sich hinsetzen. Sie war die Letzte, alle haben zugeschaut. Der Lehrer wollte sie motivieren, sagte in etwa: „Komm, das ist doch gar nicht so hoch“, hat die anderen noch aufgefordert, sie anzufeuern. Es war gut gemeint, aber er hat die Situation noch schlimmer gemacht. Sie wollte nur noch raus, hatte Angst vor dem Hochsprung.

Was ist also die Quintessenz aus ihren wissenschaftlichen Studien für einen Lehrer in der Praxis?

Wiesche: Ich glaube nicht, dass man negative Situationen im Sportunterricht komplett vermeiden kann, und ich glaube auch nicht, dass man das muss. Aber die wirklich tragischen Ereignisse, die zu Traumata führen können, sollten nicht gerade initiiert werden. Klar ist das bei jedem verschieden, was es schwierig macht. Aber wenn der Lehrer probiert, sich empathisch in die Schülerinnen und Schüler hineinzuversetzen, kann er zu dem Schluss kommen, dass er einen Großteil der Situationen organisatorisch verhindern kann.

Wie steht es denn um das Bewusstsein für diese Problematik?

Wiesche: Ältere Lehrer haben mir gesagt, dass sie sich noch nie Gedanken darüber gemacht haben, obwohl sie ihren Beruf schon 45 Jahre lang ausüben. Aber das Bewusstsein steigt. Ich habe gerade das Referendariat und damit eine Ausbildung zum Sportlehrer beendet. Da wurden wir so ausgebildet, dass wir versuchen, uns empathisch in die Situationen hineinzuversetzen. Das soll nicht heißen, dass man nur noch Wohlfühlunterricht macht, das geht auch gar nicht. Aber man soll darüber nachdenken: Was passiert mit den Schülern?

Unterm Strich: Ist Sportunterricht nun gut oder schlecht für die Psyche?

Wiesche: Das ist relativ pauschal, aber ich glaube, dass guter Sportunterricht sehr gut für die Psyche sein und die Persönlichkeitsentwicklung auf soziale und psychische Art vorantreiben kann. Trotzdem glaube ich, dass bei einigen eine Überforderung stattfindet und dass dies positiv von den Lehrkräften begleitet werden muss.  Wenn das geschieht, können sich die Schüler auch über die Pubertät hinweg psychologisch festigen und zu starken Persönlichkeiten werden. Der Sport birgt da auf jeden Fall große Möglichkeiten.

Das Interview führte Volker Schulte

Stand: 28.11.2017, 08:00

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