Etappensieg in Lüttich

Marcel Kittel weint vor Glück

Michael Ostermann, Lüttich

Marcel Kittel sprintet in Lüttich souverän zum Etappensieg. Doch nicht nur der erfolgreiche Sprint ist es, der ihn im Ziel emotional überwältigt.

Etappensiege bei der Tour de France sind eine emotionale Angelegenheit für jeden Fahrer, der bei diesem Rennen als Erster über den Zielstrich fährt. Insofern mussten einen die Tränen von Marcel Kittel nicht wundern, als er sich nach seinem Sieg in Lüttich am Sonntags (02.07.2017) auf den Boden hockte und hemmungslos drauflos weinte. Doch diesmal war es nicht einfach nur ein weiterer Sprintsieg, der Kittel derart in Wallungen brachte. Es war der ganze Tag, der ihn aufgewühlt hatte.

Große Begeisterung

"Ich musste mich sehr zusammenreißen, dass mir nicht unterwegs schon eine Träne über das Gesicht rollt", sagte Kittel nach der Siegerehrung, bei der man ihm zudem noch das Grüne Trikot des Sprintbesten übergestreift hatte. Rund eine Million Menschen hatten die ersten 150 Kilometer von Düsseldorf bis zur belgischen Grenze an der Strecke verfolgt und selbst als heftiger Regen einsetzte, dicht an dicht die Straßen gesäumt. Es war fast ein bisschen wie damals, als die Nation Jan Ullrich und das Team Telekom feierte.

Kittel: "Mir fehlen die Worte" | Sportschau | 02.07.2017 | 02:56 Min. | Verfügbar bis 02.07.2018 | Das Erste

Kittel beanspruchte einen kleinen Teil dieser Begeisterung des deutschen Publikums für sich, weil er in den letzten Jahren immer wieder für den Radsport geworben hatte, der nach vielen Dopingskandalen in Ungnade gefallen war. "Dass das jetzt wirklich Realität ist, dass ich das selbst als Rennfahrer erleben darf und ich am Ende sogar noch die Etappe, die in Düsseldorf startet, gewinnen kann, das ist ein Moment, der mich den Rest meines Lebens begleiten und stolz machen wird."

Aufgeräumter Greipel

Besonders war dieser Tag nicht nur für Kittel, sondern für alle 16 deutschen Tourstarter. Selbst André Greipel, der sonst nach einem verpassten Erfolg schon mal gruß- und wortlos im Teambus verschwindet, war diesmal trotz Platz drei hinter Kittel und dem Franzosen Arnaud Démare in aufgeräumter Stimmung. "Es war ein grandioses Ereignis, man hat auf jeden Fall gesehen, dass der Radsport in Deutschland nicht tot ist", stellte Greipel gut gelaunt fest.

Auch sportlich war er mit dem Ergebnis des Tages nicht vollkommen unzufrieden. Sein Lotto-Soudal-Team war die einzige Mannschaft, die im Finale so etwas wie einen Sprintzug zustande bekommen hatte. "Mit dem Gegenwind haben dann aber dreihundert Meter gefehlt um einen perfekten Lead out hinzubekommen", sagte Greipel. "Am Ende hat dann der Stärkste gewonnen."

Mit Intelligenz und Auge

Auf den letzten 150 Metern war Marcel Kittel an seinen Konkurrenten vorbeigeschossen, obwohl auch sein Team sich im Finale nicht richtig gefunden hatte. "Am Ende haben wir versucht, die Kohlen aus dem Feuer zu holen und intelligent zu fahren", sagte Kittel. Immerhin konnte ihn sein italienischer Teamkollege Matteo Trentin noch bei der 500-Meter-Marke abliefern. "Und dort habe ich dann versucht mit Auge von Rad zu Rad zu kommen und das hat super geklappt." Zumal seine Konkurrenten im Gegensatz zu ihm alle zu früh im Wind gewesen waren.

Für Kittel war der Erfolg bereits der zehnte Touretappensieg, seit er 2013 das erste Mal am Start stand. Greipel kommt auf elf Erfolge und Erik Zabel wird mit zwölf Etappensiegen in der Statistik geführt. Ob er den Rekord für deutsche Etappensiege anvisiere, wurde er in Lüttich gefragt. "Daran denke ich überhaupt nicht", lautete Kittels Antwort. "Es geht nicht um Zahlen, es geht um den Moment. Gerade heute war so ein besonderer Sieg." Einer der noch mehr Emotionen hervorrief als sonst.