Kittels Enttäuschung ist riesig

Marcel Kittel auf der 17. Etappe der Tour de France

17. Etappe der Tour de France – Sprinter stürzt und gibt auf

Kittels Enttäuschung ist riesig

Von Michael Ostermann (Serre Chevalier)

Zwei Wochen lang ist Marcel Kittel einer der strahlenden Sieger bei der Tour de France. Am ersten Tag in den Alpen stürzt der Mann im Grünen Trikot und gibt wenig später auf. Ganz auf der Höhe war er schon in den Tagen vorher nicht mehr.

Im Gesicht von Marcel Kittel war schon zu erkennen, was er sagen würde, als er am frühen Abend in Serre Chevalier aus dem Hotel trat, um den wartenden Reportern zu erzählen, was ohnehin alle sehen konnten. "Das ist natürlich eine Riesenenttäuschung", sagte Kittel.

Grünes Trikot in Fetzen

Die Tour de France ist für den deutschen Sprinter vorbei. Vier Tage bevor sie Paris erreicht. Dort hätte Kittel sich gerne auf dem Podium das Grüne Trikot des besten Sprinters überstreifen lassen. Doch ein Sturz auf der 17. Etappe macht diese Aussicht zunichte. Kittel hat das Rennen aufgegeben.

Erst 18 von insgesamt 183 Kilometern hatte das Peloton zurückgelegt, als ein Sturz Kittel mit zu Boden riss. "Ich weiß nur noch, dass ich auf einmal ein Hinterrad vor mir stehen hatte und ich drüber gefahren bin", schilderte der 29-Jährige die Situation. "Das ging alles so schnell, da hatte ich keine Chance zu reagieren."

Danach hing das Grüne Trikot in Fetzen von seinen Schultern. Das rechte Knie blutete. Kittel sah demoralisiert aus, als man ihm ein neues Rad reichte, damit er die Fahrt fortsetzen konnte. So, als ahnte er da bereits, dass er diesen Tag nicht überstehen würde.

Aufmunterung hilft nicht

Das in Aussicht stehende Programm war ja auch mehr als happig. Insgesamt vier Anstiege in den Alpen waren noch zu bestehen. Darunter mit dem Col de la Croix de Fer und dem Galibier zwei Berge der Hors Categorie. Kittel setzte sich aufs Rad, wechselte die Schuhe und ließ seine Wunden versorgen. "Ich wollte nicht aufgeben im Grünen Trikot", sagte er. "Ich wollte schon noch sehen, dass ich vielleicht die zweite Luft kriege und ich mich durchquälen kann bis ins Ziel."

Die zweite Luft blieb aus. Schon am Col d’Ornon, einem Anstieg der 2. Kategorie hatte Kittel Probleme, mitzuhalten. Auch die Aufmunterung der Kollegen brachte nichts. "Du schaffst das", habe er ihm zugerufen, berichtete der Deutsche Meister Marcus Burghardt. Doch gleich zu Beginn des Col de la Croix de Fer war Kittel wieder abgehangen.

Alleingelassen am Croix de Fer

Sein Team Quick Step Floors hatte ihm zu diesem Zeitpunkt mit dem Belgier Julien Vermote und dem Italiener Fabio Sabatini zwei Helfer zur Seite gestellt, in der Hoffnung, dass diese ihn innerhalb des Zeitlimits ins Ziel geleiten könnten. "Doch jedes Mal, wenn wir das Tempo ein bisschen angezogen haben, konnte er nicht mithalten", berichtete Vermote später.

Etwa einen Kilometer vor dem Gipfel gab der Sportliche Leiter Davide Bramati Kittels Begleitern die Order, nicht länger auf den Mann im Grünen Trikot zu warten. Denn sonst hätten auch sie möglicherweise das Rennen verlassen müssen, weil sie nicht innerhalb der Karenzzeit ins Ziel gekommen wären. "Oben auf dem Croix de Fer war ich fast 18 Minuten hinter dem Feld. Das war aussichtslos", sagte Kittel.

Krank seit der zweiten Woche

Der Sturz in den Alpen war für den Mann, der in der ersten Tourwoche mit fünf Etappensiegen für Furore gesorgt hatte, der letzte Schlag in einer Serie von Rückschlägen, die er in den vergangenen Tagen hatte erleiden müssen. In der zweiten Tourwoche hatte er sich mit Magenproblemen herumgeplagt. "Und in den letzten Tagen hatte ich Rotz", gab Kittel nun mit tatsächlich nasaler Stimme bekannt.

Sein Teamkollege Philippe Gilbert hatte die Tour schon zuvor krank verlassen müssen. Doch Kittel hatte seine eigenen Probleme bis dahin gut vor den Konkurrenten und der Öffentlichkeit verheimlichen können. Im Radsport gehört es unbedingt dazu, keine Schwächen sichtbar werden zu lassen. Doch nach dem zweiten Ruhetag am vergangenen Montag, war dann doch deutlich geworden, dass Kittel nicht mehr ganz auf der Höhe war.

Nur leicht verletzt

Auf der 16. Etappe durch das Zentralmassiv hatte er ebenfalls schon früh den Anschluss verpasst und mitansehen müssen, wie der Australier Michael Matthews den Rückstand in der Punktwertung um das Grüne Trikot auf 29 Punkte verkürzte. Matthews wird das Maillot Vert nun mit großer Sicherheit auf den Champs Élysées in Paris gewinnen.

Kittel wird dann schon zuhause sein. "Ich habe fünf Etappen gewonnen, da werde ich die Tour nicht mit einem schlechten Gefühl verlassen", sagte er fast trotzig. Immerhin blieb er von schlimmeren Verletzungen verschont. Er habe lediglich Schwellungen am Hintern und an der rechten Schulter, mehr nicht. Doch das war an diesem Abend nur ein schwacher Trost.

Stand: 19.07.2017, 20:03

Gesamtwertung

Name h
1. Christopher Froome 86:20:55
2. Rigoberto Urán + 54
3. Romain Bardet + 2:20
4. Mikel Landa Meana + 2:21
5. Fabio Aru + 3:05
6. Daniel Martin + 4:42
7. Simon Yates + 6:14
8. Louis Meintjes + 8:20
9. Alberto Contador + 8:49
10. Warren Barguil + 9:25
Darstellung: