"Amazing" über sein Leben als eSport-Gamer

Maurice "Amazing" Stückenschneider

Der deutsche LoL-Profi im Interview

"Amazing" über sein Leben als eSport-Gamer

Das Computerspiel League of Legends ist der Vorreiter im eSport. Jetzt startet die neue Saison der europäischen Liga in Berlin. sportschau.de hat mit dem deutschen Profi, Maurice "Amazing" Stückenschneider, darüber gesprochen, wie man Gamer wird und wie man es bleibt.

Computerspielen ist längst vom privaten Hobby zum öffentlichen Event geworden. Millionen Menschen zocken nicht nur Spiele wie League of Legends (LoL) vor dem heimischen PC, sie verfolgen auch die professionellen Ligen in Massen. Allein das Finale der LoL-WM vergangenen Herbst in Berlin sahen 13.000 Zuschauer in der Halle und 36 Millionen weltweit im Stream. Nun startet die neue Saison der europäischen Liga LCS, deren Spiele wöchentlich in einem Studio in Berlin stattfinden. Mit dabei: Maurice "Amazing" Stückenschneider. Der 21 Jahre alte Profi aus Bocholt in NRW ist einer der Stars des Mitfavoriten-Teams Origen.    

So funktioniert League of Legends

Bei League of Legends (LoL) spielen zwei Fünfer-Teams um die Vorherrschaft auf einer mit Türmen und Monstern gespickten Karte. Die Spieler entscheiden sich für einen von mehr als 125 Champions mit jeweils individuellen Fähigkeiten. Mit im Spiel verdienten Gold können Gegenstände mit unterschiedlichen Stärken gebaut werden. Die Kombination der Charaktere und Gegenstände sorgt für die taktische Tiefe. Profi-Ligen gibt es in Südkorea, Europa, Nordamerika, China und Südostasien. Die Teams spielen vor Publikum live gegeneinander, zudem gibt es aufwendig produzierte Streams mit Kommentatoren und Analysten. Profi-Gamer können in LoL je nach Region 100.000 Euro und mehr pro Jahr verdienen.

sportschau.de: Amazing, Du bist seit drei Jahren professioneller Computerspieler. Wie wird man überhaupt Profi-Gamer?

Amazing: Man braucht Talent und Zeit. Wenn man gut spielt und in den Einzelspieler-Ranglisten schnell hoch kommt, werden die Profi-Teams aufmerksam. So läuft es normalerweise und so war es auch bei mir. Ich habe mehrere Angebote bekommen, als ich noch einfach so gespielt habe. Dann habe ich bei einem Event vor Leuten gespielt und gemerkt: Ich kann das professionell machen. Damals war ich 19, seitdem bin ich Computerspieler.

Gamer ist sicher nicht der erste Berufswunsch, der Eltern einfällt ...

Amazing: Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Schule schon abgebrochen. Das war aber aus persönlichen Gründen und hatte nichts mit Computerspielen zu tun. Von den Reaktionen meiner Familie war ich positiv überrascht. Sie haben das von Anfang an unterstützt, speziell als sie gesehen haben, wie glücklich es mich macht. Gamer ist kein traditioneller Berufswunsch, aber wenn man Familie und Freunde hat, die auf einem modernen Stand sind, ist das Verständnis doch groß.

Schon mit 20 Jahren bist Du dann in die US-Liga gewechselt. War der Umzug nicht schwierig?

Amazing: Das war definitiv nicht leicht, aber der richtige Schritt. Wenn man auf sich allein gestellt ist, lernt man Dinge über sich, die man vorher nicht kannte. Sportlich gesehen war der Wechsel auch wichtig. Mein Team in Europa hat nicht auf dem Level gespielt, auf dem ich spielen wollte. Außerdem war es ein Angebot von Team SoloMid, dem Vorreiter im Bereich eSport im Westen ...

Quasi das Real Madrid von League of Legends. Was waren die größten Unterschiede, abgesehen von der riesigen Popularität des Teams in der LoL-Welt?

Amazing: Die Infrastruktur der Organisation: Ein extrem engagierter Besitzer, dazu Trainer und Analysten - sie alle nehmen Einfluss auf die Spieler und verbessern das Team. Bis auf wenige Ausnahmen waren sie damals weiter als alle anderen westlichen Mannschaften.

Mittlerweile hat die europäische Liga aufgeholt und Du spielst bei einem der Top-Teams hier: Origen. Am 14. Januar beginnt die neue Saison. Wie sieht Dein Alltag als Gamer aus?

Amazing: Meine Teamkollegen und ich wohnen im Gaming-Haus in Berlin. Normalerweise stehen wir gegen 11 Uhr auf. Nach dem Frühstück wärmt man sich mit ein paar Spielen alleine auf, dann stehen zwei Trainings-Einheiten als Team an. Die dauern jeweils drei Stunden. Zwischendurch gibt es Gespräche mit Analysten und eine Pause. Gegen 22 Uhr ist das Mannschaftstraining vorbei. Dann hat man freie Zeit - oder spielt alleine weiter. Meistens ist das notwendig, um auf dem höchsten Niveau zu bleiben. Alles in allem beinhaltet so ein Tag zehn Stunden Training. Donnerstags und freitags spielen wir dann in der Liga und samstags haben wir normalerweise frei.

Sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag - gibt es Momente, in denen Du sagst, jetzt reicht es?

Amazing: Eigentlich nur, wenn ich mit mir unzufrieden bin. Ich sehe es nicht als Arbeit, es ist immer noch ein Passions-Projekt. Ich hatte schon immer viel Spaß am Wettkampf. Und der Wettkampf in LoL ist extrem stark. Das Kribbeln, das Gefühl, vor vielen Leuten zu performen – das ist einfach unersetzlich und macht mich sehr glücklich. Aber klar, am Ende der Saison muss man schauen, ob man nicht nahe am Burnout ist und eventuell einen Gang zurückschaltet.

LoL hat sich zu dem Sport-Event entwickelt, mit Profi-Ligen in der ganzen Welt. Was macht den Reiz des Spiels aus?

Maurice "Amazing" Stückenschneider (2. von links)

Maurice "Amazing" Stückenschneider (2. von links)

Amazing: LoL spiegelt traditionelle Sportarten mehr oder weniger wider. Die Leute sind mit Fußball und Co. aufgewachsen und vermissen dieses Teamgefühl oft, wenn sie online spielen. Bei LoL kommt es auf diese Koordination mit den anderen und individuelle Fähigkeiten an. Wenn ich es vergleichen müsste, dann ist es ein bisschen wie Basketball. Man spielt fünf gegen fünf, das Spiel ist schnell, es geht hin und her, man muss auf seine Chance warten. Teamwork, Koordination und Kommunikation sind extrem wichtig. Und: Vor allem wenn man sich damit auskennt, ist es sehr spannend zum Zuschauen.

Das sehen offenbar viele Leute so: Bei der WM verfolgten Millionen die Livestreams, Tausende kamen in die Hallen. Was war es für ein Gefühl, da zu spielen?

Amazing: Ich war nicht nervös, sondern es hat mich beflügelt, dass so viele Leute live dabei sein wollten. Wir sind ja ein relativ populäres Team in Europa und wenn die Fans „OG“ (Abkürzung von Origen) schreien und mitfiebern, dann ist das ein extrem gutes Gefühl.

In der LoL-Welt bist Du ein bekanntes Gesicht und hast hunderttausende Follower in sozialen Medien. Wirst Du auf der Straße angesprochen?

Amazing: Nach großen Turnieren oder in meiner Heimat passiert das schon, und über Social Media bekomme ich viele Nachrichten. Ich versuche, soviel wie möglich zu beantworten. Bei Kritik muss man aber halt auch Abstand finden.

LoL hat den Ruf einer relativ anstrengenden Community, das heißt in den hunderttausenden Spielen jeden Tag wird viel beleidigt. Seht Ihr Profis Euch als Vorbilder und wird Euch das vom Hersteller Riot Games eingeimpft?

Amazing: Die Vorbildfunktion sollte jedem bewusst sein. Aber die meisten im eSport sind 17 oder 18 Jahre alt und in keinster Weise erfahren, was etwa Social Media angeht. Daher kann ich verstehen, dass sie nicht so damit umgehen können wie Routiniers. Riot prägt uns das aber ein und wirft uns nicht ins kalte Wasser. Es gibt etwa Medientrainings und man muss mehr oder weniger daran teilnehmen.

Trainer, Analysten, Medientrainings – dazu die aufwendig produzierten Streams. LoL wirkt immer mehr wie eine Sport-Großveranstaltung. Versteht Ihr Euch denn als Sportler?

Amazing: Wir sehen uns nicht als Athleten, aber als Sportler wie etwa Schachspieler. Wir machen nicht jeden Morgen Situps, um unseren Körper zu trainieren. Aber wir trainieren unser Denken und unsere Fingerfertigkeit. Ich würde eSport gerne als eigene Branche behalten, die attraktiv ist und nicht unbedingt konform sein muss.

Ist es ein großes Problem für Dich, dass viele Leute das Thema Gaming nicht ernst nehmen?

Amazing: Ich habe kein Problem, wenn Leute nicht damit vertraut und voreingenommen sind. Problematisch ist, wenn unsere harte Arbeit nicht gesehen wird und alles als Hobby oder Spaß bezeichnet wird. Wir betreiben viel Aufwand und ich möchte nicht, dass der ignoriert wird.

Es scheint, dass Gamer mit Mitte 20 in Pension gehen. Die Reaktionszeit wird dann offenbar länger. Was machst Du in fünf Jahren?

Amazing: Dass ist ein Phänomen, das vor allem für LoL gilt. In anderen Spielen wie etwa Starcraft sind die Leute länger aktiv. In fünf Jahren will ich daher selbst noch spielen, oder ich arbeite als Manager, Coach oder Analyst. Ich werde definitiv im eSport bleiben.

Mit Maurice "Amazing" Stückenschneider sprach Philip Schmid.

Stand: 14.01.2016, 08:30

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