Frankreichs Party fällt aus

Antoine Griezmann

Nach dem verlorenen Finale

Frankreichs Party fällt aus

Vor dem Anpfiff haben die Franzosen auf den Straßen von Paris schon gefeiert, doch Portugal verdarb dem Gastgeber die Party. Es passte zu wenig, bei Antoine Griezmann nicht mal die Kleidung.

Im Haus mit der Nummer 87 auf dem Boulevard de Grenelle war das Licht noch eingeschaltet, obwohl die dritte Stunde des Montags (11.07.16) schon angebrochen war. Vor der Haustür fotografierten sich ein paar junge Männer gegenseitig. Die Bilder werden als Dokument dienen, dass sie in einer der traurigsten Nächte des französischen Fußballverbandes vor dessen Sitz in Paris gestanden haben.

"Ich weiß, dass wir eine sehr talentierte Mannschaft haben, die in Zukunft noch einiges erreichen kann. Aber derzeit bin ich zu enttäuscht, nach vorne zu blicken", hatte Didier Deschamps eine gute Stunde zuvor im Stade de France gesagt. Der Nationaltrainer wirkte gefasst, auch wenn er mehrmals betonte, dass die Enttäuschung das "überwiegende Gefühl" sei.

Bester Torschütze blieb blass

Antoine Griezmann schwieg, als er dank seiner sechs Turniertreffer zum besten Torschützen des Turniers ausgezeichnet wurde. In Trainingsjacke, Stoffhose und feinen Lederschuhen war der französische Offensivspieler auf das Podium gekommen, und er verließ es mit der gleichen bitteren Miene wieder.

Wie seine Kleidung, war auch das Spiel seine Mannschaft nicht stimmig gewesen. Der rechte Plan fehlte, um hinter oder zwischen den engen Ketten der Portugiesen Platz zu finden. Ab und zu gelang es, auch Griezmann hatte mit einem Kopfball aus sieben Metern eine wunderbare Chance. Doch der Abend endete trostlos. Der Star der anderen Mannschaft triumphierte, obwohl Ronaldo schon lange vor der ersten Halbzeitpause ausgewechselt werden musste.

Während die Konfettikanonen ihre Ladung über die Portugiesen abfeuerte, schlichen les Bleus umher und bedankten sich bei den Anhängern, die höflich applaudierten.

Viele Dinge liefen falsch

Griezmann und auch Hugo Lloris, der Torwart, sagten in Interviews, dass sie zu schludrig mit ihren Chancen umgegangen seien. Das war nur ein Teil der Wahrheit, denn bei Frankreich liefen zu viele Dinge falsch. Olivier Girod war als Stürmer nur 24 mal am Ball und fand kaum Bindung zu seinen Mitspielern. Griezmann pendelte zwischen dem Angriff und der zentralen Position dahinter, war eifrig und kam ab und an auf Hochtouren, aber die Leistungen in den vorangegangenen Spielen hatten mehr versprochen.

Die große Enttäuschung in der Mannschaft von Frankreich war jedoch Dimitri Payet. Er spielte viele Fehlpässe, wirkte gehemmt, fremd in der eigenen Mannschaft. Hatte das etwas mit seinem Foul zu tun, das Ronaldo zur Auswechslung zwang? "Das glaube ich nicht", sagte Deschamps, der stattdessen einen zu hohen Kräfteverschleiß ausgemacht hatte beim Sieg gegen Deutschland drei Tage zuvor. "Ich will aber nicht nach Entschuldigungen suchen", sagte der Trainer und wiederholte, dass "wir nicht ganz so frisch waren".

Ernüchterung statt Party

Am Nachmittag waren noch Hupkonzerte in der Stadt zu hören gewesen. Paris feierte, als sei der Sieg gewiss, doch durch das Tor von Éder kam die große Ernüchterung. Nachts blieben die Straßen leer, die Fahnen wurden eingerollt, die Schminke in den Gesichtern war zerlaufen. Weder 1998 bei der Weltmeisterschaft noch 1984 bei der Europameisterschaft hatten die Franzosen ein Spiel bei einem Turnier zu Hause verloren. Als die EM 2016 nach Frankreich vergeben wurde, sah die Idealvorstellung so aus, dass der UEFA-Präsident Michel Platini, Kapitän der Mannschaft von '84, den Pokal an seine Landsleute überreicht. Doch Platini ist vorübergehend aus der elitären Fußballfamilie ausgestoßen, weil er gegen Ethikregeln verstieß. "Danke für alles, Michel", wurde auf den Leinwänden eingeblendet, als Ronaldo aufs Feld humpelte, um zu feiern. Den Humor haben die Franzosen behalten.

Stand: 11.07.2016, 10:30

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