Virtual Reality im Profisport

Rafinha im Duell mit Schmelzer, dazu ein Mann mit VR-Brille

Neue Welt für Spieler und Zuschauer

Virtual Reality im Profisport

Von Lysander Kempe und Marc Rehbock

"Virtual Reality" könnte den Sport nachhaltig verändern, vielfach scheitern die Ambitionen noch an der Technik und der Verbreitung. Gerade der Sport könnte die Entwicklung jedoch vorantreiben, der Einsatz im Training und der Sportberichterstattung nimmt zu.

Es war der 65-jährige Louis van Gaal, der das Thema Virtual Reality einer breiten Sportöffentlichkeit unfreiwillig näher brachte. Er soll nämlich auch deshalb bei Manchester United gefeuert worden sein, weil er seine Spieler mit VR-Brillen trainieren lassen wollte. Auch wenn es sich möglicherweise nur um ein Gerücht gehandelt haben könnte, dass die Eigner des englischen Rekordmeisters ausgerechnet deshalb die Geduld mit ihrem Coach verloren haben sollten, hat diese Anekdote Symbolkraft: Einerseits macht das Thema neugierig, andererseits stößt es noch immer auf viele Vorbehalte.

Die Virtuelle Realität ist eigentlich ein computergenerierter Raum, in dem sich der User virtuell frei bewegen kann. Der Begriff wird auch häufig synonym zu 360-Grad-Videos genutzt, in denen man sich frei umsehen kann, jedoch keinen Einfluss auf die Umgebung hat. Das Erleben verstärkt die Betrachtung durch die so genannte VR-Brille. Aufregend kann dabei das Gefühl sein, mittendrin zu stehen, den Sport aus nächster Nähe zu erleben. Die Technik ist damit prädestiniert für Anwendungen im Sport, bei dem Zuschauer und Fans am liebsten direkt auf dem Spielfeld dabei wären. Die Immersion, das Eintauchen in das Erlebnis und die freie Wahl der Perpektive, ist der Vorteil, den 360-Grad-Videos dem klassischen Videobild voraus haben und sind damit auch für die Trainingsarbeit interessant.

Blick hinter die Kulissen

Eine für Zuschauer attraktive Anwendungsform ist auch der Blick hinter die Kulissen: Der Zuschauer kann sich in Ruhe umschauen, Räume erleben. Auch viele Vereine setzen zunehmend auf VR-Inhalte, so kann man sich im Fenway Park der Boston Red Sox virtuell durch das Baseball-Stadion bewegen und sich auf die Position des Schlagmanns stellen. Der Blick hinter die Kulissen ist vor allem für Fans interessant und bietet dem Nutzer die Möglichkeit, mittendrin zu sein und den Blickwinkel dabei selbst zu bestimmen.  

Und Protagonisten einer Sportart können Fans mitnehmen und Ihnen nicht nur die Umgebung oder eine Strecke zeigen. Der Zuschauer wird mitgenommen, kann sich dabei frei umzuschauen, beispielsweise mit einer Abfahrts- oder Biathlonstrecke vor sich und dem Gesicht des Athleten auf der anderen Seite.

Aber auch für das direkte Erleben von Sport sind die 360-Grad-Videos interessant. Im Vergleich zur klassischen Helm- oder Körperkamera hat der Betrachter hier das Gefühl des immersiven Erlebens, auch ohne VR-Brille.

Grenzen beim Livestreaming

Eine Kamera von NextVR beim Bundesliga-Eröffnungsspiel

Eine Kamera von NextVR beim Bundesliga-Eröffnungsspiel

360-Grad-Streaming, so schwebt es den VR-Enthusiasten vor, soll die Zukunft der Liveberichterstattung im Sport sein. Im US-amerikanischen Basketball gab es bereits Übertragungen mit dieser Technologie, die Winter X-Games im vergangenen Jahr in Aspen waren ebenfalls per 360-Grad-Livestreaming zu sehen. Auch ausgewählte Sportarten der Olympischen Spiele in Rio 2016 waren mit Rundumblick auf mobilen Endgeräten empfangbar. Doch noch wirkt die Technik eher wie eine Spielerei für Freaks, der Mehrwert des 360-Grad-Erlebens kann sich bei dieser Form des Liveerlebnis' schnell abnutzen.

Auch wenn Kameras mittlerweile in hoher Zahl eingesetzt werden können und die Regie den Betrachter in die Nähe des Geschehens bringen kann, wird das Spiel aus einer starren Perspektive betrachtet, auch wenn der Rundumblick und damit der Perspektivwechsel ein zusätzliches Feature sein mögen. Im Grunde müssten die Kameras näher ans Geschehen, aber auch dann ließe sich der Spannungsaufbau wie bei einer "klassischen" Übertragung nur schwer aufbauen, die schnellen Bildwechsel würden dem Betrachter kaum Zeit lassen, die Perspektive eigenständig zu ändern.

Revolution des Taktik- und Techniktrainings?

Kevin Durant und Andre Iguodala mit einer VR-Brille

Im Basketball wird die neue Technik bereits regelmäßig verwendet

In der US-Amerikanischen Profiliga NFL ist das Training mit VR-Brille für viele Quarterbacks beim Football bereits Alltag. Der große Vorteil: sie können sich so Spielzüge immer und immer wieder ansehen, das Verhalten der Linien anschauen und dabei selbst bestimmen, in welche Richtung sie sich drehen wollen. Auch im Fußball gibt es erste Anbieter, die taktische Formationen, Spielzüge und Passsituationen aus Fußballspielen in einer virtuellen Realität nachstellen und Fußballer in eine reale Spielsituation hinter der Brille bringen.

Eishockeytorhüter in der NFL und Schlagmänner in der MLB, der Baseballprofiliga in den USA, trainieren beispielsweise ebenfalls bereits mit Brille. Dabei soll das Reaktionsvermögen und die Technik verbessert werden. Solche Anwendungsfälle sind grundsätzlich bei vielen Sportarten denkbar. Auch im Fintess- und Rehasport gibt es erste Anwendungen.

Wohin geht die virtuelle Reise?

Bostons Bürgermeister Marty Walsh probiert eine VR-Brille aus

Die Boston Red Sox haben einen "Virtual Reality"-Raum für die Zuschauer

Fast alle Kamerahersteller sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen, die Technik wird besser und die 360-Grad-Kameras der jüngsten Generation vereinfachen die Produktion der Inhalte und die Entwicklung dürfter rasant voranschreiten. Die Videos lassen sich bereits mit einem Smartphone ordentlichen darstellen und drehen, auch am PC kann man die Videos per Maus bedienen, somit ist eine hohe Reichweite der Videos gewährleistet.

Den richtigen Effekt erzielen die Videos jedoch mit einer speziellen VR-Brille, und dort wird die Verbreitung wohl auch in Zukunft an herkömmliche Übertragungen nicht heranreichen. Es wird sich zeigen, ob Virtual Reality tatsächlich "The Next Big Thing" ist, oder nur ein Hype, der in ein paar Jahren wieder verflogen ist. Das Potential für eine Revolution im Sport dürfte jedenfalls vorhanden sein.

Stand: 04.01.2017, 09:00

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