Deutschland feiert nach Elfmeter-Krimi

UEFA Euro 2016, Viertelfinale: Deutschland - Italien 7:6 n.E.

Deutschland feiert nach Elfmeter-Krimi

Von Christian Hornung

Deutschland besiegt Italien in einem unfassbar spannenden Viertelfinal-Krimi nach Elfmeterschießen. Jonas Hector verwandelte mit dem insgesamt 18. Elfmeter den entscheidenden Ball.

"Ich kann es noch gar nicht fassen", jubelte Hector anschließend. "Gott sei Dank sind wir weiter. Nach vorne waren wir vielleicht nicht so entschlossen wie zuletzt, aber es war auch unglaublich schwer gegen die Italiener." Manuel Neuer hatte das DFB-Team zuvor im Elfmeterschießen mit zwei Super-Paraden in der Partie gehalten - nachdem ausgerechnet die erfahrenen Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger die Nerven verloren hatten.

Jonas Hector

Völlig losgelöst: Jonas Hector hat Deutschland ins Halbfinale geschossen.

Joachim Löw war extrem erleichtert: "Ich bin froh, dass wir das Spiel für uns entschieden haben. Die Abwehr hat es super gemacht und fast keine Chance zugelassen. Jetzt wollen wir natürlich auch das Halbfinale gewinnen."

Löws erstaunlicher Taktikwechsel

Löw hatte vor dem Spiel am Samstagabend (02.07.16) in Bordeaux überraschend und ohne Not nicht nur seine Startelf, sondern auch sein System gewechselt - obwohl es in den vier Partien zuvor kein einziges Gegentor und einen klaren Trend zum Positiven gegeben hatte. Der Bundestrainer opferte den beim 3:0 gegen die Slowakei überragenden Offensivmann Julian Draxler für einen dritten Innenverteidiger: Benedikt Höwedes kam in die Mannschaft, die folglich mit Dreierkette begann, um den beiden italienischen Spitzen Graziano Pellè und Éder mehr entgegenzusetzen. Bei den bisherigen Turnieren unter Löw war der DFB nie gut damit gefahren, wenn er seine Taktik derart nach dem Gegner ausrichtete - diesmal blieb sein Coaching-Experiment zum Glück folgenlos.

Löws Kollege Antonio Conte war untröstlich: "Es tut einfach nur weh. Ich bin sehr enttäuscht über das Spiel und unser Ausscheiden, es tut mir extrem leid für meine Jungs." Conte wird die Squadra Azzurra nun verlassen und zum FC Chelsea in die Premier League wechseln.

Khedira verletzt

Die erste Schrecksekunde während der Partie gab es in der 13. Minute. Italiens Giorgio Chiellini zog in einem Zweikampf mit seinem Juventus-Kollegen Sami Khedira voll durch, der Deutsche verletzte sich dabei offenbar an den Adduktoren - und musste schon nach eine Viertelstunde den Platz für Schweinsteiger räumen. Auch Jerome Boateng, der schon beim Aufwärmen Probleme signalisiert hatte und in der Kabine behandelt wurde, griff sich immer wieder an den Oberschenkel - hielt aber bis zum Ende durch.

Das Spiel war zunächst vollkommen geprägt vom Bemühen beider Mannschaften, bloß keine Fehler zu machen und Räume anzubieten. Entsprechend rar waren die Torannäherungen - von Chancen konnte man gar nicht reden. Die einzige halbwegs zielgerichtete Offensivaktion war in der 19. Minute ein langer Ball von Mats Hummels in die Spitze auf Mario Gomez, den der aber nicht verarbeiten konnte. Acht Minuten später köpfte Schweinsteiger die Kugel wieder nach einem präzisen Hummels-Zuspiel sogar ins Tor - hatte aber zuvor Italiens Verteidiger Mattia De Sciglio regelwidrig zur Seite geräumt.

Chance für Müller

Löw schien das Ganze nicht wirklich zu begeistern. "Mehr nach vorn", rief er in der 35. Minute wild gestikulierend von der Seitenlinie aus - allerdings hatte er diese abwartende Haltung mit der Nominierung von acht defensiv orientierten Spielern natürlich auch selbst so vorgegeben. Immerhin: Fünf Minuten vor der Pause lief der Ball erstmals etwas zügiger durch die deutschen Reihen, gelangte über Özil und Kroos zu Joshua Kimmich - doch Gomez köpfte seine gute Flanke weit über das Tor. Kurz danach half bei einem verunglückten Schuss von Kroos der Zufall mit, dass Müller plötzlich in brillante Schussposition kam, doch der traf den Ball nicht richtig.

Von den Italienern kam bis zwei Minuten vor der Pause offensiv nichts, dafür wurde es dann umso gefährlicher. Nachdem Kimmich die Abseitsfalle aufgehoben hatte und Schweinsteiger chancenlos im Laufduell gegen Emanuele Giaccherini war, hatte Stefano Sturaro freie Schussbahn - doch Boateng bekam in letzter Sekunde noch die Fußspitze an den Ball und lenkte ihn so neben das Tor. Im zweiten Durchgang blieb das Bild zunächst gleich, bis Gomez in der 54. Minute an der Strafraumgrenze klasse für Müller ablegte. Dessen Schuss klärte aber Alessandro Florenzi mit einem artistischen Hackentrick für den geschlagenen Gianluigi Buffon kurz vor der Torlinie.

Özil trifft, Bonucci gleicht aus

Die Italiener versuchten es in dieser Phase mit übertriebener Härte in den Zweikämpfen, was der aufmerksame Schiedsrichter Viktor Kassai aber konsequent mit drei Verwarnungen binnen drei Minuten ahndete. Auch die Deutschen hatten eine Bestrafung parat - und was für eine. Über Gomez und Jonas Hector kam die Kugel in der 65. Minute dank eines leichten Abfälschens von Leonardo Bonucci zu Özil - und der jagte den Ball aus vollem Lauf zum Führungstreffer ins Netz. Italien wirkte geschockt, das DFB-Team machte weiter Druck - und hatte Riesendusel, dass Buffon mit einem grandiosen Reflex ein Beinahe-Eigentor des von Gomez bedrängten Chiellini verhinderte.

Doch die Deutschen selbst brachten die taumelnden Azzurri zurück in die Partie. Ausgerechnet der bislang in Weltklasseform aufspielende Boateng verursachte mit einem ungeschickten Einsatz im Strafraum einen Handelfmeter, den Bonucci in der 78. Minute zum Ausgleich verwandelte. Boateng gab zu: "Ich wollte ein Foul vermeiden, deshalb habe ich die Arme hochgenommen. Aber die haben da oben natürlich nichts zu suchen, der Elfer war korrekt." Danach bekamen die Italiener plötzlich Oberwasser, doch Pellè und De Sciglio verfehlten mit ihren Versuchen knapp das deutsche Tor.

Draxler vergibt Matchball

In der Verlängerung hatte dann der für den am Oberschenkel verletzten Gomez eingewechselte Julian Draxler in der 106. Minute eine Riesenchance, setzte seinen Rückzieher aus fünf Metern Entfernung aber Zentimeter über die Latte. Draxler hatte danach auch bei einer der ganz seltenen Konterchancen die Gelegenheit, Müller in den völlig freien Raum zu schicken, spielte den Pass aber viel zu steil. Als Buffon in der 119. Minute dann noch einen Schuss von Özil abwehrte, musste die Entscheidung im Elfmeterschießen fallen.

Bitter allerdings für das Halbfinale am Donnerstag (07.07.16): Hummels ist wegen seiner zweiten Gelben Karte gesperrt, Khedira und Gomez drohen für die Partie gegen Frankreich oder Island mit ihren Verletzungen ebenfalls auszufallen. Khedira betonte aber: "Ich habe immer betont, dass wir alle 23 Mann im Kader brauchen. Aber vielleicht können uns die Mediziner wieder zusammenflicken. Was die Mannschaft aber gezeigt hat, war eines Champions würdig."

Statistik

Fußball · Europameisterschaft 2016

Samstag, 02.07.2016 | 21.00 Uhr

Deutschland

Neuer – Höwedes, Boateng, Hummels – Kimmich, S. Khedira (16. Schweinsteiger), Kroos, Hector – T. Müller, Gomez (72. Draxler), Özil

7

Italien

Buffon – Barzagli, Bonucci, Chiellini (120. Zaza) – Florenzi (86. Darmian), Sturaro, Parolo, Giaccherini, De Sciglio – Pellè, Martins (108. Insigne)

6

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Özil (65.)
  • 1:1 Bonucci (78./Handelfmeter)
  • 1:2 Insigne (122./Elfmeterschießen)
  • 2:2 Kroos (123./Elfmeterschießen)
  • 2:3 Barzagli (126./Elfmeterschießen)
  • 3:3 Draxler (129./Elfmeterschießen)
  • 3:4 Giaccherini (132./Elfmeterschießen)
  • 4:4 Hummels (133./Elfmeterschießen)
  • 4:5 Parolo (134./Elfmeterschießen)
  • 5:5 Kimmich (135./Elfmeterschießen)
  • 5:6 De Sciglio (136./Elfmeterschießen)
  • 6:6 Boateng (137./Elfmeterschießen)
  • 7:6 Hector (139./Elfmeterschießen)

Strafen:

  • gelbe Karte Sturaro (1 )
  • gelbe Karte De Sciglio (2 )
  • gelbe Karte Parolo (1 )
  • gelbe Karte Hummels (2 )
  • gelbe Karte Pellè (2 )
  • gelbe Karte Giaccherini (1 )
  • gelbe Karte Schweinsteiger (1 )

Zuschauer:

  • 38764

Schiedsrichter:

  • Viktor Kassai (Ungarn)

Stand: Sonntag, 03.07.2016, 00:07 Uhr

Stand: 03.07.2016, 00:43

Darstellung: