Warum US-Klubs die Städte wechseln

Ein Umleitungsschild vor dem Edwards Jones Dome, dem Stadion der St. Louis Rams

Umzüge im US-Profisport

Warum US-Klubs die Städte wechseln

Detlev Schrempf war der erste deutsche Basketballstar in der NBA. Auf der nostalgischen Suche nach einem Trikot von "Det the Threat" landet man - im Internetshop der Oklahoma City Thunder. Schrempf stand zwar keine einzige Sekunde für das Team auf dem Parkett. Aber das US-Franchisesystem macht diese und andere Absurditäten möglich - etwa den Umzug kompletter Klubs in andere Städte.

Schrempfs Team, die Seattle Supersonics, waren in der nordamerikanischen Basketballliga über 40 Jahre eine feste Größe - bis Inhaber Howard Schultz den Klub verkaufte und die Profiliga das Team 2008 nach Oklahoma umsiedelte. Nun gehört die Vereinsgeschichte samt des Meistertitels 1979 den Oklahoma City Thunder. Und Schrempfs Trikot findet sich im dortigen Online-Shop, obwohl er nie für die Thunder spielte.

Profi-Ligen als geschlossene Vereinigungen

Bizarr anmutende Auswüchse des nordamerikanischen Franchisesystems, das sich wenig um Identifikation schert, dafür aber eine reibunglos rollende Gelddruckmaschine ist. Und die funktioniert so: Die Profi-Ligen im US-Sport sind geschlossene Vereinigungen. In den großen Sportligen Basketball (NBA), Eishockey (NHL), Baseball (MLB) und American Football (NFL) gehören die Klubs Eigentümern oder Unternehmen. Die Inhaber sind Lizenznehmer der Liga - nicht wesentlich anders als bei den Filialen eines Burgerbraters.

Auf- und Abstiege gibt es nicht. Die Fans müssen nur um den Fortbestand ihres Teams bangen, wenn es wirtschaftlich nicht mehr läuft. Dann drohen Verkauf und/oder Umzug. Und so zogen gerade in der National Football League immer wieder Teameigner mit ihren Mannschaften in andere Städte, um mehr Gewinn zu machen. Für die Städte heißt das häufig: Wenn sie ein Major-League-Team haben wollen, müssen sie es aus einer anderen Stadt weglocken.

Kalkulierte Erpressung

Das gilt nicht unbedingt für Los Angeles. Im Großraum tummeln sich jetzt schon sieben, künftig sogar acht Profi-Mannschaften: Dodgers und Angels (Baseball), Lakers und Clippers (Basketball), Kings und Ducks (Eishockey) sowie die Galaxy und bald Los Angeles FC (Fußball). Und wer Football sehen will, geht zu Spielen der Uni-Teams UCLA und USC. Deren Zuschauerschnitt liegt jeweils bei weit über 70.000. Doch für Klubs und Liga bietet die zweitgrößte Stadt der USA beste Voraussetzungen für permanente Wachstumschancen. Zumal die "Stadt der Engel" seit 21 Jahren kein NFL-Team mehr hat.

Mit einem Umzug nach LA haben in der Vergangenheit schon häufiger Klubs geliebäugelt. Es handelte sich stets um eine kalkulierte Erpressung: Die Städte, die verlassen werden sollten, bauten mit Steuergeldern dann doch lieber ein neues Stadion, als ihre "franchise" zu verlieren. Mit diesen Stadien konnten die Klub-Besitzer noch mehr Geld umsetzen als ohnehin schon.

Dritter Umzug für die Rams

St. Louis-Rams-Besitzer Stan Kroenke

St. Louis-Rams-Besitzer Stan Kroenke

Den Stein ins Rollen gebracht hat diesmal Stan Kroenke. Dem milliardenschweren Unternehmer gehören unter anderem fast 63 Prozent der Aktien des FC Arsenal. Kroenke stellte fest, dass sich mit dem Edward James Dome (St. Louis), der erst 1995 bei der Rückkehr der Rams aus Los Angeles eingeweiht wurde, nicht mehr so viel Geld machen lässt wie früher. Er kündigte an, in Inglewood am Flughafen von Los Angeles ein Stadion zu bauen.

Die Rams sind sowieso ein umzugsfreudiger Klub: Nach acht Jahren in Ohio zogen die Cleveland Rams als frischgebackener Champion nach Los Angeles. Dort hatten sie von 1946 bis 1979 ihre Heimat als Los Angeles Rams, ehe 1995 der Umzug nach St. Louis erfolgte. An ihrer alten und neuen Wirkungsstätte werden sie mit offenen Armen empfangen. "Mit der Rückkehr der NFL zementiert Los Angeles seine Stellung als Epizentrum der Sportwelt", erklärte Bürgermeister Eric Garcetti gänzlich unbescheiden: "Wir können es kaum noch erwarten, die Rams willkommen zu heißen."

Harsche Kritik aus St. Louis

Erwartet harsch fiel die Kritik aus St. Louis aus: "Die NFL ignoriert die Fakten, die Loyalität der Fans in St. Louis, die das Team durch weit mehr Tiefen als Höhen unterstützt haben, einen starken Markt und einen realistischen Plan für ein neues Stadion", sagte Bürgermeister Francis Slay. "Behaltet die Rams hier", hatte das Publikum in St. Louis kurz vor Weihnachten während des letzten Heimspiels gegen die Tampa Bay Buccaneers gefordert. Ohne Erfolg: In der NFL geht es eben nicht um viel Geld, es geht um sehr viel Geld. Und da spielen Emotionen kaum eine Rolle.

Die Besitzer der 32 NFL-Klubs entschieden sich folgerichtig mit 30:2 Stimmen für Kroenkes angestrebten Prachtbau. "Wenn es darum geht, eine Show zu zeigen, ist dies der absolut beste Plan, den sich jemals jemand für den Sport ausgedacht hat", meinte etwa Jerry Jones, Eigner der Dallas Cowboys. Das neue Super-Stadion wird von Privathand finanziert. Die Kosten sollen 2,8 Mrd. Dollar betragen. Doch die sollen sich bald wieder refinanziert haben: Los Angeles ist nach New York wichtigster Fernsehmarkt und die Pläne sehen vor, das 298 Hektar große Areal in einen Entertainment-Komplex zu verwandeln. Das Football-Stadion soll 70.240 Zuschauer Platz bieten, das Fassungsvermögen kann noch um 30.000 erweitert werden.

Umzug von 3.000 Kilometern

Dafür nimmt der Klub den fast 3.000 Kilometer weiten Umzug gerne auf sich. Immerhin dürften die Rams (Widder) namensmäßig besser zu Los Angeles passen als ein berühmtes Basketball-Franchise: Die Lakers waren bis 1960 in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota beheimatet. Dort, im Land der 10.000 Seen, passte der Name nahezu perfekt. Nach dem Umzug ins staubtrockene Los Angeles fällt diese Bennenung wohl eher unter die Kategorie Absurditäten.

dpa/sid/red | Stand: 13.01.2016, 13:10

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