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So unterschiedlich ist der Sportunterricht in den Bundesländern

Schwerpunkt Schulsport: Hallensport

Lehrpläne - "Föderales Wirrwarr"

So unterschiedlich ist der Sportunterricht in den Bundesländern

Von Frank van der Velden

Beim Schulsport gehen die 16 Bundesländer mit 16 verschiedenen Lehrplänen an den Start. Die zu vergleichen oder zu unterscheiden, ist schwierig. Wir nehmen es sportlich und versuchen es trotzdem.

In Deutschland ist Bildung Ländersache. Was Kinder und Jugendliche in der Schule lernen und wann das passiert, wird nicht zentral in Berlin entschieden, sondern in den Kultusministerien der 16 Bundesländer. Dort werden die Lehrpläne erstellt, an die sich die Lehrer in den Schulen halten sollen. 16 Bundesländer bedeutet also 16 verschiedene Lehrpläne - auch im Unterrichtsfach Sport.

Wer die vergleichen will, der tut sich schwer und verliert leicht den Überblick. Zu unterschiedlich sind die Schulsysteme in den Bundesländern, und das schlägt sich dann auch in den Lehrplänen nieder. An der Deutschen Sporthochschule in Köln (DSHS) befasst sich ein ganzes Institut mit Sportdidaktik und Schulsport. Die Lehrplanforschung ist dort ein zentrales Thema.

"Außerordentlich komplex"

"Das Thema ist außerordentlich komplex. Es gibt Lehrpläne, die gelten zeitgleich für G8 und G9. Manche Länder nehmen auch noch die Gesamtschule mit hinzu. Wenn ich das nur für die Sekundarstufe 1 hochrechne, komme ich auf 70 bis 80 Lehrpläne", erklärt Prof. Dr. Günter Stibbe von der DSHS. "Es ist unglaublich schwer, die miteinander zu vergleichen. Wir haben es zudem mit verschiedenen Lehrplangenerationen zu tun", sagt der Wissenschaftler.

Nur eine große Studie

Es gibt nur eine große Studie, die den Schulsport in Deutschland umfassend untersucht hat. Das ist die SPRINT-Studie aus dem Jahr 2006. Etliche Forschergruppen beschäftigten sich damals auch mit den Lehrplänen und der Lehrplanentwicklung in den 16 Bundesländern. Bemängelt wurde unter anderem eine "föderale Verwirrung" sowie "terminologische Unschärfen und fehlende Bildungsstandards". Die zentrale Forderung der Studie an die Bildungspolitik war, sich an der programmatischen Arbeit zu beteiligen und die dringend benötigte Forschung zu unterstützen. Doch das ist irgendwie nicht geschehen.

Große Unterschiede

Die Unterschiede in den Lehrplänen sind groß. Der Bildungsplan für das Gymnasium in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 ist in Bremen 21 Seiten lang. Der von Baden-Württemberg kommt da schon in epischer Breite daher - 96 Seiten. Und während Schleswig-Holstein ein wenig allgemein davon spricht, dass die Schüler "Spielformen des Laufens, Springens und Werfens erproben und anwenden sollen", steht in Thüringen explizit zu lesen, dass ein Siebtklässler aus dem Hoch- und Tiefstart 75 Meter sprinten und mindestens 16 Minuten am Stück laufen muss. Dahinter steckt: Je schwammiger so ein Lehrplan ist, desto mehr Freiheiten haben die Lehrer.

Schwimmen aus unterschiedlichen Perspektiven

Bei einem Lehrplan geht es ganz grob gesagt darum, dass die Schüler in verschiedenen Sportarten mit Hilfe "pädagogischer Perspektiven" bestimmte Kompetenzen erlernen und verschiedene Erfahrungen machen. Doch schon dabei gibt es enorme Unterschiede. Stibbe erklärt das so: "Das Bewegungsfeld 'Bewegung im Wasser' soll in Hamburg unter der Perspektive 'Leisten und Üben', in Hessen unter den Leitideen 'Gesundheit' und 'Körperwahrnehmung' thematisiert werden." Da erkennt schon der Laie, dass das zwei Paar Schuhe sind.

Der unterschiedliche Umgang mit der Fitness

Leichtathletik, Turnen, Schwimmen, Gymnastik und Tanz, Sportspiele und Zweikampfsport - das sind die Klassiker, die in jedem Lehrplan auftauchen. "Es gibt seit dem Jahr 2000 eine ziemliche Ausweitung von Inhalten in den Lehrplänen. Aber das ist auch sehr unterschiedlich, die gibt es eher in fortschrittlichen Ländern", erklärt Stibbe.

So führen etliche Bundesländer Fitness als eigenständige Sportart auf, die es dann zu beackern gilt. Nicht so im Saarland, dort läuft Fitness allerdings als pädagogische Perspektive, schwebt also praktisch über den Dingen. In Niedersachsen ist Fitness eine zu erlernende Sachkompetenz. Auch Hamburg sieht Fitness als generelle Aufgabe des Schulsports und nicht als Sportart.

Schwimmen in Bremen keine Pflicht

Nicht gerade fortschrittlich ist Bremen. Nur fünf Bewegungsfelder sind verbindlich. "Bewegen im Wasser", "Gleiten, Fahren, Rollen" und "Kämpfen" sind keine Pflicht. Das heißt im Klartext, dass ein Schüler in Bremen ohne Schwimmen und Eislaufen durch die Sekundarstufe 1 kommt. Das mag natürlich daran liegen, dass es im finanziell klammen Stadtstaat einfach zu wenige Schwimm- oder Eislaufhallen gibt. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind nur fünf Bereiche Pflicht. Dafür gibt es ein recht umfangreiches Wahlpflichtprogramm. Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein nennen dagegen neun Sportfelder im Pflichtbereich.

Trendiges Sachsen

Ein Ausreißer nach oben ist Sachsens Lehrplan. Es gibt zwei Lernbereiche. Im ersten wird neben den Sportspielen, der Leichtathletik, dem Turnen, der Gymnastik, dem Schwimmen und dem Kampfsport auch der Wintersport genannt. Im zweiten Lernbereich werden neben Fitness auch "Bewegungserlebnisse in der Natur" gefordert. Zudem setzt Sachsen auf "Formen der neuen Spiel- und Bewegungskultur". Das heißt, dass die Lehrer im Unterricht auf "bestehende und nicht absehbare Trends" reagieren sollen. Zudem sollen die Schüler "eine pädagogische Perspektive thematisieren", indem sie "Inhalte verschiedener Lernbereiche unter einer Perspektive verknüpfen". Das sind Forderungen, die sich sonst nirgendwo finden - jedenfalls nicht so klar formuliert.

Ein Bootshaus für alle in Hamburg

Neben Sachsen nennen auch Bayern und Thüringen ausdrücklich den Wintersport im Lehrplan. Was logisch ist, haben diese Länder ja auch Wintersportgebiete. Das gilt auch für Schleswig-Holstein und den Wassersport. Hamburg setzt voll aufs Rudern. Zwar ist die Sportart keine Pflicht und findet an vielen Schulen nur als Wahlpflichtfach oder in Arbeitsgemeinschaften statt, doch die Schulbehörde der Hansestadt hat am Ostufer der Alster ein eigenes Bootshaus.

Sportiver Osten und Nord-Süd-Gefälle

Und was fällt sonst noch auf? "Die Länder im Osten sind von ihrer Tradition her deutlich sportiver eingestellt", erklärt Günter Stibbe. Er sieht zudem "ein Nord-Süd-Gefälle. Die nördlichen Länder scheinen mir da innovativer zu sein. Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen waren die ersten, die die Inhaltsfelder aufgeweicht haben und ein wenig von den klassischen Sportarten abgerückt sind. Das sagt allerdings nichts über die Qualität des Sportunterrichts aus", erklärt Stibbe.

Apropos Qualität. Papier ist ja bekanntlich geduldig, und inwieweit Lehrpläne tatsächlich umgesetzt werden, ist fraglich. "Es kann sehr viel angeboten werden, aber das heißt noch lange nicht, dass es auch gemacht wird", sagt auch Stibbe.

Stand: 29.11.2017, 08:30

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