Deutschland scheitert am Sturmproblem

Joachim Löw mit Händen vorm Gesicht plus Schriftzug Analyse

Die Gründe fürs deutsche EM-Halbfinal-Aus

Deutschland scheitert am Sturmproblem

Von Marcus Bark (Marseille)

Trotz der besten Halbzeit des Turniers scheidet Deutschland im Halbfinale der Europameisterschaft aus. Die harmlose Offensive ist das Problem, die Klasse eines Antoine Griezmann ebenso.

Joachim Löw saß in der ersten Reihe und checkte die Nachrichten auf seinem Mobiltelefon. Es wird vor allem Trost gewesen sein, den er da kurz vor der Abfahrt des Mannschaftsbusses aus dem Stade Vélodrome regungslos vernahm. Mit Blaulicht und Hupen setzte sich der Tross dann in Bewegung. Draußen war's noch viel lauter, denn die Franzosen feierten den Sieg im EM-Halbfinale mit einem Dauerhupen.

Löw: "Nicht das nötige Glück gehabt"

"Sie haben schon eine gute Mannschaft und werden das Endspiel gegen Portugal gewinnen", sagte der Bundestrainer. Die bessere Mannschaft gewesen zu sein, reklamierte Löw aber immer noch für sich. Er könne kaum Kritik üben, weil Deutschland das Spiel kontrolliert, aber "nicht das nötige Glück gehabt" habe.

"Immer Glück ist Können", hat Bayern Münchens Assistenztrainer Hermann Gerland einmal gesagt. Der Umkehrschluss gilt genauso, daher macht es sich der Bundestrainer ein wenig zu einfach, wenn er das Ausscheiden vor allem auf Pech reduziert.

Offensive das entscheidende Problem

Die deutsche Mannschaft erzielte in sechs Spielen nur sieben Tore. Das ist zu wenig, um nach Paris ins Finale zu kommen und sich den Traum zu erfüllen, nach dem Weltmeistertitel auch die Europameisterschaft zu gewinnen. Die Offensive war das entscheidende Problem, besonders nach der Verletzung von Mario Gomez. Er fehlte als wuchtiger und abschlussstarker Stürmer gegen kompromisslose französische Verteidiger, die mit Thomas Müller wenig Mühe hatten.

Müllers Wille zu wenig

Frustrierte deutsche Spieler nach Spielschluss

Frustrierte deutsche Spieler nach Spielschluss

Beim Münchner war die Hoffnung im deutschen Tross groß, dass er sein erstes Tor bei einer EM irgendwann schon in Frankreich erzielen werde. Sie war einerseits berechtigt, denn Müller ist Müller. Aber auch und gerade in Marseille zeigte sich, dass Müller nur Müller sein kann, wenn die körperlichen und mentalen Voraussetzungen bei ihm stimmen. Er lief wieder viel, aber es fehlte der schnelle Antritt, um mal am Gegner vorbeizuziehen, und es fehlte das Selbstvertrauen, um auf die gute Gelegenheit zum Abschluss zu warten. Müller versuchte es aus der Distanz, versuchte es, obwohl zwei Franzosen direkt vor ihm standen. Er gewann nur drei Zweikämpfe, sein Wille war zu wenig, um das Glück zu erzwingen.

Das Tor zum 2:0 von Antoine Griezmann, des überragenden Franzosen mit nun schon sechs Turniertreffern, war ein Tor, das Thomas Müller besonders weh getan haben dürfte. Im Strafraum genau dort zu stehen, wo der Ball hinfällt, um ihn dann einzudrücken, ist die Stärke des Münchners, von der in Frankreich nur in ganz kleinen Ansätzen etwas zu sehen war.

Zum zweiten Mal torlos

Ein Positionswechsel während der Partie wäre möglich gewesen, aber Löw sah nur die Chance auf zeitweilige Rochaden. Da aber weder Julian Draxler noch der eingewechselte Mario Götze Stärke bewiesen, blieb die deutsche Nationalmannschaft zum zweiten Mal nach dem 0:0 gegen Polen im Turnier ohne Tor.

Wo sind die Stoßstürmer?

Es waren Formschwächen und fehlende personelle Optionen, die neben den offensichtlichen Fehlern vor den Toren - unnötige Klärung zum Eckstoß von Jonas Hector, Handspiel Bastian Schweinsteiger, Querpass im Strafraum von Benedikt Höwedes, technischer Fehler von Joshua Kimmich - für das Aus verantwortlich waren. Es zeigte sich sogar eines der wenigen grundsätzlichen Probleme des deutschen Fußballs: wuchtige Stürmer von hohem internationalen Niveau fehlen.

Gut ist zu wenig

Irgendwann in den kommenden Wochen will Joachim Löw mit seinem Trainerstab die Europameisterschaft analysieren, von der er überzeugt ist, dass sie "ein gutes Turnier" von der deutschen Mannschaft war. Als Pauschalurteil geht das durch. Aber im qualitativ hochwertigsten Spiel der EM bislang war gut zu wenig. Sogar ein sehr gut aus der ersten Halbzeit nach fünf, sechs wilden Minuten zu Beginn war zu wenig.

Stand: 08.07.2016, 08:30

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