29 Zoll - MTB-Revolution oder Marketing-Trick?

Montainbikes

Wie groß ein Mountainbike-Reifen sein muss

29 Zoll - MTB-Revolution oder Marketing-Trick?

Von Anita Horn

Die Diskussion ist längst angerollt: Wie groß muss der Durchmesser des perfekten Mountainbike-Reifens sein? Standard ist 26 Zoll, mittlerweile bekommt man diese Größe bei einigen Herstellern aber kaum noch. Der Trend geht also zum 29-Zoll-Reifen und der Zwischengröße 27,5 Zoll.

Als der erfolgreiche Rennrad- und Cyclo-Cross-Fahrer Gary Fisher in den 1968er Jahren wegen seiner langen Haare vom US-Radsportverband gesperrt wurde, wurde er erfinderisch.

Er schnappte sich ein altes Schwinn-Cruiser-Postrad aus den 30er Jahren, gut 20 Kilo schwer, schob es die kalifornischen Berge hinauf (zum Hochfahren waren sie zu schwer) und raste hinunter. Das Mountainbiken war geboren, wenn auch erst einmal nur Downhill. Um die Abfahrten noch rasanter zu machen, fing Fisher in den 70er Jahren an, mit ein paar Freunden zu basteln. Sie tauschten zum Beispiel Radteile gegen Lenker und Bremsen von Motorrädern und schweißten eigene Rahmen. Auch mit 29-Zoll-Reifen wurde experimentiert. Durchgesetzt haben sich jedoch die 26er.

Erst seit den frühen 2000er Jahren gehen die Diskussionen wieder Richtung Twenty-Niner. Heute scheint das 29-Zoll-MTB die wahre Größe. Aber was bedeutet das überhaupt genau?

Die wahre Größe

Die Felgen der 29er haben den gleichen Durchmesser wie die von 28-Zoll-Rädern. Breite und Mantelvolumen unterscheiden sich jedoch je nach Rad, so dass man bei den 29ern auf ein größeres Außenmaß kommt. Das hat natürlich Einfluss auf die Fahreigenschaften.

Tests gleicher MTB-Modelle in den Größen 26 und 29 Zoll zeigen, dass größere Reifen je nach Hersteller gut acht Prozent weniger Energieaufwand bedeuten. Sie bieten eine höhere Laufruhe, mehr Grip durch längere Bodenkontaktzeit und einen tieferen Schwerpunkt. Das erhöht die Fahrsicherheit bergab.

29er haben viele Vorteile

Größere Laufräder brauchen allerdings mehr Platz im Rahmen, weshalb der Radstand häufig länger wird. Und die Laufräder haben auch eine höhere Masse, weil natürlich mehr Material verbaut ist. Das macht die 29er tendenziell weniger wendig als 26-Zöller. Allerdings haben die Konstrukteure in den letzten Jahren viel gelernt und es geschafft, durch angepasste Geometrien diese Nachteile etwas auszugleichen. "Zwar sind Mountainbikes mit kleineren Laufrädern in der Regel etwas wendiger, aber die anderen Vorteile der 29er gleichen das mehr als aus“, urteilt der ADFC.

Der flachere Aufprallwinkel auf Hindernisse wie Bürgersteige, Wurzeln oder Steine sorgt für ein besseres Abrollverhalten. Die Fahrt wird weniger gebremst, man spart Kraft. "Ein weiterer Vorteil ist die bessere Traktion. Es greifen mehr Stollen in den Untergrund ein und geben besseren Halt. An steilen Anstiegen, wo ein 26er Hinterrad irgendwann durchdreht, kann man mit einem 29er problemlos hinauffahren", so der ADFC.

Twenty-Niner im Spitzen- und Breitensport

"Im Spitzensport setzen heute viele Fahrer auf 29 Zoll", sagt Hansjörg Zwiehoff, sportlicher Leiter des Mountainbike Sportverein Essen-Steele 2011 e.V. Der A-Trainer ist selbst 15 Jahre MTB-Rennen gefahren, betreut unter anderem zwei Sportlerinnen, die im Marathon-Weltcup fahren. So konnte er über viele Jahre die technische Entwicklung im MTB-Sport verfolgen. "Da sich die bevorzugten Laufradgrößen je nach Disziplin unterscheiden, muss man differenzieren. Im Downhill und Dirt Jump ist die Tendenz eher Richtung 27,5, im olympischen Cross-Country hat sich fast ausschließlich 29er durchgesetzt." Gerade Frauen sollten jedoch darauf achten, nicht einfach einen kleinen Männerrahmen zu fahren, sondern spezielle Damenräder, da die unterschiedliche Anatomie und Muskulatur klare Unterschiede in der Geometrie fordern.

Fatbike

Dicke Dinger - ein Fatbike

Auch im Breitensport setzen sich die Riesenräder zunehmend durch, bestätigt der Veranstalter des Mountainbike-Rennens HERO in Italien. Bei der Anmeldung können die Teilnehmer Radmarke, Radtyp und Laufradgröße angeben. Im Jahr 2013 waren 3000 Teilnehmer gemeldet, wovon 1838 die Radgrößen angegeben haben. Darunter fielen rund 55 Prozent 26-Zoll-Räder, knapp fünf Prozent 27,5er und 40 Prozent 29er. Für 2016 sind bisher 3774 Teilnehmer registriert, von denen 2861 die Radgröße angegeben haben. Hier sind über 14 Prozent mit 26-Zoll-Rädern, fast 12 Prozent mit 27,5ern und über 74 Prozent mit 29ern zu verzeichnen.

Dass der Trend zu 29 Zoll geht, zeigen auch zahlreiche Fahrradmessen. Auf der Eurobike wurde von Herstellern wie Giant, Simplon, Focus, Stevens oder KTM schon 2013 das Ende von 26 Zoll verkündet. Zur diesjährigen Messe sagt Bereichsleiter Stefan Reisinger: "Definitiv hat 26 Zoll seine Vormachtstellung eingebüßt und vor allem im High-End Produktbereich sind heute 29 Zoll, 27,5 und 27,5 Plus das Maß der Dinge."

Plus-Formate, Fatbikes und Elektromotoren

Natürlich gibt es 29er nicht nur für Selbsttreter, sondern auch als Elektro-Variante. Außerdem werden Plus-Formate mit dickeren Reifen und Fatbikes immer beliebter - mit ihren drei bis vier Zoll Reifenbreite perfekt für Unebenheiten im alltäglichen Straßenverkehr, aber auch im Schnee oder am Strand.

Und auch im Rennradbereich sind neue Größen zu vermelden. Rennradgabeln bieten mehr Platz für 28mm breite Reifen. Und zu den ganz neuen Hinguckern gehören Gravel-Bikes, also Rennradrahmen mit Reifen für unbefestigte Straßen.

Weches Bikes nun das Richtige ist? Man sollte sich vor dem Kauf einfach fragen, wofür man das Rad benutzen und was man ausgeben möchte. Das Gute ist ja, dass im Breitensportbereich jeder selbst entscheiden darf, was er fährt.

Stand: 15.02.2016, 10:00

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