Tagebuch - Richtung Heimat

Tagebuch

Tägliches aus dem DFB-Quartier

Tagebuch - Richtung Heimat

Von Marcus Bark (Paris/Marseille/Évian)

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist von ihrer Reise zur Fußball-EM in Frankreich wieder zurück. Wir sind noch dabei und führen Tagebuch.

Montag, 11. Juli 2016

Rastplatz in Belgien. Kaffeeautomat als Glücksspielautomat. Je nach Klick kostet der Milchkaffee 2,50 Euro oder 3,40 Euro. Ha! 2,50 Euro erwischt. Geld rein. Kein Kaffee. Neuer Versuch. Abbruch. Wut. Das Ding spinnt einfach nur.

Noch 350 Kilometer bis zu Hause. Im Bus pling, pling, pling, pling. Die Vorbereitungen auf die Rückkehr werden per Textnachrichten getroffen, ganz Verrückte telefonieren sogar.

Mehr als 56.000 Zeichen stehen jetzt im Tagebuch. Dabei fehlen ein paar Einträge. Die vom Smartphone, in der Luft geschrieben. Oder die aus einem anderen Dokument. Ordnung ist das halbe Leben. Die andere Hälfte ist schöner.

Knapp sieben Wochen sind es jetzt. Ascona, Évian, Lille, Paris, Bordeaux, wieder Paris, immer wieder Évian, dann Marseille, ein letztes Mal Paris. Rastplatz Belgien, Köln, zu Hause. War ’ne schöne Zeit. Für manche Kollegen eine ganz schlimme Zeit. Ihnen weiter alles Gute! Alles andere ist nur Fußball. Au Revoir.

Sonntag, 10. Juli 2016

Spiel 51 steht an. Das letzte. Ein paar Stunden vorher Premiere. Die erste Flagge, die am Autofenster klemmt. Paris hat sich in drei Farben geschmissen und putzt sich noch ein bisschen heraus. Die Müllabfuhr fährt sonntags durch die Straßen, die von Griezmännern gefüllt sind. Vor der Cathédrale Notre Dame de Paris der übliche Touristenauflauf. Rush hour hop on, hop off.

Ein Fan der Equipe tricolore lehnt sein Fahrrad, die L'Equipe unter den Gepäckträger geklemmt, dreht sich eine Zigarette und den Massen den Rücken zu. Subtiler ist kaum zu zeigen, was er den Portugiesen wünscht. Auf dem blauen Trikot prangt die 5 und darüber der Name Dellas. Die letzte namhafte und wahre Nummer 5 der Fußballgeschichte ist Koloss von Rhodos genannt worden, obwohl er aus Thessaloniki stammt. Rehhagels Libero war eine der prägenden Figuren, als Griechenland 2004 die Europameisterschaft gewann. Das war das neunte Weltwunder. Gegner im Endspiel war Portugal, der Gastgeber.

An diesem Sonntag hat Portugal auf dem Papier Heimrecht gegen den Gastgeber, der siegesgewiss ist. Schon am Nachmittag fahren die Autos hupend duch die Straßen. Dellas dreht sich um, als er merkt, dass auch er eine kleine Attraktion geworden ist. Er breitet die Arme aus und brüllt: "Allez les Bleus!" Notre Dame erwidert und läutet die Glocken. Doch um kurz vor Mitternacht knipste Portugals Eder die Party dann aus.

Samstag, 9. Juli 2016

Frankreich im Finale der EM. Die Tour quält sich über den Tourmalet. Bei der L’Equipe muss die Hölle los sein. Nö. Großraumbüro nahezu leer. Die Führung gibt es kostenlos. Im siebten Stock das Fernsehen. L’Equipe21 ist ein ständiger Begleiter gewesen. Beim Durchzappen immer hängen geblieben, wenn Johan Micoud im Studio saß. Le Chef. Studio ist jetzt leer. Auf dem großen Monitor eine Grafik. Vergleich zwischen Ronaldo und Griezmann. Auch die Zeitung macht damit auf. Frei übersetzt in die deutsche Fußballerfloskelsprache heißt die Schlagzeile: Auf Augenhöhe.

Der Kollege, der die Führung durchs Haus übernommen hat, entschuldigt sich mehrfach für die Formulierung, weil sie so abgehoben klinge. Geht schon klar, die L’Equipe als Bibel zu bezeichnen. Gut 20 Seiten müssen gefüllt werden, die allein das Finale der EM beleuchten. Neun Journalisten sind direkt bei der französischen Mannschaft, das Team Portugal wurde auf drei aufgestockt. "Ich liebe Deutschland“, sagt der Kollege im Aufzug. Özil sei ein wunderbarer Spieler. Er freut sich aber auch, dass Özil schon zu Hause ist.

Die App für die Metro ist große Klasse. Zweimal umsteigen, 43 Minuten bis zum Bataclan. Frau und Mädchen, vermutlich Mutter mit Tochter, suchen auch. Blumen in der Hand. Da ist es. 89 Tote. Weggeballert, weil … Ja, warum? Irre.

Jacques wäscht neben dem Bataclan, das im November neu eröffnet werden soll. Ein Jahr ist es dann her. Sieben Kilogramm Wäsche für 7,90 Euro."Ich war damals in Japan, aber mein Bruder hat es hautnah miterlebt.“ Jacques Bruder heißt Robin, ist 21 Jahre alt, kommt ins Erzählen: "Ich saß mit meiner Mutter im Wohnzimmer. Wir wohnen fast nebenan. Es war so schlimm.“ Etwa zehn Polizisten seien in den Tagen nach den Anschlägen ins Haus gezogen. Einen Monat später waren sie wieder weg. Alles wieder normal. Sagt Robin.

Endspiel für ihn in der Fanzone. Da war er noch nicht, jetzt will er hin. Frankreich hofft auf den Titel, auch weil es so gerne feiern würde. "Die Probleme haben Pause“, sagt Robin. Je länger die Feier, desto länger die Pause. Fußball betäubt. Menschen im Selfie-Koma am Sacre Coeur. Bieten sich ja auch an, die Treppen. Einen Eiffelturm gibt es schon ab einen Euro. Acht Soldaten und eine Soldatin gucken auch vorbei. Sie ist die Schnellste: "No Foto, no Foto!“ Ist ja schon gut. Die Souvenirläden sind im Fußballrausch. Payet hängt da, Matuidi auch, aber durch die Straßen läuft nur Griezmann. Menschen im Griezmann-Koma.

Freitag, 8. Juli 2016

Gleis E, 10.06 Uhr, ab nach Paris. Der TGV zeigt, wie ähnlich sich Frankreich und Deutschland sind. Rauscht mit mehr als 300 Stundenkilometern durchs Land, ohne WLAN und mit fürchterlich langsamer Mobilverbindung. Schnellstes Funkloch der Welt. Egal, die Texte gehen raus. Deutschland raus, mehr Texte raus. Only bad news is good news.

Zwischendurch mal ein Blick raus. Heuballen. Kühe. Bahnschranken. Felder. Viele, weite Felder. An einer Burg brummt Herbert Watterott etwas von Salami und sonstigen Leckereien, von Schlossherren und Teufelslappen. Memories. Eine Etappe im Zeitraffer.

Nachmittags ziehen die Männer in dunklen Anzügen Bilanz. Alles toll, alles super. Sie denken an Platini. Sie danken Platini. Alles halt dumm gelaufen mit diesen paar Millionen. Die UEFA stellt sich neu auf. Transparent, besser, alles wird gut. Kein Ding.

Spaziergang an der Seine entlang. Kein Entrinnen vor den Kollegen. Die Deutsche Welle schaltet von der Pont de Bir-Hakeim. Eiffelturm im Hintergrund. Menschen im Selfie-Koma müssen mal für einen Moment an die Seite treten. Aber das Rahmenprogramm ist auch gut. Hochzeitspaare auf der Brücke unter der Metro-Strecke. Es klickt und klickt und klickt. Stadt der Liebe.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Wer 1852 anfängt, eine Kirche zu bauen, sollte 2016 fertig sein. Aber bei großen Kirchen ist es wie bei einem Garten. Ist das Unkraut beim am Zaun des faulen Nachbarn entfernt, muss der Strauch geschnitten werden. Dann wird der Rasen gemäht, dann die Randsteine gekärc … Stopp, keine Werbung. Die Randsteine werden mit einem Hochdruckreiniger aus dem Betonbett geschossen. Dann ist auch das Unkraut am Zaun schon wieder gewachsen.

Deshalb sind große Kirchen immer eingerüstet oder zugehangen oder beides. Oder es steht ein Kran davor. Hauptsache, das Foto wird gebombt. Ist bei der Cathédrale Sainte-Marie-Majeure de Marseille, die laut Wikipedia meist Cathédrale de la Major genannt wird, nicht anders. Dafür gibt es einen freien Blick auf das Museum Mucem, in dem gerade eine Ausstellung von Picasso gezeigt wird. Der Blick auf das Riesenrad im alten Hafen ist auch frei, auf den Hügel mit der Wallfahrtskirche Notre-Dame de la Garde, auf den Himmel sowieso. Marseille hat das feinste Kleid angezogen für das feinste Spiel, das diese Europameisterschaft bislang zu bieten hat.

Die französischen Zeitungen trommeln mächtig. Tag des Ruhmes. Nacht des Sieges. Solche Zeilen halt und viel Bleus.

In der Nacht dann noch mehr Bleus. Dazu Dauerhupen. Frankreich feiert. So wie es aussieht, ausgelassen und friedlich. Kollege Chaled macht sich in Paris bereit. "Habe Bier eingekauft und kaltgestellt. Wegbeschreibung kommt per Mail." Sehr guter Mann.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Dieses Vogelgezwitscher wird fehlen beim Frühstück. Kam immer aus dem grünen, kleinen Kasten. Bestimmt schweineteuer. Bringt überhaupt nix. Soll die Vögel davon abhalten, Rührei von den Tellern zu picken. Aber so blöd sind die Vögel nicht. Die picken munter drauf los, während die Gäste Kaffee und Orangensaft holen.

Nach vier Wochen Évian die einfachste Art, neue Hotelgäste zu erkennen: Sie holen erst das Essen, dann den Kaffee und Orangensaft, dann schimpfen sie auf die Vögel und dann auf die grünen Kästen. Tschüss, Évian.

Hallo Marseille. Verdammt heiß. Verdammt windig. Zum Glück. Marseille, du hast eines der schönsten Tore jemals gesehen. Blauer Himmel, noch kein Dach. Die Argentinier in Himmelblau und Weiß, die Holländer in Oranje, Dennis Bergkamp in Blond. Was für ein Tor! 18 Jahre her. Özil und Götze dürften das auch hinkriegen, aber auch Griezmann. Offenes Spiel. Sagen alle. Sagt Löw. Sagt Deschamps. Zwitschern die Vögel aus den grünen Kästen.

Dienstag, 5. Juli 2016

Eine runde Sache. Am ersten Tag hat es Penne all’arrabbiata gegeben. Am letzten in Évian gibt es Penne all’arrabbiata. Selbes Restaurant. Selber Rotwein. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Ein Monat Genfer See. Schreibtisch aufräumen. Also wegschmeißen. Statistiken über abgeblockte Schüsse, überspielte Gegner (PACKING!), Eckstöße bei Südwind und Fehlentscheidungen während der Zeit, in der nordirische Fans "Will Grigg’s on fire" singen. 1,437 Prozent des deutschen Internets ausgedruckt. Mindestens.

Vor der Penne noch Kofferpacking. In der Theorie. In der Praxis wird es natürlich auf morgen früh verschoben. Morgen ist auch noch ein Tag. Morgen ist Marseille.

Montag, 04. Juli 2016

Do not disturb - Bitte nicht stören! Hä? Wie ist das Schild an die Zimmertür gekommen? Oh. Falscher Stock. Wird langsam Zeit. Noch sieben Einträge und der Rest von diesem. Ideen? Sind ein hohes Gut. An diesem Montag wird die Idee geschenkt. Aber sie umzusetzen, ist keine gute Idee. Sonst ist die Idee auf dem Markt und wird geklaut. Wer keine Ideen klaut, lügt. Idee auf Wiedervorlage. Ein Tag vor dem Finale ist gerettet.

Verletzungen und Sperren sind schlecht für die Spieler und den Trainer. Für andere sind sie ein Geschenk. Es braucht keine Grundidee mehr. Wer kommt rein? In welche Kette? Text ist Pflichtprogramm.

Jetzt die Abbitte. Passt in den Montag, denn sie hupen auch nach Mitternacht. Hupkonzert und Autokorso in Évian. Der Kurort hat den Fußball entdeckt, die Europameisterschaft. Noch drei Tage bis zum Halbfinale. "Frankreich weghauen", sagt einer. Er lacht und setzt mit der Hand an, als sei es eine Axt. Er heißt Zaza. Aber nicht wirklich. Er hat mit der Idee zu tun. Sie schlummert im zweiten Stock.

Sonntag, 3. Juli 2016

Socken werden knapp. Zeit für die Wäscherei auch. Halbfinale in Marseille. Besser mal drei Paar kaufen. "Heute ist Sonntag", sagt der Kollege. Da fehlen Argumente gegen. Wochentage sind nach vier Wochen Frankreich nur etwas zum Durcheinanderkommen.

Jonas Hector großes Thema. Vor sieben Jahren noch Aufstieg mit dem SV Auersmacher in die Oberliga, jetzt von Kurfürst Poldi in den Kölner Hochadel erhoben. Bilder aus den alten Dorfplatztagen wären toll, vor allem der Umzug nach dem Aufstieg mit Blaskapelle.

Anruf im Vereinsheim. Hilfe in Sicht. Aber später: "Isch koch’ gerad für die zweite Mannschaft." Da fehlen Argumente gegen.

Abends Frankreich gegen Island. Der deutsche Gegner wird gesucht. Hu! Das brüllen jetzt alle. Wie Will Grigg's on fire. Wie You'll never walk alone. Brüllen ist so gar nichts für Évian. Weder sonntags noch mittwochs noch irgendtags.

Samstag, 2. Juli 2016

Spaziergang am Ufer der Garonne entlang. Wunderschönes Bordeaux. Lief das schon in der Reihe des WDR? Falls nicht, wäre es eine gute Idee.

Stadt ist voll. Samstagseinkauf. Dazu die Fußballfans, deutsche und italienische. Die Cafés sind voll. Die Restaurants sind voll, das Essen ist gut. Aber die wenigsten Restaurants haben einen Fernseher. Dabei beginnt doch die Tour de France. Soooo wichtig ist die erste Etappe ja nicht, und soooo groß ist das Interesse auch nicht. Aber Le Mont Saint-Michel ist höchst interessant. Da endete die erste Etappe des Wohnmobilurlaubs 2012. Traumhaft, dieser Hügel im Meer. Weniger als 100 Menschen wohnen zu Fuße der Abtei, aber etwa 3,5 Millionen Menschen kommen jedes Jahr zu Besuch. Durch die Bretagne, Cap Frehel, weiter nach La Rochelle, natürlich Dune du Pilat, kurz vor Bordeaux dann ab auf den Rückweg, Richtung Paris, Disneyland. Bei der EM wäre ein Umweg über Marseille nötig.

Deutschland wird ihn gerne beschreiten. War ja ganz spannend. An dem Abend, an dem Jonas Hector der Welt gezeigt hat, dass es Jonas Hector gibt.

Freitag, 1. Juli 2016

Einmal quer rüber. Die Flüsse. Die Seen. Die Berge. Ein Traum. Obwohl? Der Tag vor dem Start der Tour de France. Darauf haben die Franzosen wirklich gewartet. Diese Berge. Was für ein Albtraum. Wie kann jemand da mit dem Fahrrad drüber wollen? Über so viele Berge? Über mehrere Wochen?

Fußballer sehen die Berge am frühen Abend. Vom Flughafen direkt ins Hotel. Abschlusstraining noch in Èvian. Daher in Bordeaux weniger Fahrerei, weniger Stress, weniger Zeit, die es irgendwie rumzukriegen gilt vor dem Viertelfinale.

Löw und Özil müssen noch einen kleinen Umweg nehmen. Pressekonferenz. Bundestrainer bleibt dabei: kein Trauma. Özil bleibt dabei: kein Redner. Zuversicht ist groß. Geheimniskrämerei ist groß. Baguettes im Bürocontainer bleiben pappig.

Bordeaux ist bestimmt eine schöne Stadt. Morgen dann mal gucken. Im Container läuft Belgien gegen Wales.

Donnerstag, 30. Juni 2016

Faul vor Ort. Das Tagebuch daher heute mit Diktierfunktion. Spät dran, weil zweistündige Schreibblockade. Schlimm, so etwas. Vor allem der Glaube, beim nächsten Kaffee zündet's, geht auf die Gesundheit.

An diesem Donnerstag 20 Jahre Erstkommunion des Neffen. Nach der Sahnetorte Bier und Golden Goal. Bierhoff macht's. An diesem Donnerstag Tag 14 Jahre Finale Yokohama. Kahn lehnt am Pfosten. Ronaldo strahlt. An diesem Donnerstag vor zwei Jahren Eistonne. Deutschland ohne Torwart, dafür mit Libero. Weltmeister gurkt sich gegen Algerien weiter. Spielblockade, danach zündet es bis Rio. An diesem Donnerstag vor 100 Jahren 30. Juni. Irgendwas is' ja immer.

Pressekonferenz mit Boateng und Kroos. Beide zuversichtlich. Bereit für Italien. Boateng sucht die Musik aus.

Mail von Facebook. Paul S. hat heute Geburtstag. Faul vor Ort. Anruf statt Post in die Chronik. An diesem Donnerstag vor 20 Jahren war das normal. Zum Glück gibt's das heute noch. Golden Goal konnte schon damals weg.

Mittwoch, 29. Juni 2016

Orangenbaumblätter liegen da nirgends. Da sind auch keine 20 Kinder, da ist nur ein Grill. Aber das ist zweifelsfrei ein Haus am See. Peter Fox würde es vermutlich auch gefallen, selbst wenn kitschige Herzen in die Blendläden gesägt wurden.

Der Grill steht neben dem Haus auf dem kleinen Stück Wiese, auf der anderen Seite lehnt ein Besen am Haus. Seit fast vier Wochen das gleiche, wunderschöne, traurige Bild. Das Haus am See ist verlassen. Die Frage, warum, stellt sich jeden Tag, aber es bleibt keine Zeit, ihr nachzugehen.

Ist wieder Training. Jonas Hector hat eine Erkältung, bleibt im klimatisierten Hotel. Aber das juckt keinen. Soll auch nix Wildes sein.

Italien. Fluch. Trauma. Buffon. Conte. 2012 Warschau. Darum geht es jetzt nur noch. "Ich kann keine Nudeln mehr sehen", sagt Andy Köpke auf die Frage, ob auch das Essen schon auf das Viertelfinale abgestimmt worden sei.

Köpke ist Bundestorwarttrainer. Knallt den Torhütern jeden Tag die Bälle auf die Bude. Oder er knallt die Bälle auf eine Wand, die Torhüter müssen die Bälle dann fangen. Andy Köpke hat einen geilen Job. Kaum Verantwortung, gutes Gehalt, Arbeitszeiten im Rahmen. So das Klischee. Ist das so? Wäre Andy Köpke vielleicht jetzt lieber zu Hause bei seiner Familie? Wäre er gerne einer, der mehr bestimmen darf? Ist er einer, der gerne mal drüber reden würde? Im Haus am See, bei einem Glas Rotwein? Wäre mal schön. Wird aber nicht passieren.

Dienstag, 28. Juni 2016

Endlich wieder Champions League. Die 25. Saison hat begonnen. Vier Spiele der ersten Qualifikationsrunde. Sollte sich The New Saints Football Club gegen Tre Penne Galazzano durchsetzen und bis ins Finale spielen, hätte er quasi ein Heimspiel. Am 3. Juni 2017 wird im walisischen Cardiff der Nachfolger von Real Madrid gekürt.

Tre Penne hört sich wie ein Nudelgericht aus Italien an, ist aber San Marino. Llansantffraid-ym-Mechain hört sich an wie Eintopf, ist aber ein Ort in Wales nahe der Grenze zu England. Die Saints sind ein Fusionsklub, den anderen Teil hat der Oswestry Town FC aus der Grafschaft Shropshire beigesteuert. Oswestry ist ein Ort in England nahe der Grenze zu Wales. Wie das alles mit den Bestimmungen der UEFA vereinbar ist, sollen andere Menschen klären.

Wimbledon ist ein Stadtteil von London, was wiederum eine große Stadt in England ist. Donald Trump wird das nicht wissen. Dafür weiß er, dass in Wimbledon Tennis gespielt wird. Jetzt gerade wieder. Évian, die kleine Stadt am Genfer See, ist auch vertreten, abgefüllt in Plastikflaschen und als Erfrischung in den Pausen.

Einige Nationalspieler brauchen auch viel Wasser. Beachvolleyball im Freibad, anstrengende Sache bei praller Sonne. Joachim Löw ist wieder gut drauf. "Italienischer Espresso?", fragt er die junge Frau vom Sponsor mit dem großen M und den schottischen Vorfahren, die ihm serviert.

Italien? Kein Trauma. Italien 2012? Auch mein Fehler, aber alle nicht gut draufgewesen, außerdem nützlich bei der WM. 20 Jahre Oliver Bierhoffs Golden Goal? Er nervt damit. Löw ist ein Bundesentertainer geworden.

Um 20.12 Uhr endlich das erste Tor. Scott Quigley trifft für die New Saints aus Llansantffraid-ym-Mechain. Er ist ein Vollblutstürmer, hat im walisischen Ligapokalfinale gegen Bala Town 2015 zwei Tore erzielt. Bala Town ist ein Klub aus Bala, was sich furchtbar langweilig anhört. Die walisische Version klingt hingegen nach Champions League: Clwb Pêl Droed Bala.

Montag, 27. Juni 2016

Was ist denn sonst noch so los außer Italien oder Spanien? In den Nachrichtenagenturen finden sich jeden Tag Schätze. "Wie die Leibniz-Gemeinschaft am Montag mitteilte, handelt es sich bei Oodera leibnizi um eine aus Südostasien stammende Erzwespe", meldet die Deutsche Presse-Agentur um 17.02 Uhr. Der Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz, der von 1646 bis 1716 lebte, ist mit reichlich Verspätung, aber vollkommen zurecht nun stolzer Namensgeber für eine neu entdeckte Wespenart geworden. Der Pollenbericht sagt den mäßigen Flug von Gräserpollen voraus, das Seehund-Baby Rena hat Glück gehabt, denn es wurde, allein gelassen von seiner Mutter, gefunden und wird nun mit fettreicher Nahrung aufgepäppelt.

Um 19.52 Uhr schickt der Sport-Informationsdienst die Eilmeldung heraus, dass Italien der Gegner Deutschlands im Viertelfinale sein wird. Ein paar Sekunden später geht die Bilanz auf den Sender, dass Deutschland noch nie bei einem wichtigen Turnier gegen Italien und so weiter. Vielleicht wird das Seehund-Baby Rena Zeuge eines historischen Abends werden. Noch fünf Tage bis Bordeaux.

Was ist so los mit den deutschen Spielern? Schweinsteiger schießt im Training ein Eigentor, Götze verwandelt einen Elfmeter wie Panenka, Löw gibt den Dienstag frei.

Abends noch England vs Island, dann Heimatkunde Ruhrpott mit Schimanski. Welches Tier würde zu seinem Namen passen?

Sonntag, 26. Juni 2016

Bordeaux also dann. Viertelfinale gegen Italien oder Spanien. Oh, Fußball, soviel kannst du gar nicht falsch machen, als dass da keine Freude aufkommt.

Souveränes 3:0 gegen die Slowakei, bestes Spiel seit der WM. Österreicher fragt Löw, was er im wärmeren Süden anziehen wird. Löw weiß es noch nicht. Österreicher weiß nicht, was er mit der Antwort anfangen soll.

Morgens Flohmarkt in Lille-Wazemmes. Wird gesagt. Ist aber ein Markt. "Only rubbish“, sagt der Mann an der Rezeption. Die Info kommt zu spät, stimmt aber. Batterien, Handyhüllen und sowas. Nicht mal eine Single von Gilbert Bécaud.

Ab zum Fanshop des Lille OSC. Auftrag aus der Heimat. Auswärtstrikot der vergangenen Saison. Schönes Ding, und dann auch noch ein Schnäppchen. Ausrüsterwechsel. Aber der Fanshop hat geschlossen. Sonntag ist Sonntag für den LOSC, selbst wenn alle Schuhläden der Stadt geöffnet haben und tausende Fußballfans in der Stadt sind.

Weiter zum Bahnhof. Mal gucken, ob sie wieder da sind. Tatsächlich. Reichskriegsflagge hängt wieder an derselben Brasserie wie zwei Wochen vorher. "Wissen wir", sagt die Polizei. "Filmen alles", sagt die Polizei. "Greifen erst ein, wenn es Randale gibt", sagt die Polizei. Bleibt alles ruhig. Zurück nach Évian.

Samstag, 25. Juni 2016

Die Liste wird länger. All die Vertrösteten, die auf den versprochenen Anruf warten, vermutlich aber schon lange wissen, dass das nichts wird während des Turniers, das jetzt endlich was von Turnier hat.

Geht gleich mit einem Elfmeterschießen los. Handy aufs Gepäckband, Stream läuft. LTE for the win. Gepäckband rollt an. "Lass liegen!" Polonaise ums Gepäckband. Völlig nüchtern. Alle bekloppt.

Wieder Lille. Aber neuer Rasen. Löw sagt am Nachmittag in das Sportschau-Mikro, dass Boateng spielen kann. Neurogene Wadenverhärtung hat sich verzogen. Sieht morgens noch ein bisschen anders aus. Müller-Wohlfahrt knetet die Wade, Müller-Wohlfahrt spricht mit Löw, Löw fasst sich an den Kopf. Alles falsch gedeutet?

Abends Pressekonferenz. Mitarbeiter der UEFA schaltet das Spiel von Wales weg auf den Kanal mit Hinweisen zur Simultanübersetzung. Merkt keiner.

Freitag, 24. Juni 2016

Erste Push-Meldung des Tages: Brexit-Lager liegt in Führung. Blöd, aber trotzdem nochmal umdrehen, 5.25 Uhr. Um 7.10 Uhr die Gewissheit, dass dieses Europa, das gerade in Frankreich seine Fußballmeisterschaft austrägt, besser den ganzen Tag liegen geblieben wäre.

Die Meisterschaft ruht weiter. Dafür trainiert die Mannschaft wieder, die deutsche. Zwei Spieler sprechen danach. Joshua Kimmich hat einen Abischnitt von 1,7, Manuel Neuer hat ein paar Allergien. Klingt deshalb verschnupft, nix Wildes. Die neurogene Wadenverhärtung von Jérôme Boateng ist da eine andere Nummer. Einsame Runden mit Müller-Wohlfahrt, dem vermutlich schnellsten 73 Jahre alten Mannschaftsarzt der Welt.

Einsatz Boateng weiter offen. Aber kein großes Thema. Zum einen ist es die Slowakei, zum andern ist Brexit. Statt Fußball abends Rugby. RC Toulon gegen Racing 92. Finale der höchsten französischen Liga, das öffentlich-rechtliche France 2 überträgt live. Sympathien ganz klar bei Racing wegen der schöneren Trikots. Außerdem beim Einlaufen mit Sakkos statt Trainingsjacken. Tres chic.

Das Stade de France ist in der Regel Austragungsort des Endspiels, aber das ist gerade belegt. Montag Italien vs. Spanien in Saint-Denis. Gespielt wird deshalb in Barcelona. Camp Nou, volle Hütte. In der Halbzeitpause dann doch ein bisschen Fußball. Interview mit Eric Abidal. Schön, ihn so gesund zu sehen.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Das Deutsch-Französische Jugendwerk hat ein kleines Wörterbuch herausgebracht. Aus naheliegenden Gründen werden darin "anlässlich der EM 2016" Fußballbegriffe vom Deutschen ins Französische und umgekehrt übersetzt. "Ausscheidung" etwa heißt "élimination", was in der zweiten Auflage eventuell ein bisschen flüssiger laufen könnte.

"Deux pleds" ist ein bisschen frei übersetzt, denn da steht "gestreckte Beine", obwohl es "klassische Waldhof-Schule" heißen müsste. Aber ein ganz nettes Heftchen, auch wenn die Übersetzungen für abkippen, Mannorientierung und neurogene Verhärtung in der Wade fehlen.

Boateng arbeitet weiter gegen die Verhärtung, verteidigt weiter seinen Style und verteilt Sonnenbrillen an Sami Khedira und Julian Draxler, die sich artig in den Sozialen Netzwerken bedanken. Spieler haben einen freien Tag. Spielen Golf, spielen Beachvolleyball, liegen am Pool, schlendern durch Évian.

Trainer arbeiten. Analyse. Die Slowakei wartet im huitiéme de finale, auf das ein quart de finale, ein demi-finale und das Endspiel folgen sollen, das auf Französisch finale heißt, was kaum überrascht. Abends an den See. Wie alle. Endlich heiß. Alle stöhnen. Sonnenbrille Pflicht. #defendyourstyle

Mittwoch, 22. Juni 2016

Tag der Zwiebelringe. Ist so. Steht im Internet. Außerdem Tag des antifaschistischen Kampfes in Kroatien und Tag des Schokoladen-Éclairs. Zwiebelringe und antifaschistischer Kampf gehen klar, aber für Schokoladen-Eclairs muss wieder die Suchmaschine bemüht werden. "Längliches, glasiertes und gefülltes Gebäck aus Brandmasse. Die Füllung kann aus Erdbeer-, Himbeer-, Kaffee-, Schokoladen-, Vanillecreme, Sahne oder Pudding bestehen. In Deutschland ist das Éclair auch als Liebesknochen, Hasenpfote oder Kaffeestange bekannt."

Am Tag des Liebesknochens wird bekannt, dass Jérôme Boateng beim Spiel gegen Nordirland eine neurogene Verhärtung in der rechten Wade erlitten hat. Watt?

Google angeschmissen. Erster Treffer führt auf die Seite netzathleten.de, die dieselbe Frage stellt: "Neurogene Muskelverhärtung – was ist das?" Sie gibt allerdings auch eine Antwort. "Bei der neurogenen Muskelverhärtung wird der Muskel vom motorischen Nerv nicht richtig versorgt. Schuld daran sind strukturelle oder funktionelle Störungen im Lendenwirbelbereich oder der Iliosakralgelenke." Danke. Reicht.

Stutzig macht das Foto über der Erklärung. Es zeigt Jérôme Boateng, weil der eben jene Verletzung erlitten hat, die es zu erklären gibt.

Am 21. Juni 2014 im WM-Spiel gegen Ghana. Der 21. Juni ist dadurch jetzt offiziell Tag der neurogenen Wadenverhärtung bei Jérôme Boateng.

Anmerkung: Die Autokorrektur macht aus neurogen immer neuerogen. Warum das so ist, weiß selbst das Internet nicht.

Dienstag, 21. Juni 2016

Verdamp lang her. Das zweite Spiel im Prinzenpark, 28 Jahre später. Studienfahrt hieß es damals. Eiffelturm, Louvre, Sacré-Cœur, diese Sachen halt. Das Grab von Jim Morrison natürlich auch. Lange Nächte, viele Zigaretten, bis Michael Groß zu Gold fliegt und Ben Johnson die 100 Meter runter rattert, als sei er gedopt.

Paris Saint-Germain gegen AS St. Etienne. Stadtplan sagt, Stadion liegt ganz in der Nähe. Also hin. Karte für 40 Mark. Nee, lass mal. Dafür gibt’s viel Zigaretten. Ein Mann im feinsten Zwirn rennt plötzlich aus dem Stadion, bemerkt die Not und schenkt seine beiden Karten. Heute würden sie VIP-Karten heißen.

War lecker, vielleicht auch das Essen. Blöd nur, dass AS St. Etienne verliert, 1:3 Die Fans waren lauter, stimmungsvoller, die Trikots sowieso viel schöner. 19.028 Zuschauer sollen dagewesen sein.

Es gibt zwei Zeugen, die wissen, dass das nicht sein kann.

28 Jahre später ist Will Grigg on fire, aber auch on the bench. Die grüne Mannschaft verliert wieder. Grigg ist der Star der EM, noch ohne Fehlpass. Deutschland noch ohne Gegentor.

Jetzt Achtelfinale, wieder nach Lille. Zwei Wochen nach dem ersten Mal. Am Abend vorher Kroatien in Lens. Das ist ganz in der Nähe. Mal gucken, Geld für Zigaretten wird nicht mehr gebraucht.

Montag, 20. Juni 2016

Frankreich von oben. Dieses Dorf da unten, am Hang gelegen. Da sitzen jetzt bestimmt Menschen, trinken einen Espresso und lesen in der Zeitung über die Probleme ihres Landes. Über die Probleme Europas. Nur noch drei Tage, dann entscheidet sich, was aus der Idee von Europa wird. Brexit ja oder nein? Was für eine Frage im Vergleich zu Götze oder Gomez!

Immer wieder Flüsse. Manche grau wie frischer Schotter auf Eisenbahnstrecken, manche grün wie ein Smaragd, manche braun vom Schlamm.  Wie Kleckse die Swimmingpools. Himmelblau. Immer. Als würde das Wasser giftig, wenn jemand seinen Pool mal rot, lila oder gelb streichen würde.

Diese Stunde im Flugmodus ist wunderbar, um mal aus der Blase Götze oder Gomez zu springen.

Um sich daran zu erinnern, wie toll das ist, mit Götze oder Gomez sein Geld zu verdienen. Um sich die dämliche Frage zu stellen, warum alle Swimmingpools  blau sind. Dazu die Frage, ob der Plural von Swimmingpool tatsächlich Swimmingpools ist.

Nachmittags Pressekonferenz. Löw und Özil sind angekündigt. Schneider und Hummels. Özil hat Hals, Löw auch noch Schmerzen dazu. DFB sagt, beim Umswitchen von Özil von Hummels dürfe nicht zuviel hinein interpretiert werden. Aha.

Özil hört nur auf Löw. Warum auch nicht? Es ist nur Nordirland. Erstmal.

Abends irischer Pub für ein Spiel von England. Auf zwei Bildschirmen in Paris. Auf dem dritten Wales. Oben sechs Nordiren im Trikot. Europameisterschaft halt. Europa. Noch drei Tage.

Sonntag, 19. Juni 2016

Eine lila Krawatte. Liegt unter der Tür am Aufzug in der Tiefgarage. Wilde Nacht oder Verbrechen? Beim Frühstück ist zu hören, dass es in der Nacht eine kleine Schlägerei vor einem Club in Evian gegeben hat. Das ist beruhigend, denn das lässt "wilde Nacht" realistisch erscheinen.

Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Wird so gesagt. Genau wie: "Mal ist man der Hund, mal ist man der Baum." Aber die Nummer mit der Zeitung ist Quatsch. Zumindest am Wochenende. Le Figaro hat die Wetterkarte für den Sonntag schon am Samstag, und die bestätigt den Eindruck aus dem Fernsehen. Dieser Zipfel hier am Genfer See ist ein Regenloch. Noch. Es sieht nach Übergangstag aus.

Pressekonferenz mit Müller und Götze. Grundsätzlich ist es so, dass beide Spieler sehr oft sagen, dass es grundsätzlich so und so ist. Grundsätzlich ist es aber sehr gut, dass sich beide den Fragen stellen. Manager Oliver Bierhoff stellt sich anschließend die Frage, warum ein Reporter denkt, dass er noch Geschäftsbeziehungen zu einem Konzern habe, der das berühmte Wasser aus Evian vertreibt und daher den Ort beherrscht. Bierhoff sagt: "Keine Geschäftsbeziehungen."

Vor dem passiven Sport am Abend noch eine Runde aktiv. Indoor. Mit Monitor am Fahrrad. Durchzappen, hängen bleiben bei M6. Der Sender zeigt eine Dokumentation über einen Fußballer, der mal bei AS St. Etienne gespielt haben muss. Jedenfalls zeigen sie ein Spiel dieser Mannschaft gegen Borussia Mönchengladbach. Mensch, dieser Wolfgang Kneib hatte einen tollen Bart, und Revoluzzer Ewald Lienen eine geile Mähne. Zwei Tore von Gladbach werden gezeigt. Hoffentlich sieht das der Kollege, der an diesem Tag rundet. Der 50. Geburtstag fernab von der Familie, fernab von seinem geliebten Balkon in Berlin. Da können Tore seiner geliebten Gladbacher nur gut tun. Bei der Pressekonferenz muss das halbe Jahrhundert viele Hände schütteln, auch die des Kollegen aus München, der mit einem aufregenden Hemd besticht. Das Teil würde sogar bei der Darts-WM im Alexandra Palace noch auffallen. Das Hemd hat auch eine Geschichte. Aber die bleibt unter sechs Augen.

Die lila Krawatte liegt abends immer noch in der Tiefgarage.

Samstag, 18. Juni 2016

Sonnenaufgang: 5.41 Uhr, Sonnenuntergang: 21.29 Uhr, Spieler frei. Bleiben im Hotel, spielen Golf, holen sich eine noble Karosse beim Fahrservice und brausen los. "Sie haben das gebraucht“, sagt Joachim Löw, "war ohnehin geplant." Der Bundestrainer hat um 10 Uhr einen Termin. Er bringt seinen Kaffee mit, könnte ein bisschen länger dauern. Dauert auch. 43 Minuten. Für alle, die wenig Zeit haben, rafft er es gegen Ende auf Zeichen: "Ich bin absolut entspannt.“

Am Nachmittag steht die nächste Schicht an. Nochmal gucken, was gegen Polen genau gelaufen ist, vor allen Dingen schief.

Im Medienzentrum wird gekocht. Länger als 43 Minuten. Der Koch der Nationalmannschaft moderiert den Sponsorentermin. Vielleicht verrät er auch, was die Spieler so bekommen am Abend ihres freien Tages. Aber das Signal läuft ohne Ton in den Bürocontainern auf. Anfragen also bitte an den DFB.

Belgien ist wieder Geheimfavorit, Romelu Lukaku trifft, Thomas Doll trainiert mit Ferencváros Budapest schon wieder. Montag wird die Qualifikation zur Champions League ausgelost. Aber nicht in Malente. Da geht es um den DFB-Pokal. Die SV Drochtersen/Assel hoffen auf den FC Bayern, genau wie die SG Wattenscheid 09.

(Achtung: Es folgt eine Überleitung.) In Wattenscheid spielte einst Souleymane Sané, der Vater von Leroy. Dessen Förderer Norbert Elgert ist derzeit im Urlaub. "Kein Problem, wir können reden.“ Über Löws These, dass in Deutschland das Dribbeln vernachlässigt worden ist. Er sagt, was das Allerwichtigste ist: "Immer wieder versuchen, auch wenn du hängenbleibst." Er sagt auch, was „das Allerschlimmste ist: „Eltern, die am Rand stehen und schreien: ‚Fummel nicht so viel.“ Guter Mann.

Freitag, 17. Juni 2016

Eurotagebuch, Puppe, Ball

So ist Fußball. Dämlicher Satz. Klar, ist Fußball so. Handball ist ja auch so. Basketball auch, und in der Formel 1 verreckt der Motor 300 Meter vor dem Ziel. So ist Formel 1.

Fußball ist so, wie es bei Kroatien gegen Tschechien gelaufen ist. Klar bessere Mannschaft führt 2:0, dann der beste Spieler runter, Anschlusstreffer, später Ausgleich. Nicht die Regel, aber auch schon oft erlebt. Aber dieser Eklat mit den Bengalos, dieser vermeintliche Versuch eines provozierten Abbruchs, obwohl die eigene Mannschaft führt? Keine Erinnerung.

Das Wetter ist auch so. Mehrmals am Tag wird drüber gemeckert, aber machse nix. Der Genfer See am Nachmittag in traumhaftem Licht. Sonne, viel Blau am Himmel, Wolken über den Hügeln. Perfekt, um erstmals zu Fuß vom Trainingsplatz runter zu latschen an den See. 368 Meter geschafft, bis die dicken Tropfen fallen. Dunkle Wolken im Nacken, der See weiter in der Sonne.

Er will einfach nichts werden, dieser Sommer, der auch im Kalender noch beginnen muss. Ob die EM davon profitiert, so wie die WM in Deutschland von der Sonne profitiert hat, damals, 2006? Ein paar Fähnchen in Tassen, ein Lederball mit der Aufschrift "Deutschland" neben einer Puppe und eine Girlande mit den Flaggen der Teilnehmer am Kebabladen: Die EM-Temperatur in der Fußgängerzone von Evian kommt mit 35,2 Grad der Temperatur eines Menschen nahe. Das Restaurant am Casino zeigt konsequent Golf, selbst wenn "Les Bleus" spielen. Kann alles noch werden. Evian ist nicht Nizza, nicht Lyon und schon gar nicht Paris. Machse nix.

Donnerstag, 16. Juni 2016

Wie jetzt? Kein Tor in der Nachspielzeit und das erste Nullnull dieser EM, keine Wasserschlacht und kein Odonville. Dieser Abend von Paris hat wenig geleistet. Das mag mit Blick auf den Fußball enttäuschend gewesen sein, ansonsten ist das schon okay, ins Hotel zu fahren und darüber zu diskutieren, wer sich da in das Trikot von Thomas Müller geschmuggelt hat. Thomas Müller ist es jedenfalls nicht. Aber das kann ja noch werden. Das Turnier hat alles, was eine Turniermannschaft braucht, auch ein zähes zweites Gruppenspiel.

Am Nachmittag Randale auf allen Kanälen. Die Reporterin von France24 berichtet mit ernstem Gesicht von den Zwischenfällen in Lens, während hinter ihr lustige Waliser grölen und Grimassen schneiden und betrunkene Engländer nur grölen. Einen Kanal weiter schwenkt die Kamera durch die Menge und zeigt die Frau von France24 von der Seite. Die EM konzentriert sich auf zehn Quadratmeter und ist auch auf Arabisch, Italienisch und irgendetwas Nordischem zu haben. Hotels in Paris haben eine bemerkenswerte Vielfalt, was Sender angeht. Nur die Inhalte bieten derzeit wenig Abwechslung. Ein französischer Sender spricht stundenlang nur über die EM. Dann zeigt er die Spiele, und wenn die Menschen satt sind, zeigt er Fußball - Copa America.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Abfahrt verpasst. "Excusement", sagt die Fahrerin. Kein Ding.

Aber es bleibt schwierig. War das jetzt hier die erste oder die zweite links? Ein Kollege erinnert sich. Die zweite. Stimmt. Der nächste Satz ist keine Anweisung, sondern die nächste Erinnerung. "Hier in der Bar mit dem grünen Dach hat sich einer in die Luft gesprengt."

Stade de France. Sieben Monate später. Drei Sicherheitsgürtel rund um das Stadion sind angesagt. Am Tag vor dem Spiel ist es noch keiner. Bei jedem Bundesligaspiel auf Schalke werden an der Einfahrt zum Presseparkplatz Spiegel unter das Auto gehalten, Motorrad und Kofferraum kontrolliert. In Saint-Denis wird ganz auf die Sicherheitsschleuse gesetzt. Laptop raus. Gürtel? No. Uhr? No. Portemonnaie? No. Hm. Ab durch die Schleuse. Kein Piepen. Hmmmm. Wird am Spieltag gewiss anders.

Der Bundestrainer sagt, dass er sich sicher fühle. Sami Khedira sagt, dass er sich sicher fühle. Ist ja auch so. Eigentlich. Und wenn doch.

Das französische Innenministerium hat die App "saip" entwickelt. Sie ist in Grün gehalten. "No alert", ist die Anzeige. Wenn es wichtig wird, kann der Franzose sogar Englisch. Bei "Alert" würde auf Rot gewechselt. Terrorwarnung.

"Darf ‚saip‘ ihnen Mitteilungen senden?" - "Ok." Aber lass mal gut sein.
Spielt’s Fußball.

Dienstag, 14. Juni 2016

Lukas Podolski vor Journalisten

Hat der Maulwurf gut geschlafen? Diese Frage stellt sich ja jetzt wieder, nachdem er aus seinem Loch gekrabbelt ist. Vier Jahre ist er im Winterschlaf gewesen, vielleicht war's ihm in Brasilien auch zu heiß, obwohl dort ja auch Winter war. Egal.

Jetzt ist er wieder da und verrät Staatsgeheimnisse (Aufstellung einer Fußballmannschaft) an die Bild-Zeitung, und die Frage ist, ob er sich wohlfühlt hier in Evian, bei dem ständigen Regen. Morgen aber geht es weiter nach Paris, in die Stadt der Liebe. Spricht nur derzeit keiner von. Schon wieder schlimme Nachrichten. Doppelmord in der Stadt der Liebe. Der mutmaßliche Täter bekannte sich angeblich schon vor Wochen zum IS.

Wie wird das denn bei der Rückkehr ins Stade de France, ein gutes halbes Jahr nach den Anschlägen, Jérôme Boateng, Shkodran Mustafi, Lukas Podolski? Kein großes Thema in der Mannschaft, heißt es. "Konzentrieren uns auf Fußball. Fühlen uns sicher."

Überhaupt kein Thema soll dieses eine Thema sein, das durch das "fiese Video" (fragender Reporter) ja doch irgendwie eines geworden ist. Lukas Pofalla (ehemals Podolski) beendet das Thema jedenfalls: "80 Prozent von euch und ich kraulen sich auch mal an den Eiern."

Am Nachmittag ist Training und nur noch eine Frage offen: Was läuft bei den 20 Prozent eigentlich schief?

Montag, 13. Juni 2016

Was sagt das Netz? Das Netz feiert Boateng und bastelt Bilder von ihm in Rücklage.

Was machen die Spieler? Spielen Golf, zumindest ein paar. Am Nachmittag dann Training. Regeneration für diejenigen, die mit einem Sieg gegen die Ukraine gestartet sind, härteres Programm für diejenigen, die gegen Polen starten wollen. Etwa Mats Hummels.

Was sagen die Spieler? Nichts. "Keine Medienaktivitäten".

Was machen die Medien? Schreiben, senden, berichten. Über Boateng. Über Mustafi. Über Schweinsteiger.

Abends dann Fußball. Neben dem Casino in Evian ist ein Pub, in dem Evian so wirkt, als sei es gar nicht Evian. Hier ist es voll, hier werden
Pommes mit Fingern gegessen, und es gibt sogar dunkles Bier.

Sonntag, 12. Juni 2016

"Manni Breuckmann in Bielefeld, rennt die Arminia dem 0:1-Rückstand immer noch hinterher? - "So ist es, auch wenn sie drückend überlegen ist hier auf der Alm. Jetzt kommt Pasi Rautiainen über den Flügel, flankt auf Siggi Reich - Tooor, der Ausgleich."

So war das damals in der Badewanne. Bundesligakonferenz im Radio, vorher mit Vattern das Auto gewaschen. Samstags halt.

Heutzutage ist es den Menschen völlig egal, an welchem Wochentag sie die Karre säubern. Zumindest den Franzosen, zumindest den Menschen in Lille, die in der Nähe des Flughafens wohnen. Am Sonntagmorgen läuft die Waschanlage auf Hochbetrieb, was aber auch etwas Gutes hat. So geht es früher vom Hotel in die Stadt, die schön ist, wirklich sehr schön. Ruhig ist es gegen Mittag auch noch. Es ist auch noch viel Platz auf dem Place du Général du Gaulle. Die deutschen Fans sind deutlich in der Mehrzahl. Ein paar kommen mit Pickelhaube, was mindestens Kopfschütteln auslöst. Noch knapp sieben Stunden bis zum Spiel.

Nur ein paar Meter weiter hängt eine Reichskriegsflagge. Stundenlang. Auf einem Platz in Frankreich. Eine Schande. Später fliegen Stühle durch die Straßen der Stadt. Das scheint ein zweiter Wettbewerb bei dieser EM zu werden.

Mail vom DFB: "Präsident Reinhard Grindel hat heute das Widerstandsmuseum in Bondues bei Lille besucht." Es geht unter. Genau wie der friedliche Fanmarsch zum Stadion.

Dann Fußball. Gutes Spiel, bekannte Stärken, bekannte Schwächen. Dass Bastian Schweinsteiger in der 92. Minute noch zu einem solchen Sprint fähig ist, hätte niemand gedacht. Deutschland im Achtelfinale. Quasi.

Samstag, 11. Juni 2016


Flugmodus. Ab nach Lille, 80 Minuten Zeit für die Zeitung. Wäre da nicht diese Angst, beim Umblättern den Kaffee umzuschmeißen, es wäre das reinste Vergnügen. Wobei diese Angst an Loriot erinnert, was das reinste Vergnügen ist. Drei Seiten in der Süddeutschen über Albanien. Herrlich. Das Spiel der Schweiz gegen Albanien ist nun viel mehr als nur eines von 51 Spielen, in dem zwei Brüder aufeinandertreffen. Lorik Cana fliegt vom Platz. Der Kapitän, einer der Protagonisten der Geschichte. Schade.

Lille. Flughafen -> Hotel -> Stadion -> Hotel. Wie so ein Fußballprofi. Zwischendurch ein paar Happen Wales gegen die Slowakei und der nächste
Torwartfehler. Joachim Löw, der aus seinem Kapitän weiter ein Staatsgeheimnis macht. Toni Kroos, der erzählen soll, warum er nervös ist, dabei ist er die Ruhe selbst.

Beim Abschlusstraining tickt die Uhr auf dem Videowürfel im Stadion, von dem keiner genau weiß, wie er es auszusprechen hat. Geschrieben wird es Stade Pierre Mauroy. Gut 50.100 Plätze. Das Dach ist geschlossen, morgen beim Spiel gegen die Ukraine soll es geöffnet sein. Ist zu hören.

Ein Hot Dog wird sechs Euro kosten. Das ist gewiss, steht an den Preistafeln. Ein paar deutsche Fans sind auch schon am Stadion. Nur mal gucken. Ganz nett, aber drumherum mehr Industriegebiet. Immerhin: Am Parkhaus hängen Blumenkübel.

Abends dann England gegen Russland. In Marseille. Falls es noch steht. Bei den Fahrten Flughafen -> Hotel -> Stadion -> Hotel rauschen immer wieder neue Videos durchs Netz, die Zweifel nähren.

Freitag, 10. Juni 2016

Es gibt Menschen, die haben 26 Fußbälle in ihrem Keller. Zumindest gibt es einen Menschen, einen Wirtschaftsprüfer (dem Redakteur bekannt), der mal 26 Fußbälle in seinem Keller gehabt haben soll. Der Herr Wirtschaftsprüfer war so verärgert über die lärmenden Fußballer auf dem Sportplatz nebenan, dass er ihre Bälle einfach behielt, wenn sie diese mit einem wunderschönen Befreiungsschlag in seinen Garten pöhlten. So heißt das da, wo der Herr Wirtschaftsprüfer wohnt.

In Evian, etwas oberhalb des Trainingsplatzes der deutschen Nationalmannschaft, steht ein Wurfkäfig. Die Frage, warum er dort steht und nicht im Stadion, ist berechtigt, soll aber hier jetzt nicht näher erörtert werden. Der Wurfring steht halt da in seinem Käfig auf der buckeligen Wiese, die auch mal wieder gemäht werden müsste. Vom Ring bis zum Zaun des bewohnten Grundstücks sind es 63 große Schritte eines 1,90 Meter großen Mannes. Sollte Evian jemals talentierte Hammer- oder Diskuswerfer hervorgebracht haben, könnte also gut etwas in den Garten geflogen sein, was jetzt im Keller liegt. Allerdings sieht die Anlage so aus, als sei sie mal gebaut und nie benutzt worden. Es wäre daher sehr auffällig, sich als Hammerwerfer getarnt im Ring zu drehen, um von dort aus das geheime Training der Nationalmannschaft zu beobachten. Aber so etwas macht ja eh niemand.

Es ist auch schöner, zu spekulieren, wer in der Startelf stehen wird. Dieses Vergnügen nimmt gerade Thomas Schneider niemandem weg. Der Assistenztrainer von Joachim Löw ist ein begnadeter Nichtssager. Er kann nicht sagen, wer Kapitän sein wird, weil das nicht entschieden sei (obwohl sein Chef Löw zwei Tage vorher sagte, es sei entschieden, aber er würde es nicht sagen). Er kann nicht sagen, ob Mats Hummels mit nach Lille zum ersten Spiel fliegt. Er kann nicht sagen, warum da oben ein Wurfkäfig steht. Fairerweise muss gesagt werden, dass er das auch nicht gefragt wurde. Und sonst? Endlich Fußball.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Tah da. Und sonst? Thomas Müller tanzt mit Bastian Schweinsteiger. Vielleicht spart der Kapitän sich so einen Crashkursus für ein bedeutendes privates Ereignis, das es ja möglicherweise vielleicht eventuell in diesem Sommer geben wird. Aber das ist nur ein Gerücht. Etwa 450 Journalisten und Techniker sind für die Europameisterschaft akkreditiert, die nahezu täglich über die deutsche Mannschaft berichten oder diese Berichte ermöglichen.

Geschätzt tummelt sich die Hälfte davon morgens im Stadion von Evian, um "die ersten 15 Minuten" der Trainingseinheit zu verfolgen, die "für Medienvertreter geöffnet" sind, wie es immer so schön in der SMS des DFB heißt. (Da gibt es nichts zu lachen, das ist ein toller Service, auch wenn er an Zeiten erinnert, als der Torwart einen Rückpass noch aufnehmen durfte) .

Bei früheren Turnieren waren beim Training die Plätze beliebt, die möglichst weit vom Ausgang entfernt waren. So wurden 47 Sekunden herausgeschunden, die zwar keine weiteren Erkenntnisse brachten, aber das gute Gefühl vermittelten, mehr als die Konkurrenz gesehen zu haben. Ha! In Evian ist ein neuer Trend zu erkennen. Schon nach 13 Minuten und elf Sekunden setzen sich erste Reporter mit Seitwärtsbewegungen ab, um schnell am Ausgang und noch schneller an der Sicherheitsschleuse zu sein, die den Weg zum Medienzentrum versperrt.

Es dauert bestimmt eine halbe Minute pro Klient, bis der Körper gescannt ist, die Taschen überprüft und die Smartphones wieder eingesammelt sind. Macht bei 200 Mann 100 Minuten, bei maximal vier Sicherheitsleuten immer noch knapp 25 Minuten Wartezeit. "Warten macht glücklich!" Das behauptet der Philosoph Coen Simon in seinem gleichnamigen Buch. Er sollte mal ein paar Exemplare nach Evian schicken. Möglicherweise, vielleicht, eventuell lässt sich jemand überzeugen.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Die Schweiz ist weg. Regenwolken hängen tief über dem Genfer See. Das Nordufer ist von Evian aus am Morgen nicht mehr zu erkennen. Beim Training ist die Schweiz dann wieder da, dafür fehlen Julian Weigl (nicht so schlimm), Joshua Kimmich (nicht so schlimm) und Mats Hummels (nicht mehr ganz so schlimm). Lukas Podolski fehlte auch noch, aber er schwebte nach seiner Elternzeit am Nachmittag in Genf (Schweiz) ein.

Jetzt wird’s lustiger. Wobei, Reinhard Grindel ist auch lustig. Der neue Präsident des DFB richtet am Mittag bei der ersten Pressekonferenz in Evian ein paar Worte an die Journalisten. Er wird dann gefragt, was er "als Politiker" zur Bedeutung der EM für die Ukraine sage, die ja wahrlich andere Sorgen hat als Fußball. Er sagt dann, dass er kein Politiker mehr sei, weil er sein Bundestagsmandat ja zurückgegeben habe. Schatzmeister des DFB ist Grindel auch nicht mehr, denn er ist ja jetzt Präsident. Über Geld spricht er trotzdem viel. Wäre der DFB an der Börse notiert, müsste er im Sinne seiner Aktionäre das Finale erreichen und dann verlieren. Das brächte den bei dieser EM maximal möglichen Gewinn von vier Millionen Euro. Es wäre mehr drin, wenn die Hotels nicht so schweineteuer wären. So hat Grindel das nicht gesagt, er ist halt doch noch auch ein bisschen Politiker. Aber er hat das so gemeint.

Das Hotel in Evian ist gar nicht mal der Grund für die Aufregung. Die Hotels an den Spielorten rufen Wucherpreise auf. So hat es Grindel wieder nicht gemeint, aber gesagt. Und jetzt wird’s lustig: Er will darüber mit Gianni Infantino sprechen, dem Präsidenten der FIFA. Dem früheren Generalsekretär der UEFA. Dem Zögling von Michel Platini. Haha.

* Infantino ist Schweizer. Wie Blatter. Aber der ist weg.

Dienstag, 7. Juni

Jahaha. Die Fähre. Das waren noch Zeiten, als Mails in Ruhe auf der Fähre abgerufen und beantwortet wurden. Oder als mal kurz die Redaktion angerufen wurde, um etwas abzusprechen. Oder um mal mit der Familie zu chatten. Mitten auf dem João de Tiba gab es zwar ein paar Quadratmeter großes Funkloch, aber ansonsten war die Netzabdeckung in Brasilien - anders als zunächst von einigen befürchtet - sehr gut.

Am Dienstag wäre die Fähre ein guter Ort gewesen, um das Material zu überspielen, das bei der Landung der Mannschaft gedreht wurde. Aber Chambéry in den Savoyen kann mit dem João de Tiba zwischen Santo André und Santa Cruz Cabralia nur bedingt mithalten. Eine Uploadgeschwindigkeit von etwa 80 Kilobite pro Sekunde ist dann doch viel zu dürftig. Dieses Gefühl auf dem Rückweg, als der Zeiger auf der App plötzlich 1033 kbps anzeigt, ist ganz gut. Als er dann auf Null herunter rauscht und in einem Funkloch versinkt, ist es eher - mäßig. Aber gut. Machse nix.

Ärgerlich wird es am Abend. Die Nationalmannschaft trainiert schön in der Sonne, die vielen Kinder beim öffentlichen Training sind glücklich, mal den Weltmeister zu sehen. Thomas Müller ist ihr Favorit. „Där schießt so viel Tor“, sagt ein kleiner Franzose. Der Schreckmoment, als Antonio Rüdiger wegen einer Verletzung am Knie vom Platz geführt wird, ist bei den Kindern schnell vergessen. Sie freuen sich über Autogramme und Bälle, die ins Publikum geschossen werden. Manche erhaschen zwei Bälle, und nehmen zwei mit nach Hause. Das Kind daneben lassen sie traurig stehen. Es hätte auch gerne einen abbekommen. Ein paar Minuten auf der Fähre wären jetzt gut. Um runterzukommen.

Montag, 6. Juni 2016

Endlich mal wieder rote Wiese. Oder auch Aschenplatz. Oder auch Tennisplatz. Oder auch Grandplatz. Egal, wie die rote Wiese genannt wird, sie verschwindet immer mehr zugunsten der Kunstrasenplätze. Zum Glück. Andererseits: An der roten Wiese hängen so schöne Erinnerungen, dass es eine große Freude ist, die Bürocontainer von ARD und ZDF in Evian auf eben jener Asche zu sehen.

Am ersten vollen Tag im Quartier der deutschen Nationalmannschaft staubt es ein bisschen, weil die Sonne einen prächtigen Tag beschert. Die Vorstellung eines heftigen Gewitters mit folgender Verwandlung der roten Wiese in einen rot-braunen Teich, in dem der Ball nicht mehr richtig vorwärts kommt, ist - ach, auch das sind schöne Erinnerungen.

Der Rasen im Stade Camille Fournier ist am Montag künstlich bewässert worden. Die speziell für Joachim Löws Vorstellungen abgekreideten Flächen sind von der Plattform sehr gut zu sehen. Von dem kleinen Turm wird in den kommenden Wochen häufig in ARD und ZDF gesendet werden. Er wäre optimal geeignet, um die geheimen Trainingseinheiten zu beobachten. Wäre.

Am frühen Nachmittag fährt ein kleiner Bus vor. Er erinnert an ein Thema, das in den Mediencontainern auf der roten Wiese in den kommenden Wochen nach Möglichkeit nur eine sehr kleine Rolle spielen soll. Mehrere Männer in Tarnanzügen steigen aus dem Bus, sie sehen aus wie eine Einheit des Militärs. Mit Spürhunden suchen sie das Gebüsch und die Papierkörbe ab, im Stadion sind ihre Kollegen unterwegs, auch mit Hunden. Auf den blauen Anzügen steht "Recherche d’Explosifs".

Im Hintergrund ruht der Genfer See. Still. Ein schönes Bild. Aber nur ein Teil der Wirklichkeit.

Stand: 10.07.2016, 17:05

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