US-Dopingagentur sperrt Armstrong lebenslang

Lance Armstrong

Ex-Radprofi will sich nicht mehr gegen Vorwürfe wehren

US-Dopingagentur sperrt Armstrong lebenslang

Lance Armstrong ist von der US-Anti-Doping-Agentur USADA lebenslang gesperrt worden. Alle Ergebnisse seit dem 1. August 1998 sollen gestrichen werden, damit auch seine sieben Tour-Siege.

Allerdings kann nur der Radsport-Weltverband UCI dem Amerikaner die Titel aberkennen. Die Entscheidung war am Freitag (24.08.12) gefallen, nachdem Armstrong zuvor den Rechtsstreit mit der USADA um die Dopingvorwürfe aufgegeben hatte.

Der 40-Jährige hatte am Donnerstagabend (Ortszeit) mitgeteilt, er wolle sich nicht länger gegen die Dopingvorwürfe derUSADA wehren. Das gesamte Verfahren habe einen "zu hohen Zoll" von ihm und seiner Familie gefordert, begründete Armstrong seinen Entschluss. Wenn er eine Chance gesehen hätte, in einer fairen Umgebung die Vorwürfe widerlegen zu können, hätte er "die Chance wahrgenommen". "Aber ich weigere mich, in einem einseitigen und unfairen Prozess mitzumachen."

Lance Armstrong at his first media conference since arriving in Australia to compete in UCI Pro Tour Tour Down Under cycle race Play-Icon Audio-Icon

Armstrong bangt um seine Tour-Titel | 03:30 min | 24.08.2012 | WDR 2 Mittagsmagazin

Tygart: "Trauriger Tag für den Sport"

Der 40-Jährige schrieb von einer "Hexenjagd" durch die US-Anti-Doping-Agentur. Deren Chef Tygart teilte mit, dass der USADA noch keine offizielle Erklärung Armstrongs vorläge. "Das ist ein trauriger Tag für alle von uns, die den Sport und unsere Athleten-Helden lieben", teilte Tygart mit. Der Fall sein "ein Herzen brechendes Beispiel" wie die Kultur des "Siegens um jeden Preis" einen sauberen und fairen Sport verhindere, so Tygart.

Der Fall Armstrong - eine Chronologie

Lance Armstrong hat den Kampf gegen die Dopinganschuldigungen offenbar aufgegeben - eine Chronologie im wohl längsten Streit der Radsport-Geschichte.

Lance Armstrong bei der Tour 2004

2. Juli 2004: Über dem Start von Titelverteidiger Lance Armstrong liegt ein Schatten. Unmittelbar vor der Tour de France erscheint das Buch "L.A. Confidential", in dem die beiden Journalisten David Walsh und Pierre Ballester schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong erheben. Der US-Amerikaner scheitert vor Gericht mehrfach mit dem Versuch, sich in dem Buch äußern zu dürfen.

2. Juli 2004: Über dem Start von Titelverteidiger Lance Armstrong liegt ein Schatten. Unmittelbar vor der Tour de France erscheint das Buch "L.A. Confidential", in dem die beiden Journalisten David Walsh und Pierre Ballester schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong erheben. Der US-Amerikaner scheitert vor Gericht mehrfach mit dem Versuch, sich in dem Buch äußern zu dürfen.

1. Oktober 2004: Wegen Sportbetrugs wird der Sportarzt Michele Ferrari zunächst zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Der Italiener arbeitete lange mit Armstrong zusammen. Vom Vorwurf, Radsportler mit Dopingmitteln versorgt zu haben, wird Ferrari aus Mangel an Beweisen jedoch freigesprochen.

1. April 2005: Sein ehemaliger Betreuer Mike Anderson erklärt vor Gericht, 2004 "ein verbotenes Medikament" in Armstrongs Badezimmer gefunden zu haben. Der reagiert darauf mit einer Schadensersatzklage.

23. August 2005: Nach Armstrongs siebtem Toursieg und dem anschließenden Rücktritt berichtet die französische Sportzeitung "L'Equipe", dass in sechs Urinproben von Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Die Proben waren eingefroren worden und konnten dem Bericht zufolge eindeutig Armstrong zugeordnet werden. EPO ist erst seit 2001 nachweisbar.

31. Mai 2006: Eine vom Weltverband UCI eingesetzte Kommission spricht Armstrong von den 1999er Doping-Vorwürfen frei. Begründet wird die Entscheidung auch mit dem Fehlen der für eine sportjuristische Verurteilung notwendigen B-Probe. Der frühere UCI-Präsident Hein Verbruggen hatte sich bereits zuvor beim Bekanntwerden der Vorwürfe demonstrativ hinter Armstrong gestellt. Die weltweite Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht "fast schon lächerlich".

2. Oktober 2008: Nach Armstrongs Comeback-Ankündigung schlägt die französische Anti-Doping-Agentur dem Texaner vor, die sechs Proben der Tour de France 1999 nochmals zu testen. Armstrong lehnt dies ab.

20. Mai 2010: Armstrongs ehemaliger Teamkollege Floyd Landis gibt öffentlich zu, die meiste Zeit seiner Karriere gedopt zu haben. Der Tour-Sieger von 2006 beschuldigt in diesem Zusammenhang auch Armstrong des Dopings. Der weist die Anschuldigungen zurück.

26. Mai 2010: Die US-Behörden um Sonderermittler Jeff Novitzky kündigen Ermittlungen gegen Armstrong an. Es geht jetzt nicht nur um die Einnahme unerlaubter Mittel, sondern auch um die Frage, ob das Sponsorengeld des amerikanischen Postdienstleisters US Postal dazu genutzt wurde, um Dopingmittel zu finanzieren. Der Radsport-Weltverband widerspricht unterdessen einer Behauptung von Landis, wonach die UCI eine positive Dopingprobe Armstrongs bei der Tour de Suisse 2001 verschwinden ließ. Die UCI räumt aber ein, eine Geldspende des Amerikaners in Höhe von 100.000 Euro im Jahr 2005 entgegengenommen zu haben und bestätigt später eine weitere Geldzahlung Armstrongs in Höhe von 25.000 Dollar im Jahr 2002.

20. Mai 2011: Nach Armstrongs endgültigem Rücktritt ist Tyler Hamilton der nächste ehemalige Teamkollege, der schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong erhebt. "Ich sah EPO in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat", sagt der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004 dem TV-Sender CBS.

4. Februar 2012: Die US-Staatsanwaltschaft stellt die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Armstrong und weitere Mitglieder des früheren Radrennstalls US-Postal ein. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA kündigt an, den Fall weiter zu verfolgen. Unterdessen gibt der Welt-Triathlonverband WTC eine Kooperation mit Armstrong bekannt. Für sechs Starts soll seine Krebs-Foundation eine Million Dollar kassieren.

2. Juni 2012: Die nationale Anti Doping-Agentur USADA erhebt in einem Schreiben schwere Vorwürfe gegen Armstrong. Proben aus den Jahren 2009 und 2010 sollen "vollkommen mit Proben übereinstimmen, an denen Blutmanipulation, inklusive EPO und/oder Blut-Transfusionen, vorgenommen wurden." Armstrong wird sofort für alle Wettbewerbe gesperrt.

20. August 2012: Ein Gericht in Austin erklärt die Ermittlungen der USADA und deren Chef Travis Tygart (hier im Bild) gegen Armstrong für rechtens. Der Texaner muss entscheiden, ob er eine Schiedsgerichts-Verhandlung will oder eine drohende lebenslange Sperre der USADA akzeptiert.

24. August 2012: Armstrong teilt in einem Statement mit, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgibt. Ihm droht nun die Aberkennung seiner Tour-Titel.

Ermittler sehen "Doping-Verschwörung"

Armstrong hatte erst Anfang der Woche eine Niederlage im Ringen mit der USADA hinnehmen müssen. Ein Richter in Armstrongs Heimatstadt Austin wies die Klage des Ex-Radprofis am Montag ab, der die USADA bei ihren Ermittlungen gegen sich blockieren wollte. Durch diesen Beschluss war Armstrong die Möglichkeit genommen worden, eine Schiedsgerichts-Verhandlung zu verhindern, bei der er offiziell als Doper gebrandmarkt werden könnte. "Heute schließe ich diese Seite. Ich werde dieses Thema nicht mehr ansprechen, unabhängig von den Umständen", schrieb Armstrong.

Die Doping-Jäger werfen ihm jahrelanges Doping und Handel mit illegalen Substanzen vor. Der siebenmalige Gewinner der Tour de France soll Teil einer regelrechten "Doping-Verschwörung" gewesen sein. Der 40-jährige Texaner wird seit Jahren mit Doping-Vorwürfen konfrontiert, ist aber nie positiv getestet worden. Die USADA hatte Armstrong im Juni formal des Dopings angeklagt. Die Agentur stützt sich auf mehr als zehn Zeugen, zu denen auch Armstrongs einstige Helfer Tyler Hamilton und Floyd Landis zählen sollen.

Alle Toursiege aberkannt?

Die UCI, die zuletzt vergeblich versucht hatte, USADA den Fall Armstrong zu entreißen, hielt sich am Freitag zurück und forderte die US-Behörde nur auf, die geforderten Maßnahmen gegen Armstrong zu erläutern. Nur der Weltverband könnte dem Amerikaner die Titel aberkennen. Dass dies nicht per Handstreich möglich sein wird, erläutert der Sportrechtsexperte Michael Lehner. Der Heidelberger Anwalt verweist zum einen auf die achtjährige Verjährungsfrist von Dopingvergehen und betont mit Blick auf mögliche Ergebnisstreichungen: "Das ist rechtlich sehr kompliziert, weil es kein einheitliches Prozedere dafür gibt." Zudem legte Armstrong keine Dopingbeichte ab, er sprach stattdessen von "bizarren und abscheulichen Vorwürfen".

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Der tiefe Fall des Lance Armstrong | 01:31 min | 24.08.2012 | WDR 2 Westzeit

Sörgel: "Top Ten dürften alle gedopt gewesen sein"

Jan Ullrich macht sich keine besonderen Gedanken über eine mögliche Aberkennung der Tour-de-France-Titel seines langjährigen Rivalen. "Das beschäftigt mich nicht mehr groß", sagte der ehemalige Radprofi am Freitag. Ullrich war 2000, 2001 und 2003 einzig von Armstrong bei der Großen Schleife durch Frankreich geschlagen worden. "Ich habe mit meiner Profikarriere abgeschlossen und habe immer gesagt, dass ich auch auf meine zweiten Plätze stolz bin."

Der deutsche Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel sprach sich vehement gegen eine mögliche Weitergabe der Tour-Siege aus, sollten sie Lance Armstrong aberkannt werden. "Das wäre lächerlich. Die Top Ten dürften alle gedopt gewesen sein", sagte er am Freitag. "Ist doch nichts dabei, in den Annalen zu schreiben: 'Kein Sieger'."

Bruyneel: "Unfairer Kampf"

Der langjährige Radsport-Manager Johan Bruyneel nahm Armstrong nach dessen Rückzug im Doping-Rechtsstreit in Schutz. "In seinem Leben hatte sich Lance nie vor einem Kampf gedrückt. Seine Entscheidung weißt darauf hin, dass dieser Kampf unfair war", sagte Bruyneel der französischen Sportzeitung L'Equipe.

Seit 1999 hatte der 47-Jährige den Rennstall US Postal betreut und auch im Nachfolge-Team Discovery Channel mit Armstrong zusammengearbeitet. "Heute bin ich einfach nur traurig, es tut mir Leid für Lance und den Radsport", sagte der Belgier. Auch Bruyneel wird beschuldigt, mit verbotenen Substanzen gehandelt und deren Gebrauch angeordnet zu haben.

dpa/sid | Stand: 24.08.2012, 18:17

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