Deutschland wirft sich aus dem Turnier

UEFA Euro 2016, Halbfinale: Deutschland - Frankreich 0:2

Deutschland wirft sich aus dem Turnier

Von Christian Hornung

Am 31. Januar dieses Jahres hat Deutschland sensationell den Handball-Europameistertitel gewonnen. Die Fußballer werden nicht nachziehen - auch deshalb, weil sie einmal zu oft Handball gespielt haben.

Ein von Bastian Schweinsteiger verursachter Handelfmeter in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit brachte das DFB-Team am Donnerstagabend (07.07.16) in Marseille gegen EM-Gastgeber Frankreich auf die Verliererstraße. Auch im Viertelfinale gegen Italien war das deutsche Gegentor durch einen Handelfmeter gefallen, den Jerome Boateng verschuldete. Im Halbfinale verwandelte EM-Toptorjäger Antoine Griezmann das Elfmetergeschenk - und ließ im zweiten Durchgang auch noch das Tor zum 2:0-Endstand folgen.

"Unnötige Aktion"

Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller

Erste Hilfe: Thomas Müller tröstet Bastian Schweinsteiger nach dem Elfmeter-Gegentor.

Toni Kroos zog dennoch ein positives Fazit: "So komisch das nach einem 0:2 klingt - wir haben unser bestes Turnierspiel gemacht. Wir haben uns sehr viele Torchancen herausgespielt, es fehlte nur etwas die Durchschlagskraft. Der Elfmeter war natürlich eine unnötige Aktion." Manuel Neuer war angefressen: "Das 0:2 ist kein gerechtes Ergebnis. Wir hatten genug Möglichkeiten, in das Spiel zurückzukommen. Aber die Franzosen waren natürlich auch eiskalt. Wir sind ausgeschieden, das ist sehr bitter."

Löw analysierte die Niederlage so: "Wir haben ein Klassespiel gemacht, die Mannschaft ist sehr dominant aufgetreten und hat die Franzosen weit zurückgedrängt. Enttäuschend ist aber natürlich, dass wir kein Tor gemacht haben. Wir hatten einfach nicht das Glück auf unserer Seite." Der Bundestrainer gab aber auch zu: "Der Elfmeter war natürlich unnötig. Und vor dem 0.2 hätten wir den Ball wegschlagen müssen." Doppel-Torschütze Griezmann jubelte: "Das war Teamarbeit. Jetzt werden wir es genießen und das Finale natürlich gewinnen." Frankreichs Trainer Didier Deschamps war erleichtert: "Wir haben das beste Team der Welt geschlagen. Das ist der Lohn dafür, dass wir immer an unsere Spieler geglaubt haben."

Wieder ein neues System

Bundestrainer Joachim Löw hatte im sechsten Turnierspiel bereits die dritte taktische Formation auf den Rasen geschickt. Nach dem klassischen 4-2-3-1 in der Vorrunde und im Achtelfinale und der Dreierkette gegen Italien hatte er sich gegen die Franzosen für ein 4-3-3 entschieden - mit EM-Debütant Emre Can überraschend in der Startelf. Die Idee, Can neben dem kaum mit Spielpraxis gesegneten Schweinsteiger die Mittelfeld-Zentrale anzuvertrauen, erwies sich in den ersten Minuten als kompletter Fehlgriff.

Die ordnende Hand von Kroos, den Löw zunächst von der Sechs auf die Zehn vorgezogen hatte, fehlte dermaßen, dass die Franzosen einen Angriffswelle nach der anderen in Richtung Neuer schickten. Die größte Chance hatte Griezmann, doch Neuer entschärfte seinen Flachschuss bravourös. Dann stellte der Bundestrainer um. Kroos tauschte mit dem hypernervösen Can die Rollen, das Mittelfeld agierte sofort sicherer - und in der Offensive konnte Can plötzlich seine Stärken einbringen. Seine Hereingabe von rechts beförderte Thomas Müller knapp neben das Tor (13.), Sekunden später parierte Hugo Lloris einen Flachschuss des Liverpoolers glänzend.

Schweinsteiger bestimmt das Spiel

Auch Schweinsteiger kam in dieser Phase viel besser ins Spiel und wurde zur bestimmenden Figur auf dem Platz. Mit brillantem Stellungsspiel stoppte er eine ganze Reihe französischer Vorstöße, schloss viele Löcher in der Defensive, aber auch am Offensivspiel beteiligte er sich: Seinen hervorragenden Distanzschuss nach 25 Minuten lenkte Lloris so gerade noch über die Latte. Die Franzosen kamen nach ihrem Sturmlauf vom Beginn spielerisch kaum noch zum Zug und wurden nur durch zwei Freistöße gefährlich - doch die Versuche von Dimitri Payet und Paul Pogba waren kein Problem für Neuer. Erst vier Minuten vor der Pause, als Mesut Özil auf der rechten Seite nicht rechtzeitig aushalf, kam Griezmann noch einmal durch, traf aber nur das Außennetz.

Diese Szene war aber offenbar ein Mutmacher für die Franzosen, die danach wieder mehr Druck ausübten. Ausgerechnet dem bislang so überragenden Boateng unterlief ein kapitaler Stellungsfehler, der Olivier Giroud einen Alleingang Richtung Neuer ermöglichte. Doch Benedikt Höwedes reparierte den Patzer seines Nachbarn mit einem überragenden Sprint samt perfekter Grätsche. Doch noch einmal, und diesmal mit Folgen, brachten sich die Deutschen selbst in Bedrängnis: Jonas Hector verursachte durch zu große Hektik einen Eckball, den Schweinsteiger im Luftkampf gegen Patrice Evra ohne Not mit der Hand klärte - den fälligen Strafstoß verwandelte Griezmann mit dem Pausenpfiff souverän zu seinem bereits fünften Turniertreffer.

Boateng verletzt, Kimmich patzt

Nach gut einer Stunde erhielten die Hoffnungen der Deutschen einen weiteren Dämpfer. Boateng, der sich schon durch das gesamte Turnier mit muskulären Problemen gequält hatte, musste verletzt ausgewechselt und durch Shkodran Mustafi ersetzt werden. Die Abwehr wackelte prompt: Nach ganzen Fehlerkette von Höwedes, Joshua Kimmich und Mustafi wehrte Neuer die Hereingabe von Pogba zu kurz ab - und der überragende Griezmann spitzelte die Kugel in der 72. Minute zum 2:0 über die Linie. Es war der einzige Treffer im gesamten EM-Turnier, den die Deutschen aus dem Spiel heraus kassierten. Die Chance zur Wiedergutmachung verhinderte zwei Minuten später das Aluminium: Kimmichs wunderbar gezirkelter Distanzschuss klatschte nur an den Außenpfosten.

Löw versuchte danach alles. Nach dem eingewechselten Mario Götze sollte in den letzten zwölf Minuten auch noch Turnierdebütant Leroy Sané die Wende bringen. Doch als dessen Schuss Sekunden nach seiner Einwechslung um Zentimeter das französische Tor verfehlte, war irgendwie klar, dass an diesem Abend einfach nichts ging. Ein Kopfball von Höwedes strich in der 83. Minute auch noch knapp über die Latte, in der Nachspielzeit holte Lloris einen Kimmich-Kopfball mit einem Super-Reflex von der Linie. Kurz danach feierten die Franzosen - einen wegen der besseren Chancenverwertung verdienten Sieg und damit den Einzug ins Finale am Sonntag (10.07.16) gegen Portugal.

Statistik

Fußball · Europameisterschaft 2016

Donnerstag, 07.07.2016 | 21.00 Uhr

Deutschland

Neuer – Kimmich, Boateng (61. Mustafi), Höwedes, Hector – Schweinsteiger (79. Sané) – Can (67. Götze), Kroos – Özil, T. Müller, Draxler

0

Frankreich

Lloris – Sagna, Umtiti, Koscielny, Evra – Pogba, Matuidi – Sissoko, Griezmann (90. Cabaye), Payet (71. Kanté) – Giroud (78. Gignac)

2

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Griezmann (45.+2/Handelfmeter)
  • 0:2 Griezmann (72.)

Strafen:

  • gelbe Karte Can (1 )
  • gelbe Karte Evra (1 )
  • gelbe Karte Schweinsteiger (2 )
  • gelbe Karte Özil (2 )
  • gelbe Karte Draxler (1 )
  • gelbe Karte Kanté (3 )

Zuschauer:

  • 64078

Schiedsrichter:

  • Nicola Rizzoli (Italien)

Stand: Donnerstag, 07.07.2016, 23:19 Uhr

Stand: 07.07.2016, 23:07

Darstellung: