Forscher und Sportler im Kampf gegen Rückenschmerz

Einzigartiges Großprojekt in Deutschland

Forscher und Sportler im Kampf gegen Rückenschmerz

Von Jens Mickler

Immer wieder müssen prominente Sportlerinnen und Sportler wegen Rückenschmerzen ihre Karriere ruhen lassen oder beenden. Eine Forschergruppe macht ihnen Hoffnung auf ein Ende des Leidens. Auch Nicht-Sportler sollen profitieren.

Die Liste von Spitzensportlern mit Rückenbeschwerden ist lang. Ob Deutschlands erfolgreichster Tischtennisspieler Timo Boll oder Diskuswerfer Robert Harting, ob Rennrodlerin Tatjana Hüfner oder der jamaikanische Superstar Usain Bolt - sie alle plagt ein Leiden: Rückenschmerz. Mehrfach mussten sie deshalb in ihrer Karriere eine zum Teil längere Pause einlegen. Noch schlimmer traf es die Ski-Rennfahrerin Kathrin Hölzl, die im Oktober 2013 ihre Karriere ganz aufgeben musste - wegen Rückenschmerzen.

60 Forscher am Werk

Ein Team von mehr als 60 Forschern will nun dafür sorgen, dass solche Fälle wie der von Kathrin Hölzl möglichst vermieden werden. Sie arbeiten zusammen für das Großprojekt "RanRücken", das vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft initiiert und über acht Jahre mit 13 Millionen Euro gefördert wird. Einer von ihnen ist Dr. Christian Schneider, Sportmediziner und Rückenspezialist einer Klinik in München. Er machte sich mit den Kollegen vor vier Jahren ans Werk, um dem Rückenschmerz den Garaus zu machen.

"Das Wichtige war, dass wir gesehen haben, dass das Thema Rückenschmerz im Sport wirklich existiert und - wenn es auftritt - schlecht behandelbar ist. Es führt häufig zum Karriereende anders als beispielsweise bei Kreuzbandrissen. Mit Rückenschmerzen ist der Hochleistungssport irgendwann unvereinbar", sagt Schneider zu sportschau.de.

Das Ziel der Forschergruppe: die bisherigen Diagnose- und Behandlungsmethoden um einfache und effiziente Alternativen zu erweitern. Projektleiter ist Professor Frank Mayer, Sportmediziner der Universität Potsdam. Der Ansatz des bundesweiten Forschungsnetzwerkes zielt auf ein engeres Zusammenspiel von Gehirn, Rückenmark und Muskeln ab.

Koordination statt Kraft

Die Rücken- und Rumpfmuskulatur soll nicht stumpf auf Kraft trainiert werden, vielmehr steht die Koordination im Vordergrund. "Ohne koordinative Übungen bekommt die Muskulatur vom Gehirn nicht die richtigen Befehle, wird nicht richtig eingesetzt, was auf Dauer zu den Schmerzen führen kann. Hier setzen wir an, indem wir beispielsweise Störreize in Bewegungsabläufe einbauen oder koordinative Übungen entwickeln, die effizient und schnell wirken", erklärt Professor Mayer.

Beispiele für solche Übungen mit Störreizen sind Sprinter, die auf dem Laufband zum Stolpern gebracht werden. Kunsturner, die mit instabilem Schwebebalken am Boden trainieren oder Hürdenläufer, die auf wackeligem Untergrund Sprünge machen. "Solche Übungen sind gut, da sie die Balancierfähigkeit und somit das neuromuskuläre Zusammenspiel stärken", so Mayer.

Langfristige Verhaltensänderung

Zu den zahlreichen weiteren Bearbeitungsgebieten des Projektes zählen auch biopsychosoziale Aspekte, wie Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung, Stress und Stresshormone im Zusammenhang mit der Chronifizierung von Rückenschmerz.

Die beste therapeutische Empfehlung nützt nichts, wenn sie vom Menschen nicht umgesetzt wird. Aus diesem Grund werden in dem Projekt auch konkrete Möglichkeiten und Maßnahmen zur langfristigen individuellen Verhaltensänderung im Nachgang von Behandlungen und zur Prävention entwickelt.

In der Größenordnung einzigartig

Eine Besonderheit des Forschungsprojekts, das in dieser Größenordnung einzigartig ist in Deutschland: Es ist nicht allein auf den Spitzensport ausgerichtet. "Ausgangspunkt war die politische Fragestellung, die von Innenminister Thomas de Maizière ausging: Ist es möglich, dass man die Erkenntnisse aus der Spitzensportforschung auch auf die Allgemeinbevölkerung transferieren kann und umgekehrt: Wie können Synergieeffekte für die Spitzensportforschung und die Gesundheitsforschung geschaffen werden", erklärt Dr. Peter Stehle vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft, der das Projekt steuert.

So werden die speziellen Trainingsmethoden eben nicht nur für Spitzensportler entwickelt, sondern auch für Breitensportler und auch Nicht-Sportler. "Zum Risiko trägt oftmals eine Dysbalance im Bewegungsablauf bei. Die treten aber nicht nur im Sport auf, sondern beispielsweise auch im Supermarkt an der Kasse, wo die Mitarbeiter hundert- oder tausendmal die gleiche Rotationsbewegung machen. Diese hohen Belastungsspitzen im Bereich der Wirbelsäule müssen kompensiert werden", sagt Professor Petra Platen, Sportmedizinerin an der Ruhr-Universität Bochum und  stellvertretende Projektleiterin. So wird an einem Programm gearbeitet, das drei 20-minütige Übungseinheiten pro Woche vorsieht. Es soll ohne große Kosten und Aufwand zu bewältigen und selbst am Arbeitsplatz durchführbar sein.

Große Player im Boot

Als großen Nutzen für das Projekt sieht Peter Stehle, dass nicht nur sportspezifische Einrichtungen beteiligt sind, sondern auch Universitätskliniken wie Heidelberg, Dresden oder die Charité in Berlin, große Player in der Orthopädie und Unfallchirurgie in Deutschland. "Auch die haben ein großes inhaltliches Interesse daran, dass Behandlungsmethoden neu überdacht und entwickelt werden", sagt Stehle.

So wolle man wegkommen vom Vorgehen: Patient kommt mit Rückenschmerzen zum Arzt. Der diagnostiziert einen Bandscheibenvorfall und operiert. Vielmehr gelte es mit Hilfe des RanRücken-Projekts neue Behandlungswege zu finden, um Operationen nur dann durchführen zu müssen, wenn Training keinen Erfolg bringt. Sogar das Flugmedizinische Institut der Luftwaffe ist beteiligt, da auch Soldaten vielfach mit Rückenschmerzen zu kämpfen haben.

Nächste Etappe des Projekts ist es, die Forschungsergebnisse und die entwickelten Übungen den Sportlern als auch den Nicht-Sportlern zu vermitteln. Hier arbeitet das Netzwerk MiSpEx ("Medicine in Spine Exercise") mit Olympiastützpunkten und Sportverbänden genauso zusammen wie mit Ärzten, Kliniken und medizinischen Untersuchungszentren. Sogar an eine Einbindung in Studiengänge ist gedacht. Im November sollen weitere Erkenntnisse und Ergebnisse veröffentlicht werden. Spätestens zum Ende des Projekts im Dezember 2018 wollen die Sportmediziner dann auch Spitzensportler benennen, die für  das Projekt stehen. Der Rückenschmerz soll sich bei ihnen dann bereits erheblich vermindert haben.

Stand: 09.07.2015, 08:00

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